Demnach wirkt die Höhe der verhängten oder angedrohten Strafe kaum abschreckend, wohl aber die Tatsache, dass es überhaupt zu einer Verurteilung kommt. Mit ihrer Praxis, die Verfahren aus Kostengründen meist schon vor einem Richterspruch einzustellen, sorgten die Ankläger dafür, dass die Zahl der Delikte hoch bleibe. Der Mainzer Forscher Hannes Spengler nahm im Auftrag des DIW die Kriminalitäts- und Strafstatistik der vergangenen 40 Jahre unter die Lupe, um festzustellen, welche Auswirkungen die Strafrechtsreform des Jahres 1969 hatte. Damals wurde bestimmt, dass Haftstrafen nur das letzte Mittel sein sollen. In der Folge sank der Anteil der zu Haftstrafen ohne Bewährung Verurteilten von einst 39 Prozent auf heute 8,3 Prozent. Dieser sanften deutschen Strafrechtspraxis stellte Spengler die harten US-Gesetze gegenüber. In Deutschland sitzen pro 100 000 Einwohner nur 95 im Gefängnis, in den USA sind es 783, fast zehnmal so viel. Und dennoch ist die Zahl der Gewaltdelikte mit rund 270 Fällen pro 100 000 Einwohner in Deutschland nur halb so hoch wie auf der anderen Seite des Atlantiks. Die Eigentumsdelikte sind mit rund 3100 Fällen pro 100 000 Einwohner etwa gleich häufig. "Harte Strafen bringen nichts", sagte Spengler. Wohl aber bringt es laut Spengler etwas, wenn Straftaten polizeilich aufgeklärt und die Täter anschließend auch wirklich angeklagt und verurteilt werden. Es ist, so der Forscher, dabei relativ gleichgültig, ob Haftstrafen oder nur Geldstrafen verhängt werden - Hauptsache, es kommt überhaupt zu einem Richterspruch. Spenglers Daten wiesen diesen Zusammenhang beim Vergleich der einzelnen Bundesländer nach, die eine sehr unterschiedliche Rechtspraxis pflegen. Bayern, Baden-Württemberg, das Saarland und Rheinland-Pfalz lägen in der Kriminalitätsstatistik unterhalb des Durchschnitts, hätten aber alle eine höhere Aufklärungs- und Verurteilungsquote. Stark überdurchschnittlich mit Kriminalität belastet seien Hamburg und Bremen, etwas weniger stark Hessen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Alle mit jeweils geringeren Aufklärungs- und Verurteilungsquoten. Mehr Polizei, mehr Staatsanwälte und vor allem ein entschlossenes Vorgehen der Ankläger forderte das DIW als Konsequenz aus der Studie. Weil die Verfahrenseinstellungen zugenommen hätten, würden derzeit nur noch 43 Prozent aller Angeklagten auch wirklich verurteilt, gegenüber 64 Prozent im Jahr 1981. "Diese Politik gehört dringend auf den Prüfstand", sagte Spengler, denn sie erreiche "das Gegenteil dessen, was ursprünglich beabsichtigt war."