In Brandenburg und Sachsen werden Tausende Schweine gehalten. Die Bandbreite der Betriebe reicht dabei vom Bio-Bauernhof über Einzelbauern und Agrargenossenschaften bis zu einer Großanlage industriellen Zuschnitts. Wie leben die Schweine dort? Die RUNDSCHAU hat eine Rundreise unternommen.

Öko-Bauernhof - Gutshof Ogrosen bei Vetschau

Wenn Heiner Lüttke-Schwienhorst nach seinen Schweinen sehen will, braucht er nicht viel Zeit. 35 Tiere hält er auf seinem Öko-Bauernhof Gut Ogrosen bei Vetschau. Das Kerngeschäft sind seine 120 Milchkühe. Die 35 Schweine des 57-jährigen Öko-Landwirtes leben in drei großen Buchten, jeweils zur Hälfte im Stall und im Freien. Eine dicke Strohschicht bedeckt den Stallboden. Der hier anfallende Dung kommt auf die Felder des Öko-Betriebes. Die Stallwand ist im oberen Bereich offen, ganzjährig. "Das Stroh reicht den Schweinen, um auch im Winter genug Wärme zu haben, die sind abgehärtet", so Lüttke-Schwienhorst. Gefüttert werden Getreide und Molke. "Ich weiß auch nicht sicher, ob es meinen Schweinen gut geht, aber mir gefällt es so", sagt der Landwirt.

Seit drei Jahren sei ihm kein Tier mehr eingegangen. Eineinhalb Jahre lang dürfen seine Schweine wachsen. Dann haben sie etwa 150 Kilogramm Gewicht mit dem sie in einen kleinen Schlachtbetrieb in der Nähe kommen. Verkauft wird das Fleisch im eigenen Hofladen, Kilopreis zehn bis zwölf Euro.

Heiner Lüttke-Schwienhorst, Öko-Landwirt

"Mir gefällt es, wie meine Schweine leben."Als Ferkel hat Lüttke-Schwienhorst seine Schweine von einem Betrieb im Unterspreewald gekauft, wo die Sauen im Freiland gehalten wurden. Einhundert Euro, doppelt so viel wie aus konventioneller Zucht, hat er für jedes Tier bezahlt. Der Öko-Ferkelzüchter habe aber inzwischen aufgegeben, so Lüttke-Schwienhorst. Die Nachfrage sei zu gering gewesen.

Die Agrargenossenschaft in Züllsdorf

Erhard Pieper ist mit Leib und Seele Bauer: "Als Fünfjähriger bin ich schon mit meiner Mutter auf die Koppel gegangen, Fersen zusammentreiben." Im Elbe-Elster-Land in der Nähe von Herzberg war das. Heute ist der 59-Jährige dort Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Züllsdorf. Zu dem Betrieb gehört eine Schweinemastanlage mit 3800 Plätzen, verteilt auf mehrere Ställe. Pieper stemmt sich gegen das schlechte Image der Branche. "Meine Schweine fühlen sich sauwohl", versichert er. Pieper kauft seine Ferkel in einer neuen Anlage 20 Kilometer entfernt. Drei Tage nach der Besamung kämen die Sauen dort schon in einen Freilaufbereich. In den Mastställen der Agrargenossenschaft erreichen die Jungtiere dann in drei Monaten ihr Schlachtgewicht. 82 bis 102 Kilogramm beträgt die Norm der Schlachthöfe.

13 000 Tiere verlassen jedes Jahr die Anlage. Vermarktet wird über eine regionale Erzeugergemeinschaft. Jeweils 20 Tiere stehen in den Ställen in einer Bucht. Jeder Stall der Genossenschaft fasst 40 Buchten, zusammen 800 Tiere. Alle Ställe haben umlaufend Fenster und Lüftungsklappen. Die Tiere stehen auf Spaltenböden aus Beton, durch deren enge Schlitze Kot und Urin fallen. Runde Kunststoffblöcke in den Buchten dienen als Spielmaterial. Die Ställe werden mit Wärme aus der eigenen Biogasanlage beheizt. Das Futter, eine Mischung aus Getreide und flüssigen Bestandteilen wird automatisch in die Tröge gepumpt.Stroh in den Ställen statt der Spaltenböden sei vor allem eine wirtschaftliche Frage, sagt Geschäftsführer Pieper: "Dann müsste ich gleich mehrere Leute zusätzlich einstellen die das einstreuen und entmisten." Doch schon jetzt sei es nur durch den hohen Automatisierungsgrad möglich, wirtschaftlich zu bestehen. Eine Mitarbeiterin allein überwacht die 3800 Schweine der Agrargenossenschaft. "Die schaut sich täglich alle Tiere genau an", versichert Pieper. Ein Kilogramm Schlachtschwein kostet zurzeit ein Euro und vierzig Cent. Das ist weniger als das, was die Agrargenossenschaft für die Produktion aufwenden muss. Nur durch Rücklagen aus besseren Monaten sei so eine Durststrecke für eine kurze Weile zu überstehen.Piepers Stolz ist ein neuer Stall. Gern möchte er schon bald ein weiteres altes Gebäude durch einen zweiten Neubau ersetzen. Doch dafür muss er noch mal rund 400 000 Euro aufbringen.

Erhard Pieper, Genossenschaft Züllsdorf

"Wir schauen uns jedes Tier jeden Tag genau an."Ohne Fördermittel gehe das nicht. Der neue Stall besteht nur noch aus zwei jeweils 45 Meter langen Bereichen. Jeweils 500 Tiere können darin frei laufen. Der Spaltenboden unter ihnen ist aus Kunststoff, die Schlitze darin sind schmaler. Wasserspender sind wie Kronleuchter kurz über dem Boden aufgehängt und dient als zusätzliches Spielelement. Demnächst sollen auch Knabber-Stäbe aus gepresstem Stroh mit Melasse in Halterungen angebracht werden. Eine Sprinkleranlage bringt an heißen Tagen Abkühlung.Statt 0,75 hat jedes Schwein im neuen Stall 0,9 Quadratmeter zur Verfügung. Auf dem Weg zum Futter laufen die Tiere durch eine automatische Waage. Dort werden sie auch fotografiert und vermessen. Alle Daten laufen auf einem Computer zusammen und zeigen tagaktuell den Mastfortschritt.

Die Fleischfabrik - Bolart GmbH in Tornitz

Die Bolart GmbH in Tornitz, nur wenige Kilometer vom Ökohof Ogrosen entfernt, gilt als Paradebeispiel für alles das, was sich mit dem Begriff "Massentierhaltung" für viele Menschen verbindet. 52 000 Stellplätze, mit einem genehmigten Ausbau demnächst über 60 000. Eine Schweinefleisch-Fabrik, in der sich Orts unkundige verlaufen.Von einem 350 Meter langen Gang führen Abzweigungen zur Seite. Von dort gehen wieder Quergänge ab mit Türen zu den einzelnen Ställen. Die sind von sehr unterschiedlicher Größe. Kleiner für Sauen und Ferkel, größer für Mastschweine. Bei einer Besichtigung an der Seite von Geschäftsführer Eric Arts vergehen schnell zwei Stunden.

Auch Arts verteidigt sein Unternehmen: "Wir machen schon mehr als wir laut Gesetz müssten", betont er immer wieder und verweist auf begonnene Umbauarbeiten. Deshalb seien zurzeit auch nur 47 500 Schweine in der Anlage: Rund 5000 Muttersauen, 1170 Jungsauen, 17 500 Ferkel, der Rest sind Mastschweine. Deren Haltungsbedingungen unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht all zu sehr von einem mittelgroßen Schweinezüchter. 15 Tiere in einer Bucht, 700 in einer Stalleinheit, automatische Fütterung mit Flüssigbrei, Spaltenböden. Doch alle Ställe der Bolart GmbH haben bisher ausschließlich künstliche Beleuchtung mit einem Tag-Nacht-Wechsel. Auch die Belüftung erfolgt ausschließlich mittels Technik. Beim Umbau will Arts das ändern. Schmale Lichtschächte und Notfall-Lüftungsklappen sollen in die Stall-Decken eingebaut werden.

Im Dezember wurden Fotos öffentlich , die Tierschützer nachts in der Bolart GmbH gemacht hatten. Sie waren heimlich in die Anlage eingedrungen. Zu sehen waren dabei Sauen in "Kastenständen", einer Stangenkonstruktion, in der die Tiere stehen oder liegen, sich jedoch nicht umdrehen oder laufen können. Ein Stück Kunststoffrohr an einer Kette in Kopfhöhe angebracht ist die einzige Ablenkung der Tiere in diesen Ständen. Bis zu vier Wochen dürften Sauen nach der Besamung in solchen Metallrahmen gehalten werden, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Tiere tragend werden, sagt Bolart-Chef Arts: "Wir wollen sie aber nur noch eine Woche lang darin lassen."

Eric Arts, Geschäftsführer Bolart GmbH

"Wir machen schon mehr als wir laut Gesetz müssten."Ein Teil der Kastenstände wird gerade in den Ställen entfernt, um Platz für die inzwischen vorgeschriebene Gruppenhaltung von Sauen zu schaffen. Knapp vier Monate sind die Tiere trächtig. Arts versichert, es gebe keine Hormonbehandlung der Sauen, um die Zahl der Ferkel pro Wurf zu erhöhen.Als Übergangslösung hat Arts die hinteren Gitter an Kastenständen in einem anderen Stall geöffnet und eine kleine Freifläche geschaffen. Die Tiere könnten jetzt selbst entscheiden, ob sie in die Metallrahmen hineingehen oder nicht. Die geöffneten Kastenstände nennt Arts "Selbstschutzboxen". Er selbst hält von Gruppenhaltung nicht all zu viel: "Da wird das Leid nur größer, weil sich mehr Tiere gegenseitig verletzen." Aber er mache, was von ihm verlangt werde.

In einem Rohrrahmen stecken die Muttersauen dann wieder für vier Wochen, wenn sie ihre Ferkel säugen. Das Gitter soll verhindern, dass Ferkel erdrückt werden. Für die Betreuung seiner Schweinen braucht Arts 44 Mitarbeiter. Zur Belegschaft gehören zwei Tierärzte. Ein Ferkel, das in der Bolart-Anlage zur Welt kommt, verlässt sie nach etwa einem halben Jahr zum ersten und letzten Mal, auf dem Weg zum Schlachthof. Geliefert wird an das größte deutsche Schlachtunternehmen, Tönnis.

Schweinefleischproduktion
In Deutschland wurden 2014 mehr als 58 Millionen Schweine geschlachtet. Das entspricht 5,5 Millionen Tonnen Schweinefleisch. Die meisten Mastschweine wurden 2014 in Niedersachsen (15 Millionen Tiere) und in Nordrhein-Westfalen (zehn Millionen Tiere) produziert. Brandenburg (knapp eine Million Tiere) und Sachsen (rund 860000 Tiere) gehören zu den kleinsten Erzeugerländern. Quelle: Bundesamt für Statistik.

Interview mit Professor Dr. Reinhard Fries von der FU Berlin

"Am Ende müssen wir den Tieren in die Augen sehen können"

Professor Dr. Reinhard Fries von der FU Berlin beschäftigt sich mit Fleischhygiene und Tierschutz / Experte setzt auf Druck des Großhandels für bessere Haltungsbedingungen

Wer mit Professor Dr. Reinhard Fries über artgerechte Haltung von Schweinen sprechen will, kommt mit pauschalen Vermutungen nicht weit. Was denn Thema sein soll, fragt Fries, Leiter des Institutes für Fleischhygiene mit dem Schwerpunkt Tierschutz für Nutztiere an der Freien Universität (FU) Berlin, zurück: das Wohlergehen des Tieres oder die Auswirkungen der Tierhaltung auf die Umwelt. Also das Tierwohl."Helligkeit, Untergrund, Beschäftigungsmöglichkeiten mit ,Spielzeug", Beziehungen zu Artgenossen, die Größe der Gruppen, in denen die Tiere gehalten werden", zählt Fries wichtige Faktoren für das Wohlbefinden von Schweinen auf. Wie es damit in einem Betrieb aussieht, sei nicht an der Größe allein festzumachen.

Verbesserung bei "Spielzeug"

"Klein ist nicht immer automatisch gut", sagt der Wissenschaftler. Und es gebe auch große Betriebe, in denen die Tiere vernünftig gehalten würden. Der Ersatz eines großen Betriebes durch zehn kleinere mit der gleichen Gesamttierzahl löse auch nicht das Problem der Geruchsbelastung von Anwohnern. Es seien dann sogar mehr Nachbarn betroffen. Insgesamt sei jedoch sicher in der Schweinehaltung in Deutschland noch viel zu verbessern. Gerade beim Thema "Spielzeug", denn Schweine seien intelligent.Damit hänge auch das Beißen in die Schwänze von Artgenossen zusammen: "Das ist ein Langeweileproblem." Bisher werden die Schwänze von Schweinen in konventioneller Haltung deshalb einfach kupiert. Letztlich, so Fries, gehe es bei jeder Tierhaltung immer um die Summe vieler Faktoren und einen Kompromiss. "Am Ende müssen wir den Tieren in die Augen schauen können", fasst der Wissenschaftler zusammen. Exakte Parameter, mit denen man messen könne, wann ein Tier leide, gebe es nicht. Deutliche Veränderungen, so der Tierhaltungsfachmann, werden Vorschriften mit Zentimeterangaben allein nicht bringen. Das seien immer nur Minimalwerte. Es gehe eher darum, das Leben der Tiere insgesamt anders zu organisieren. Das sei aber eine komplizierte Sache.

Handelsketten als "Bestimmer"

Druck auf eine Verbesserung der Haltungsbedingungen von Nutztieren erhofft er sich weniger von den Verbrauchern, als von den großen Handelsketten, die seien "die echten Bestimmer". Und die hätten keine Lust mehr, immer wieder am Pranger zu stehen und machten deshalb langsam Druck. Insgesamt seien die ökonomischen Strukturen der Fleischproduktion in Deutschland aber so wie sie seien. Dazu gehöre auch, dass Deutschland Fleisch exportiert. Veränderungen würden sich da nur sehr langsam einstellen, vermutet Fries. Dazu gebe es zwei Wege. Entweder man bemühe sich, das alte System erträglicher zu machen, oder man versuche, ganz neue Haltungssysteme zu entwickeln, mit neuen Rassen zum Beispiel.Die Fleischbranche versucht es derweil mit Selbstverpflichtungen. Der Deutsche Bauernverband, die Fleischwirtschaft und der Lebensmitteleinzelhandel haben am ersten Januar eine neue "Initiative Tierwohl" gestartet. Pro Kilogramm verkauftem Huhn- oder Schweinefleisch werden vier Cent vom Einzelhandel in einen Finanztopf abgeführt.Daraus können Landwirte einen Zuschuss bekommen, wenn sie für die Haltungsbedingungen ihrer Nutztiere mehr tun, als ihnen die Gesetze vorschreiben. Die Landwirte können sich mit Selbstverpflichtungen dafür bewerben. Einmal im Jahr, so die Pläne, soll ein unabhängiger Fachmann kontrollieren, ob die Verpflichtungen auch eingehalten werden.