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| 14:59 Uhr

Politik
Russlands Freunde feiern CDU-Politiker

 Willy Wimmer (links) trifft im Foyer des Deutsch-Sorbischen Theaters auf Johannes Wenzel vom Verein Bautzner Frieden.
Willy Wimmer (links) trifft im Foyer des Deutsch-Sorbischen Theaters auf Johannes Wenzel vom Verein Bautzner Frieden. FOTO: René Wappler
Bautzen. Warum ein Verein aus Bautzen den früheren Staatssekretär Willy Wimmer mit einem Friedenspreis bedenkt. Von Rene Wappler

Und dann sollte die Atombombe auf Dresden fallen.

In einem roten Sessel sitzt der CDU-Politiker Willy Wimmer. Die Mitglieder des Vereins Bautzner Frieden verteilen Zettel an das Publikum. Auf dem Papier steht der Text des russischen Liedes „Immer lebe die Sonne“. In der DDR zählte es zum Repertoire der Jungen Pioniere, der staatlichen Massenorganisation für Kinder. Nun singen es die Gäste des Deutsch-Sorbischen Theaters, auf Deutsch und auf Russisch, und der Christdemokrat Willy Wimmer aus dem Rheinland zeigt sich gerührt.

Einen weiten Weg hat er hinter sich. In den 80er Jahren beriet er den damaligen CDU-Kanzler Helmut Kohl, als Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Oft berichtet Willy Wimmer von einem NATO-Manöver, auch an diesem Abend in Bautzen. Das Manöver sollte den Abwurf einer Atombombe über Dresden simulieren, erzählt er. Er habe dagegen Protest eingelegt, den Kanzler informiert, und daraufhin sei die Bundesrepublik aus der Übung ausgestiegen.

Für Willy Wimmer steht fest: Russland will Frieden, die USA den Krieg. Er warnt das Publikum im Theater: „Wir sind dazu da, diesen Frieden zu bewahren. Denn egal, was in Europa passiert, wir werden das Schlachtfeld sein.“

Die Mitglieder des Vereins betrachten ihn als visionären Mahner. Dafür verleihen sie ihm an diesem Abend den Bautzner Friedenspreis, worauf er erwidert: „Sie beschämen mich, und es fällt mir schwer, jetzt überhaupt etwas zu sagen, weil es meine Seele berührt.“

Für einen verirrten Geist hält ihn hingegen der sozialdemokratische Oberbürgermeister. Alexander Ahrens weigert sich, an der Preisverleihung teilzunehmen. Er bezieht sich auf einen Text von Willy Wimmer, veröffentlicht am 1. Januar auf dem Internetportal „Ostsachsen TV“. Darin schreibt der CDU-Politiker:  „Der Weg in den Ersten Weltkrieg war davon bestimmt, dass internationale und nationale jüdische Interessen auf der Seite des kaiserlichen Deutschland standen.“ Erst die britisch-französische Zusage für eine „Heimstatt Palästina“ habe damals den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten auf der Seite der westlichen Kriegsgegner der sogenannten „Mittelmächte“ Österreich-Ungarn und Deutschland bewirkt.

Der Oberbürgermeister äußert sich schockiert „über diese antisemitischen Äußerungen“. Er sagt: „Wenn der Verein Herrn Wimmer mit einem Friedenspreis auszeichnet, gibt er sich der Lächerlichkeit preis.“ Zwar spricht sich auch Alexander Ahrens für ein besseres Verhältnis zu Russland aus. Doch er will sich nicht an die Seite eines Mannes begeben, der „unakzeptable Botschaften verbreitet“.

Umso mehr feiern die Besucher des Theaters ihren Ehrengast. CDU-Landrat Michael Harig sagt, an Willy Wimmer gewandt: „Sie könnten es sich mit Ihrer Pension bequem machen, aber Sie haben sich für das Gegenteil entschieden.“ Der Landrat wünscht dem Publikum „einen schönen Abend im Sinne von Frieden und Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Der Langstreckenschwimmer Marco Henrichs, wie der Preisträger ein gebürtiger Rheinländer, berichtet auf der Bühne von seinen Fahrten nach Russland. Er wettert über den „zensierten und NATO-konformen deutschen Mainstream und die zensierte deutsche Presselandschaft“. Dafür erhält er Applaus. „Ich kann jederzeit sehr selbstbewusst behaupten, dass Russland nicht der Feind ist“, sagt Marco Henrichs. „Ich kenne Russland, und die russische Nation möchte Frieden mit uns.“

Der frühere Chefredakteur der obersorbischen Zeitung „Nowa Doba“ Sieghard Kosel  hält den Abend im Theater für „das Schönste, das ich in meinen alten Jahren erleben konnte“. Er freue sich darüber, „dass der Frieden hier so vielen Menschen am Herzen liegt“, sagt Sieghard Kosel. Er wurde nach dem Ende der DDR als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt.

Bücher liegen im Foyer aus. „Eiszeit“ von Gabriele Krone-Schmalz, der langjährigen Moskau-Korrespondentin der ARD, und „Deutschland im Umbruch“ von Willy Wimmer zählen zu den Werken, die der Spielzeughändler Veit Gäbler aus Bautzen an diesem Abend anbietet. Er sagt, in seinem Laden habe er eine kleine Buchecke eingerichtet. „Diese Art von Sachliteratur verkauft sich gut bei uns“, sagt der Mann, der als Mitglied im Verein Bautzner Frieden mitarbeitet.

Auch ein Betriebswirt in Rente besucht die Preisverleihung im Theater. Thomas Kluge aus Bautzen sagt: „Wir sollten uns nicht so weit von Russland entfernen.“ Die wahren Kriegstreiber säßen in Amerika.

Aus Frankfurt am Main ist der Russlanddeutsche Sergej Filbert in die Oberlausitz gereist. Er betreibt im Internet den Kanal „Golos Germanii“ oder auch: „Die Stimme Deutschlands“. Für die russischen Besucher seines Youtube-Auftritts übersetzt er regelmäßig die Satire-Show „Die Anstalt“ in seine Heimatsprache.  „Die meisten Russlanddeutschen hielten Helmut Kohl für einen heiligen Retter“, sagt Sergej Filbert. „Nicht die Russen haben sich seitdem verändert, sondern die CDU.“ Willy Wimmer nimmt er von diesem Urteil aus.

Wie Sergej Filbert tritt der frühere CDU-Staatssekretär gern bei Medien auf, die von sich behaupten, die Realität hinter der Kulisse einer vermeintlichen Demokratie zu zeigen. Zu ihnen zählen Ken FM und RT, auch bekannt als Russia Today. Willy Wimmer sieht darin keinen Widerspruch zu seinem früheren Leben als aktiver Bundespolitiker. Er bezeichnet diese Angebote vielmehr als ein Gegengewicht zum „Meinungsmonopol amerikanischer Globalkonzerne“.

In seiner Dankesrede zum Bautzner Friedenspreis verweist er dann doch auf „die großen deutschen Zeitungen“. Denn dort sei „alles nachzulesen, was ich hier sage“. Auch die Episode mit der Atombombe, die im Planspiel auf Dresden stürzen sollte. Zum Beispiel in der Rheinischen Post.