Erst nach 60 Jahren erfuhren Georg und seine Halbschwester Waltraud über den kirchlichen Suchdienst in München voneinander. "Der Zweite Weltkrieg hat so viele Menschen auseinandergerissen, dass wir bis heute auf der Suche sind", sagt Klaus Mittermaier, Leiter des Suchdienstes München des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). 1,3 Millionen Deutsche werden nach seiner Schätzung noch vermisst.
Nach dem Krieg entstanden mehrere Organisationen, die sich auf die Suche nach Vermissten begaben. Karteien von Suchenden und Gesuchten entstanden. Die Organisationen haben sich mittlerweile spezialisiert. Ihre Zahl spiegelt die Vielzahl der Kriegsschicksale wider: Der kirchliche Suchdienst ermittelt Vertriebene, das DRK in München sucht deutsche Kinder und Zivilisten, das DRK in Hamburg deutsch stämmige Familien, die in Osteuropa geblieben sind. Die deutsche Dienststelle in Berlin sucht nach Überlebenden, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel nach gefallenen Soldaten. Und der internationale Suchdienst im nordhessischen Bad Arolsen kümmert sich um die Schicksale in deutschen Konzentrationslagern. Fast die Hälfte der Menschen, die den Krieg erleben mussten, sind noch am Leben. Und immer häufiger sind auch die Kinder auf der Suche nach ihren Wurzeln.
Dieses Jahr erwarten die Organisationen besonders viele Anfragen. "Wir gehen davon aus, vielleicht noch 300 000 Schicksale des Zweiten Weltkriegs klären zu können", hofft Mittermaier. Jährlich kommen rund 15 000 Anfragen. In immerhin 600 bis 800 Fällen führen sie dazu, dass sich Menschen erstmals seit dem Krieg oder das erste Mal überhaupt begegnen. Große Hoffnungen setzen die Organisationen auf neue Quellen in Osteuropa. Archive mit mehreren Millionen Hinweisen stehen den deutschen Suchdiensten seit dem Fall des eisernen Vorhangs erstmals zur Verfügung.