ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 00:00 Uhr

Windstrom in Elbe-Elster gelangt nicht ins Netz

Windkraftanlagen nahe Klettwitz – beim Einsatz von erneuerbaren Energien hat sich Brandenburg einen guten Ruf erarbeitet. Foto: ddp
Windkraftanlagen nahe Klettwitz – beim Einsatz von erneuerbaren Energien hat sich Brandenburg einen guten Ruf erarbeitet. Foto: ddp FOTO: ddp
Herzberg. Der Ausbau der Stromnetze hält mit dem Zuwachs an erneuerbarer Energie nicht Schritt. Die Elbe-Elster-Region wird deshalb immer mehr zum Risikogebiet. Windparks werden gebremst, um einen Leitungskollaps zu verhindern. Von Simone Wendler

. Brandenburg ist stolz darauf, beim Ausbau erneuerbarer Energie bundesweit die Nase vorn zu haben. Im Süden des Landes kann jedoch inzwischen besichtigt werden, welche handfesten Probleme das unterschiedliche Tempo von Netzausbau und Zuwachs an Wind- und Solarparks mit sich bringt.

Nicht nur im Hochspannungsbereich der großen Übertragungsnetze steigen die Steuerungsprobleme drastisch an. Auch in den Leitungen der Regionalversorger wie enviaM muss immer häufiger schnell eingegriffen werden, um einen Kollaps zu verhindern.

Eingriffe verdreifacht

50-Mal mussten im vorigen Jahr Erzeuger regenerativer Energie deshalb per Funksteuerung ausgebremst werden. 48 dieser Abschaltungen betrafen den Elbe-Elster-Kreis. Die Zahl der Eingriffe hat sich damit innerhalb von zwölf Monaten mehr als verdreifacht.

Das netztechnische Problemgebiet im Elbe-Elster-Kreis liegt zwischen Jessen, Herzberg und Falkenberg. Dort stehen inzwischen so viele Windräder, dass ihre Leistung 700 Megawatt erreicht. Das entspricht der Kapazität des neuen Blocks im Braunkohle-Kraftwerk Boxberg, der gerade in Betrieb geht.

Die Netzsteuerung im Elbe-Elster-Gebiet ist im vergangenen Jahr deutlich schwieriger geworden, obwohl enviaM dort bereits kräftig baut. 17 Millionen Euro fließen in diesem Jahr nach Unternehmensangaben in das Umspannwerk Falkenberg und die 35 Kilometer lange Hochspannungsleitung von Falkenberg über Herzberg bis ins anhaltische Jessen. Insgesamt werden in Südbrandenburg in diesem Jahr 60 Millionen Euro in die Erneuerung der Envia-Netze gesteckt.

Schneller bauen sei jedoch auch mit mehr Geld nicht möglich, versichert Matthias Plass, Netzregionsleiter Brandenburg bei enviaM. "Wir nutzen meist die vorhandenen Trassen", sagt Plass. Doch das bedeute während der Bauphase, dass die alte Leitung abgeschaltet wird. Auf eine gänzlich neue Strecke zu gehen, würde jedoch noch längere Planungs- und Genehmigungsverfahren auslösen. Das zeitweise Abschalten der alten Leitung sei das kleinere Übel. Die zunehmenden Schwierigkeiten der Stromnetzsteuerung sind aber nicht nur ein technisches, sondern auch ein wirtschaftliches Problem. Durch die Abschaltungen im Envia-Netz blieben im vorigen Jahr rund sechs Millionen Kilowattstunden angebotener grüner Strom ungenutzt. Das entspricht dem Jahresverbrauch von rund 2400 Haushalten.

Entschädigung für Erzeuger

Doch nicht genutzt heißt nicht auch nicht bezahlt. Die Erzeuger erneuerbarer Energie haben Anspruch auf Entschädigung, wenn ihr Strom wegen fehlender Leitungskapazität nicht abtransportiert werden kann. Die Kosten dafür werden, vorbehaltlich der Bestätigung durch die Bundesnetzagentur, über Netzentgelte auf die Stromrechnungen aller Kunden im enviaM-Gebiet umgelegt. Im vorigen Jahr waren das mehr als eine halbe Million Euro.

Für mittelständische Firmen in der Region eine zunehmende Belastung. Beim Besuch des brandenburgischen Wirtschaftsministers Ralf Christoffers (Linke) in Bad Liebenwerda beklagte die Mineralquellen GmbH kürzlich diesen Kostendruck.

Eine Prognose für die Entwicklung der Steuerungsprobleme im Regionalnetz der enviaM durch Zubau grüner Stromerzeugung fällt Netzregionsleiter Plass schwer. "Wir laufen den Erzeugern wie bei einem Fehlstart immer einen Schritt hinterher", beschreibt er die Situation.

Es gebe keine räumliche Steuerung des Zubaus neuer Wind- und Solarparks, sondern nur ausgewiesene Flächen, die prinzipiell nutzbar wären. Wo Investoren dann wirklich bauen, richte sich leider nicht nach der Stromnetzsituation. "Für uns wäre es günstig, wenn eine Fläche zur regenerativen Stromerzeugung, die wir neu anschließen, erst komplett gefüllt wird, bevor an anderer Stelle neue Anlagen errichtet werden."

Ställe mit Solardach

Möglicherweise wird Druck zum Leitungsneubau auch bald in Ortsnetzen entstehen, so Plass. Ursache sei die Zunahme von Fotovoltaikanlagen auf Dächern. In Kleinstädten würden die Netze damit besser fertig als in ländlichen Gebieten. Wenn auf einzelnen Bauernhöfen große Solaranlagen auf Stalldächern errichtet würden, seien die dort hinführenden Stromkabel schnell überfordert.

Ob der Bau solcher Anlagen weiter zunimmt, werde jedoch auch von der weiteren Entwicklung der Förderung abhängen. Im vergangenen Jahr erlebte die Region einen Boom bei großen Solarparks, zum Beispiel auf ehemaligem Bergbaugelände bei Senftenberg. Im vergangenen Jahr ging in Südbrandenburg mehr Leistungskapazität für Solarstrom als für Windenergie ans Netz.

Zum Thema:

Die enviaM-Tochter Mitnetz Strom ist der größte regionale Verteilnetz-Betreiber in Ostdeutschland. Das Unternehmen bewirtschaftet rund 77 000 Kilometer Stromleitungen und erstreckt sich über Teile der Bundesländer Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.Das Netzsicherheits-Management der Mitnetz Strom wird von einer Leitstelle in Taucha bei Leipzig aus gesteuert. Online-Simulationsrechnungen warnen vor Überlastungssituationen. Alle Erzeuger erneuerbarer Energie mit mehr als 30 Kilowatt können über Funk angesteuert und gedrosselt werden.