Morgens hat Mark Stephenson (39) seine Schüler noch üben lassen - das leichte Drehen der Hand, den richtigen Winkel von Ober- und Unterarm. "Die Kinder habe alle winken wie die Queen gelernt", grinst der Lehrer der "Berlin British School" auf der Spreebrücke nahe dem Kanzleramt. Die Aufregung bei ihm und den rund 100 Schülern ist groß, die britische Botschaft hat extra Fähnchen verteilt. Als das 90 Jahre alte Holzboot "Ajax" mit der Königin, mit ihrem Gemahl Prinz Philip sowie Bundespräsident Joachim Gauck und Lebensgefährtin Daniela Schadt am Hauptbahnhof aus der Kurve biegt, wird gekreischt wie bei einem Popkonzert. Von irgendwoher erklingt laut "Imagine" - John Lennons Friedenshymne. Very british.

Berlin ist verzückt von dieser Monarchin, von Queen Elizabeth II. Die Spreefahrt ist der royale Höhepunkt des Tages. Zumindest für die Hauptstädter, denn so nahe kommen sie ihrer Majestät sonst nirgendwo. Hunderte stehen am Ufer, einige rufen "Hurra" oder singen "God save the Queen", Gott schütze die Königin.

Präsident als Stadtführer

Die Spree wurde morgens noch einmal von Tauchern der Polizei inspiziert, Sondereinsatzkommandos sichern das Gewässer. Auf dem Boot gibt der Bundespräsident den engagierten Reiseführer, er erklärt der Königin die Sehenswürdigkeiten: Kanzleramt, Hauptbahnhof, Reichstag. Ab und an winkt sie so, wie die Kinder es am Morgen gelernt haben.

Das Wetter ist typisch britisch - zwischendurch nieselt es. Es ist ein anstrengender Tag für die 89-Jährige Elizabeth und ihren 94-Jährigen Ehemann Philip, den beide aber mit Bravour und königlicher Souveränität meistern. Für ihre eiserne Disziplin ist die Queen ohnehin bekannt. Auch für ihre Pünktlichkeit, sie kommt lieber eine Minute zu früh als eine Minute zu spät. Deswegen wirkt sie am Morgen etwas verkniffen, als sie in ihrem Bentley vom Hotel Adlon zum Schloss Bellevue aufbricht.

Auf der Nobelherberge am Brandenburger Tor weht die königliche Fahne, sie wird immer dort gehisst, wo die Queen länger weilt. Am Abend vorher gab es noch einen kleinen Fauxpas: Mitarbeiter hatten sie falsch herum aufgehängt, ganz schnell wurde der Fehler korrigiert.

Der Zeitplan ist jetzt jedoch etwas ins Rutschen geraten. Das hasst sie. Einige Schaulustige sind enttäuscht. "Ich dachte, sie winkt ein bisschen mehr", sagt eine junge Frau. Als der Wagen um 10.26 Uhr vor dem Adlon losfährt, hebt sie nur kurz die Hand. Um 10.35 Uhr wird sie schon im Schloss Bellevue erwartet. Ungewohnt ist ihre Kleiderwahl - eigentlich mag die Königin knallige Farben wie Gelb und Blau. Kleid und Hut sind aber "off white", wie die Briten sagen, also weiß gehalten, mit Punkten und goldener Brosche. Sie wird sich etwas dabei gedacht haben.

Die Queen rast nicht, sondern sie rollt royal zum Schloss Bellevue. Sie ist klein, nur 1,63 Meter. Ihr Sitz im Bentley wurde deshalb erhöht, damit sie von außen gut zu erkennen ist. Das war ihr wichtig. Eine Königin muss zu sehen sein. Durch die vielen Absperrungen kommt man ihr aber hier auf der Straße des 17. Juni und an der Siegessäule nicht wirklich nahe. Auch nicht am Bellevue.

Bundespräsident Joachim Gauck und Lebensgefährtin Daniela Schadt empfangen den royalen Besuch. Gaucks Lebensgefährtin trägt ein beeindruckend rotes Kleid, dazu einen hellgrauen Hut mit roter Feder und hellgraue Schuhe. Adel verpflichtet. Sie macht einen Knicks bei der Begrüßung. Richtig so. Gauck, im dunklen Anzug mit blauer Krawatte, bemüht sich, der Queen nach einem weichen Handschlag nicht zu nahe zu kommen; sie ja nicht anzufassen. Das ist strikt verboten. Bei anderen Gästen hat man ihn schon entspannter erlebt.

Ein Pückler-Buch für Gauck

Locker wird es erst, als die Gastgeschenke ausgetauscht werden: Gauck schenkt der Queen Lübecker Marzipan, und weil sie Pferdeliebhaberin ist und immer noch gerne reitet, bekommt sie auch noch das Gemälde "Pferd in Royalblau". Das Bild zeigt Elizabeth im Alter von etwa neun Jahren auf einem Pony. Ob sie sich erkannt hat, bleibt ein Geheimnis. Gauck erhält preußische Lektüre: ein Buch mit "Briefen eines Verstorbenen" von Hermann Fürst von Pückler-Muskau aus dem 19. Jahrhundert. "Es wurde in der Bibliothek von Schloss Windsor neu eingebunden", sagt die Queen. Jetzt ist auch er verzückt. Worüber anschließend hinter verschlossenen Türen gesprochen wird, ist topsecret.

Altmaier unterhält Prinz Philip

Nach der Spreefahrt mit dem deutschen Präsidentenpaar geht es für die Queen dann direkt zum Kanzleramt. Amtschef Peter Altmaier übernimmt das Partnerprogramm, er muss sich um Prinz Philip kümmern. Angela Merkel empfängt die Königin, die Kanzlerin trägt ein Sakko in kräftigem Rosa und eine schwarze Hose. Kein Knicks, aber ein freundliches Händeschütteln - die Queen wirkt "amused", beide lächeln freundlich und viel. Man kennt sich, Elizabeth hat Merkel schon im Buckingham Palace in London empfangen.

Das Treffen hat durchaus eine brisante Komponente. Zwar äußert sich die Monarchin nicht politisch, und wenn, dann nur im Auftrag ihrer Regierung. Aber solche Gelegenheiten nutzt sie gerne zum Meinungsaustausch. Und da die Briten mit der EU hadern, sogar ein Austritt debattiert wird, gibt es genug zu besprechen. Aber auch hier gilt: Was in den 20 Minuten drinnen debattiert wird, darf nicht nach draußen dringen. Das wäre ein nicht wieder gut zu machender Fehltritt.

Nur so viel: Merkel führt die Königin auch auf den Balkon ihres Amtsitzes. "Dort, wo der Zug fährt, da stand die Mauer", erklärt sie auf Englisch. Auf der nahen Spreebrücke ziehen derweil die vielen Queen-Fans wieder ab. "Aufregend war es", so ein Schüler. "Ihr so nahe zu kommen, einfach toll", meint ein Mädchen "und winkt dabei noch einmal wie Elizabeth II.