Vor allem die reichen Silbervorkommen waren es, die in den vergangenen Jahrhunderten für Sachsens Glanz sorgten. Stießen in jener Zeit die Bergleute bei der Suche nach dem Edelmetall auf ein schwärzliches Erz, hatten sie Pech gehabt - die „Pechblende“ galt als wertlos und kam auf die Halde. Noch ahnte niemand, welche Bedeutung das "tote Gestein" wegen seines Urangehalts später bekommen sollte. Für das Erzgebirge und andere Regionen Sachsens sowie Ost thüringens sollte es zum Fluch werden.
Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges tauchten sowjetische Militärs mit Geologen im Gefolge in dem kleinen erzgebirgischen Kurort Schlema auf. Dass sie auf der Suche nach Uranlagerstätten zuallererst gerade hierherkamen, war kein Zufall. Ihnen war klar: Hier würden sie fündig. Vor knapp 100 Jahren war der überaus hohe Gehalt an Radon in den Schlemaer Grubenwässern entdeckt worden. Radon ist ein Zerfallsprodukt des Uran und wirkt bei entsprechender Dosierung nachweislich heilend, vor allem bei Rheuma, Gicht, Ischias und nervösen Störungen.

Keine günstige Prognose
Das 1918 gegründete "Radiumbad Oberschlema" prosperierte schnell und war auf dem Weg zu europäischer Berühmtheit. 1936 wurde gar eine Schnellzugverbindung von und nach Berlin eingerichtet. Selbst mitten im Krieg ging der Kurbetrieb weiter, 1943 wurde mit 17 048 die höchste Zahl an Kurgästen erreicht. Nach kurzer Unterbrechung begann schon im Januar 1946 wieder der volle Kurbetrieb. Doch die Ankunft der sowjetischen Suchtrupps war der Anfang vom Ende des Kurbades.
In seinem Jahresbericht 1946 stellt Kurdirektor Karl Tetzner fest: "Schon türmen sich Schutthalden, sogar in den Kuranlagen und wenn die Gerüchte zutreffen, dass das erst der Anfang sei, da lässt sich für das Bad - für die nächste Zeit wenigstens - leider keine günstige Prognose stellen." Ins Kurhotel zogen Offiziere der Roten Armee ein. Schon im Herbst 1947 war Schlema nur noch Bergbauort. Ruhe und Beschaulichkeit waren dahin. Alte Fotos zeigen Stacheldrahtzäune und Postentürme, die Gemeinde war zum "Sondergebiet" erklärt worden. "Zu den Schichtwechseln quollen schier endlose Menschenströme aus den Schächten in Richtung Bahnhof", heißt es in der Ortschronik. In den mehr als vier Jahrzehnten Uranbergbau war die DDR hinter den USA und Kanada zum drittgrößten Uranproduzenten aufgestiegen. Rund 231 000 Tonnen Uran holte erst die Sowjetische und ab 1954 die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut aus den Gruben in Sachsen und Ostthüringen. In den streng abgeschirmten Wismut-Betrieben arbeiteten zeitweise bis zu 130 000 Menschen. Das ganze Ausmaß der durch den Uranbergbau verursachten Umweltschäden trat erst nach der Wende in der DDR zu Tage. Aus dem Bergbaubetrieb Wismut wurde 1991 auf der Grundlage eines Gesetzes das bundeseigene Sanierungsunternehmen Wismut GmbH. „Wir hatten zu Beginn der Sanierung keine Ahnung, was uns erwartet“ , erzählt Steffen Schmidt, Wismut-Niederlassungsleiter am Standort Aue. „Es gab keine Dokumentationen, wir wussten nicht, wie der Berg reagiert.“
Zu dem schweren Erbe gehörten unter anderem rund 1500 Kilometer offene Grubenbaue, 311 Millionen Kubikmeter Haldenmaterial und 160 Millionen Kubikmeter radioaktive Schlämme. Es galt, Gruben stillzulegen, zu fluten und zu verwahren, kontaminierte Anlagen zu demontieren, Halden und Schlammteiche zu sanieren und mit Schadstoffen und Schwermetallen belastete Abwässer zu reinigen. Um die Hinterlassenschaft in den Griff zu bekommen, werden aus dem Bundeshaushalt insgesamt bis zu 6,2 Milliarden Euro bereitgestellt. Bislang hat die Sanierung in rund 15 Jahren 4,6 Milliarden Euro verschlungen. Ziel ist es, sie bis etwa 2015 abzuschließen.
Zurück zu Schlema, wo das Kapitel Uranbergbau begann. In dieser Zeit wurden im Ort 328 Häuser abgerissen, der gesamte Ortskern verschwand und mit ihm die Kuranlagen. Bürgermeister Jens Müller blickt zurück: „Schlema war ein Dreck- und Schlammnest. Es gab Pläne, den ganzen Ort umzusiedeln.“ Lange Zeit hatte Schlema nach der Wende gegen das von Medien angedichtete Image „Tal des Todes“ anzukämpfen. „Wismut, das war mit Strahlenbelastung verbunden und die eigentliche Herausforderung bei der Sanierung“ , sagt Michael Lersow, Technischer Geschäftsführer der Wismut GmbH.

Zwangsbewetterung
Deshalb stehe das Unternehmen auch unter ständiger Beobachtung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) mit Sitz in Wien. Eine sogenannte Zwangsbewetterung über Schächte bewahre Schlema vor zu hohen Radonkonzentrationen. „Es gibt nur eine natürliche Belastung. Wir können nicht besser sanieren als die Natur. Hier ist alles clean“ , betont der Wismut-Manager.
Woran 1990 nur eine Handvoll unverbesserlicher Optimisten in dem 6000 Einwohner zählenden Ort glaubte, ist Wirklichkeit geworden: Schlema hat die Wiedergeburt als Radonheilbad geschafft und darf sich seit vergangenem Jahr wieder Bad Schlema nennen. Der Kurbetrieb läuft bereits seit 1998 wieder. Durchschnittlich 400 000 Menschen im Jahr suchen hier Heilung. „Wir sind das einzige Bad in Sachsen, das schwarze Zahlen schreibt“ , sagt Bürgermeister Jens Müller stolz. Und man peilt noch eine andere Klientel an. Zwischen den begrünten Halden entsteht auf rund 60 Hektar derzeit ein 18-Loch-Golfplatz. Fotos aus der Zeit der „alten Wismut“ zeigen einen verwüsteten Ort mit hässlichen kahlen Halden. Wer heute hoch über dem Ort steht und den Blick über das Schlematal schweifen lässt, will es kaum glauben: Die hügelige Landschaft erinnert an ein grünes Meer. Von den Wunden der Vergangenheit ist nichts mehr zu sehen.