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„Wir müssen Herr über die Maschinen bleiben“

Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger deutscher Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks und Netzaktivist, spricht am 05.09.2013 in Berlin .
Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger deutscher Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks und Netzaktivist, spricht am 05.09.2013 in Berlin . FOTO: Stephanie Pilick (dpa)
Cottbus. Als Mitbegründer der Entwicklungsplattform Wikileaks hat Daniel Domscheit-Berg (39) die Welt verändert. Am Freitagabend will er in Cottbus mit Kinobesuchern diskutieren. Bodo Baumert

Herr Domscheit-Berg, Sie waren mit Wikileaks im Zentrum des Weltinteresses. Was führt Sie jetzt nach Cottbus?

Ich komme im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, in der wir den Film "Inside Wikileaks" zeigen. Für mich ist das eine schöne Gelegenheit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich sonst eher nicht für Themen wie digitale Überwachung, Transparenz oder Informationsfreiheit interessieren. Und natürlich mache ich auch ein wenig Wahlkampf für meine Frau, die in Brandenburg für die Linke zur Bundestagswahl antritt.

Der Kinofilm zeigt ihre Version der Geschichte von Wikileaks, die Sie in ihrem Buch veröffentlicht haben. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Mit gemischten Gefühlen. Es war eine sehr aufregende Zeit, in der wir viele Dinge bewegt haben. Aber ich bin mit Julian Assange auch nicht ganz glücklich auseinandergegangen. Haben Sie mit ihrer Arbeit, mit den Enthüllungen auf Wikileaks, die Welt verändert? Das ist ein sehr großes Wort. Ich würde sagen, dass wir zu einem kulturellen Wandel beigetragen haben, oder im Zentrum eines Kulturwandels standen. Die Art, wie Menschen mit Transparenz umgehen, mit Whistleblowern - das hat sich gewandelt und muss sich weiter wandeln. Transparenz kann nicht nur Aufgabe einer oder mehrerer Plattformen sein. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Was bereitet Ihnen heute mehr Sorgen: die Überwachung durch die CIA? Durch Facebook? Oder die Tatsache, dass Menschen ihr gesamtes Privatleben einfach so in sozialen Medien zur Schau stellen?

Letzteres ist eher dem Umstand geschuldet, dass das "Neuland Internet" für viele noch unbekannt ist. Da herrscht viel Naivität. Was mir aber mehr Sorgen bereitet ist die Tatsache, dass es Unternehmen gibt, die diese Naivität auszunutzen. Das gilt genauso für Geheimdienste, die voll über die Strenge schlagen.

Sie sehen sich als Internet-Aktivist, engagieren sich auch in Brandenburger Schulen. Was muss sich dort ändern? Wie kann man junge Menschen auf die digitale Welt vorbereiten?

Wichtig ist, zunächst zu erkennen, dass das nicht nur ein Thema für den Informatikunterricht ist. Das muss in alle Unterrichtsstunden rein. Das Curriculum muss auch in Fächern wie etwa Geschichte angepasst werden. Wie IBM mit dem Hitlerregime zusammengearbeitet hat - das gehört in den Geschichtsunterricht. Ein anderes Beispiel: An dem meisten Schulen können Jugendliche heute drei Fremdsprachen lernen, aber nicht eine Programmiersprache. Elektronik, Programmieren, das sind wichtige Lernfelder. Nur, wenn wir die Technik verstehen, - wenn wir sie nicht nutzen -, können wir Herr der Maschine bleiben.

Sie sind ja auch in wenig Visionär für das Digitale. Verraten Sie uns: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus?

Das ist ganz schwierig vorherzusagen. Wovon wir ausgehen müssen, ist, dass sich unsere gesamte Gesellschaft verändern wird. Es wird nie wieder Vollbeschäftigung geben. Denken Sie an 3-D-Drucker, an künstliche Intelligenz, das wird unsere Arbeitswelt komplett verändern. Zwei Drittel der Berufe, die unsere Kinder ergreifen werden, gibt es jetzt noch gar nicht. Für diesen Wandel müssen wir heute schon die Kompetenzen vermitteln. Als Gesellschaft müssen wir uns genau diesen Fragen stellen. Dafür brauchen wir auch Parteien, die bereit sind, sich diesen Zukunftsfragen zu stellen. Was wollen wir in Zukunft? Wie können wir den Wandel gestalten? Es gibt ein Möglichkeitsfenster, das jetzt zu tun. Dieses Fenster wird aber nicht ewig offen bleiben. Demokratie und Transparenz sind deshalb so wichtig, dass sich Menschen an diesen Diskussionen beteiligen. Auch deshalb sind meine Frau und ich nach Cottbus gekommen.

Am 14. Juli zeigt der Weltspiegel Cottbus den Film "Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt". Anschließend findet eine Diskussionsrunde mit Anke und Daniel Domscheit-Berg statt. Moderiert wird sie vom Landtagsabgeordneten Matthias Loehr (Linke). Los geht es um 19.30 Uhr. Einlass ist ab 18 Uhr.