"Für mich ist das der erste derartige Fall, den ich kenne", sagt Lars Velser über das in der Mitte des Turmes abgebrochene und umgekippte Windrad im Elbe-Elster Kreis. Velser ist Kommunikationschef beim Bundesverband Windenergie. Mehr als 24 500 Windräder stehen in Deutschland auf dem Festland, in der Regel in größerer Entfernung zu bebauten Flächen oder Straßen. Dazu kommen Windparks in Nord- und Ostsee.

Brandenburg zählt mit rund 3 300 Anlagen zur Windstromerzeugung zu den Spitzenreitern, Sachsen liegt mit rund 860 Anlagen noch weit hinten. Lars Velser von Windenergieverband versichert, dass niemand Angst haben müsste, durch ein abbrechendes Windrad zu Schaden zu kommen. "So etwas wie in Koßdorf, das sind definitiv sehr seltene Einzelfälle", sagt er.

Dafür spricht, dass es nur wenige Berichte über havarierte Strommühlen gibt (siehe Hintergrund). Dabei gab es offenbar nie Verletzte. Es gingen nur Trafohäuschen und Telefonleitungen kaputt. Dass es überhaupt zu solchen Zwischenfällen kommen kann, sei nur auf eventuelle Fehler bei der Fertigung oder Wartung zurückzuführen, so Verbandssprecher Velser.

Denn die Vorschriften für die Wartung und regelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen der Windräder seien sehr streng. Das beginne bei der Typisierung der Anlagen vor der Herstellung durch Sicherheitsinstitute. "Je nach künftigem Standort unterscheiden sich die Anforderungen." In einer Anlage, die an der Küste stehen soll, werde zum Beispiel viel mehr Stahl verbaut, als in Binnenland-Anlagen.

Nach der Errichtung der Strommühle müssten zwei Mal jährlich alle sicherheitsrelevanten Teile überprüft werden: Schraubverbindungen, Rotorblätter, Ölleitungen, Ölwanne, Elektrik, Turmkonstruktion und vieles mehr. Dazu käme in vorgeschriebenen Zeitintervallen eine "wiederkehrende Prüfung" durch einen unabhängigen Sachverständigen.

Johannes Heitkamp ist Geschäftsführer der Enertrag Service GmbH mit Sitz in der Nähe von Prenzlau. Das Unternehmen betreibt die Wartung von rund 1400 Windkraftanlagen, darunter auch die umgeknickte Strommühle in Koßdorf. Er beschreibt die Kontrollen als noch engmaschiger.

Nach seinen Angaben wird jedes Windrad sogar vier Mal im Jahr unter die Lupe genommen. Zwei Mal kommt der Wartungsmechaniker, zwei Mal ein von der Wartung unabhängiger Sicherheitsinspektor. "Wartung und Inspektion sind völlig getrennt, so wie beim Auto Werkstatt und TÜV", sagt Heitkamp. Dazu kämen dann die Sachverständigen zur gesetzlich vorgeschriebenen "wiederkehrenden Prüfung".

Die Rotorflügel würden nicht nur mit Spezialkameras auf kleinste Schäden untersucht. Alle zwei Jahre müsste sich ein Mechaniker abseilen, um die Rotoroberflächen direkt in Augenschein zu nehmen.

Die noch junge Branche der Windstromerzeugung würde sich selbst Knüppel zwischen die Beine werfen, wenn bei den Wartungen und Sicherheitsüberprüfungen gepfuscht würde. Technisch entwickele sich das alles weiter: "Wir lernen jeden Tag dazu." In Koßdorf seien die Teile des zerstörten Windrades inzwischen geborgen. Enertrag hat einen eigenen Gutachter zur Untersuchung der Havarie eingesetzt.

Im Auftrag des Betreibers der fünfzehn Jahre alten Windräder in Koßdorf ist der vereidigte Sachverständige Jürgen Holzmüller aus Aurich mit dem Fall befasst. Auch er bestätigt, Koßdorf sei ein absoluter Einzelfall. Und auch für Holzmüller steht fest, dass keine schärferen Vorschriften nötig sind, um für Sicherheit bei Windparks zu sorgen: "Die vorhandenen Regularien reichen aus."

Er habe selbst inzwischen etwa vier bis fünf Havarien an Windkraftanlagen untersucht. Irgendwie sei immer menschliches Versagen bei den festgestellten Ursachen im Spiel gewesen: "Es wurden Fehler gemacht bei der Wartung oder Instandhaltung, manchmal auch schon bei der Herstellung und Montage."

Eine große Gefahr entstehe immer dann, wenn sich die Rotorblätter schneller drehen, als zugelassen. "Deshalb sind an jedem Windrad zwei Sicherheitsvorrichtungen vorgeschrieben, um das zu verhindern", so der Gutachter.

Schraubverbindungen, wie sie an vielen Türmen der Windräder zu finden seien, stellten dagegen kein erhöhtes Risiko dar. Solche Verbindungen seien im Maschinenbau weit verbreitet. Und ältere Anlagen seien nicht havarieanfälliger als neue. Er selbst, sagt Holzmüller, habe mal einen Materialfehler begutachtet, der zum Totalschaden führte, bei der Inbetriebnahme der Strommühle.

Zum Thema:
Im Januar 2000 knickt ein Windrad im Kreis Paderborn (Nordrhein-Westfalen) nach einem Blitzschlag zehn Meter über dem Boden ab. Im Januar 2002 kippt in einem Sturm in Husum (Schlaswig-Holstein) ein 30 Meter hohes Windrad um.Im Oktober 2002 kippt eine Orkanböe in Vechta (Niedersachsen) ein 70 Meter hohes Windrad samt Betonsockel auf eine Nebenstraße.Im Januar 2007 knickt ein Sturm in Schleswig-Holstein ein 70 Meter hohes Windrad.Im Januar 2008 stürzen Flügel und Nabe eines Windrades auf der Ottensteiner Hochebene (Niedersachsen) herunter. Im März 2013 ereignete sich Ähnliches in Minden (Nordrhein-Westfalen). Auch dort fällt die Gondel samt Rotorblättern herab.Im Dezember 2013 bricht Sturmtief "Xaver" im Rhein-Erft-Kreis ein 100 Meter hohes Windrad ab. Getriebe und Motor schlagen 1,5 Meter tief in den Boden ein.