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| 01:00 Uhr

„Wir haben es einfach satt“

In Forst ließen gestern Ärzte aus Protest die Praxistüren zu. In Vetschau hat eine Internistin dauerhaft dicht gemacht. Anlass sind neue Honorarabrechungen, die vorige Woche verschickt wurden. Für einige Mediziner bedeuten sie bis zu einem Drittel weniger Einahmen. Sachsen scheint anders als Brandenburg davon nicht so stark betroffen zu sein. Von Bernd-Volker Brahms <br> und Simone Wendler

Die Schiebetüren im Ärztehaus Friedrichplatz in Forst stehen an diesem Morgen kaum still. Viele Leute beeilen sich, zum Fahrstuhl zu kommen. Junge Mütter mit Kinderwagen sind darunter, meist aber ältere Patienten. Dass bis auf einen Notdienst die Praxen in der Stadt an diesem Tag geschlossen sind, wissen sie noch nicht. Das erfahren sie erst durch Zettel an den Sprechzimmertüren: "Unsere Praxis ist geschlossen aus Protest gegen KV- und Kassen-Willkür." Mit KV ist die Kassenärztliche Vereinigung gemeint.

Zustimmung und Verwunderung
„Das ist völlig in Ordnung mit dem Protest“ , sagt der 74-jährige Helmut Noack. Die Ärzte müssten vernünftig bezahlt werden. Eigentlich will er nur zu einer Krankenschwester wegen einer Infusion. Vom Protest der Ärzte hatte er in der Zeitung gelesen. Dass die Türen aber ganz dicht sind, wundert ihn doch. Auch Käthe Ruhnow aus Noßdorf ist erstaunt. Die 78-Jährige wollte sich einen Termin geben lassen. Nun muss sie nochmal kommen. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft: „Irgendwann will doch kein Arzt mehr hierher, wenn er nicht vernünftig bezahlt wird.“ Da müsse man sich über Ärztemangel nicht wundern.
In Vetschau hat die Internistin Dr. Ute Arend am vorigen Freitag ihre Praxis vorerst abgeschlossen, „aus betriebswirtschaftlichen Gründen“ , so die Ansage auf ihrem Anrufbeantworter. „Wenn sich nicht innerhalb von vier Wochen was ändert, bleibt die Tür zu“ , zeigt sich die 49-jährige Ärztin konsequent. Ein Drittel weniger Geld hat ihr die Honorarabrechnung für das zweite Quartal dieses Jahres gebracht. Damit sei die Praxis nicht mehr zu finanzieren.
Ihrem Kollegen Dr. Harald Scholz in Luckau geht es nicht viel besser: „Ich arbeite nur noch für die Unkosten und lebe jetzt vom Einkommen meiner Frau.“ Bis zum Jahresende nimmt er keine neuen Patienten mehr an. Wie es weitergeht, weiß er noch nicht. Die neue Honorarverteilung sei existenzbedrohend. „Wir haben es einfach satt“ , spricht Scholz aus, was viele seiner Kollegen nach jahrelangem Streit um immer knappere Budgets denken. Hintergrund des Aufruhrs unter ambulanten Medizinern in der Region ist eine seit April geltende neue Honorarverteilung.
Die Bezahlung niedergelassener Mediziner ist kompliziert. Die Krankenkassen zahlen eine Kopf-Pauschale für jedes Mitglied pro Quartal an die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Damit ist der Geldtopf, der zur Verfügung steht, von vornherein begrenzt. Die KV, organisiert nach Bundesländern, verteilt dann nach Punktwerten und anderen Kriterien den Inhalt des Topfes unter den Medizinern.

Neue Verteilungsregeln
Seit dem ersten April gilt ein neuer Bewertungsmaßstab für die Punktwerte. Damit, so Ralf Herre, Pressesprecher der KV Brandenburg, wurde eine politisch gewollte Veränderung umgesetzt: Abwertung der technischen Medizin und Aufwertung des Patientengesprächs. Die Folgen davon für einzelne Ärzte seien schwer abschätzbar gewesen, so Herre.
Doch verändert wurde zum ersten April auch der Honorarverteilungsvertrag (HVV). Dieser basiert auf dem Punktesystem und legt fest, wieviel Cent ein Punkt Wert ist und wieviel Geld in die einzelnen Fachrichtungen fließt. Dass ab April für einige hundert Ärzte in Brandenburg Umsatzeinbußen drohen, hatten Modellrechnungen der KV Brandenburg erwarten lassen, doch nicht so drastische. „Wir brauchen jetzt eine schnelle Analyse der Verschiebungen und dann eine schnelle Reaktion“ , so der Brandenburger KV-Sprecher Ralf Herre. Er bestätigt, dass es auch Ärzte gibt, die mit der Neuregelung finanziell besser abschneiden.

Weniger Probleme in Sachsen
In Sachsen bleiben Proteste bisher aus. „Wir haben die Umverteilung abgeflacht“ , sagt Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen. Bei der Einteilung von Facharztgruppen wurde weniger differenziert als in Brandenburg. Im Freistaat werden die Einbußen für einige Ärzte maximal zehn bis fünfzehn Prozent betragen, so Heckemann.
In Brandenburg haben derweil die Schuldzuweisungen begonnen. Die KV fordert mehr Geld und beklagt, dass die Krankenkassen pro Quartal fünf Millionen Euro weniger zahlen als im Vorjahr. Jörg Trinogga, Sprecher der märkischen AOK, gibt den Schwarzen Peter zurück: „Wir haben vor diesem HVV gewarnt, aber uns wurde immer versichert, dass es keine großen Ausreißer geben wird.“ Die fehlenden fünf Millionen Euro pro Quartal seien überwiegend gesunkene Beiträge, die schon bei den Kassen fehlten.
Dass Hartz IV im Gesundheitswesen durch mehr mitversicherte Familienangehörige faktisch eine Budgetkürzung verursacht hat, räumt auch Brandenburgs Sozialministerin Dagmar Ziegler (SPD) ein. Mit weniger Beitragszahlern könne nicht dieselbe Zahl von Patienten versorgt werden. Deshalb will sie sich für eine Gesetzesänderung einsetzen. Noch im November treffen sich in Brandenburg außerdem KV und Krankenkassen, um weitere Praxisschließungen zu verhindern.