Maik Jente hat die schriftlichen Prüfungen hinter sich. 5000 Seiten voller Gesetzestexte hat er gebüffelt, drei Jahre Ausbildung liegen hinter ihm. Bevor er sich Verwaltungsfachangestellter nennen darf, hat der 21- Jährige aber noch eine Hürde zu überwinden: den Praxis-Test. Zum ersten Mal soll er ein Beratungsgespräch durchführen - es ist seine Abschlussprüfung.

Durchgeführt wird sie vom Niederlausitzer Studieninstitut (NLSI) in Lübben (Dahme-Spreewald). Wer in Südbrandenburg in die kommunale Verwaltung will, kommt an diesem Institut nicht vorbei. Neben der Ausbildung ist das NLSI auch für alle Weiterbildungen von Angestellten in Südbrandenburger Kommunen zuständig. Etwa 80 Lehrlinge werden in diesem Jahr ihren Abschluss feiern.

Auch Maik Jente will einer von ihnen sein. Vorher muss er aber die praktische Prüfung bestehen. Das Thema: Sozialrecht. Der Lübbenauer soll einen Familienvater mit wenig Einkommen über eine mögliche finanzielle Unterstützung informieren. Die ratsuchende Person ist einer seiner drei Prüfer höchstpersönlich. Der Schulraum im Niederlausitzer Studieninstitut wird zum Jobcenter.

Verwaltung als Beratungsstätte

Fachliches Wissen und Kommunikation sind die beiden Schwerpunkte, die bewertet werden. Dabei wiegt der kommunikative Part mehr, erklärt Prüferin Gundula Grönke. "Der Charakter der Verwaltung hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Die Verwaltung ist nicht mehr nur dafür da, irgendwelche Leistungen zu gewähren." Eine fachkompetente und nette Beratung mit Wohlfühl-Atmosphäre sei beispielsweise entscheidend dafür, ob sich Gewerbetreibende ansiedeln oder Zuzügler zurückkehren. Dafür brauche man die entsprechenden Mitarbeiter und eine angepasste Ausbildung. "Wir sind weit entfernt vom öffentlichen schlechten Ruf der Verwaltung", sagt die stellvertretende Studienleiterin.

Der Prüfling Maik Jente ist mitten im Beratungsgespräch. Er drückt sich klar aus, wälzt hier und da im Gesetzesbuch, rechnet vor, gibt Antworten auf die Fragen des Ratsuchenden. All das recht freundlich.

Fachsprache ist Tabu

Vor wenigen Jahren wich die klassische mündliche Prüfung dem Praxis-Test. "Damals saßen die Teilnehmer einem Ausschuss gegenüber, es wurden queerbeet Fragen gestellt und nur der fachliche Part wurde bewertet", erklärt Gundula Grönke. Wegen des zunehmenden Beratungs-Charakters in Verwaltungen wurde die Prüfungsform geändert. In der Ausbildung wird dem Verwaltungs-Nachwuchs beigebracht, wie Informationen so übermittelt werden, dass sie auch wirklich ankommen. "Einem Bürger ohne Rechtskenntnisse einen Sachverhalt ohne verstrickte Fachsprache zu erklären ist nicht einfach", so Grönke. "Und all das soll freundlich mit einem Lächeln im Gesicht geschehen", ergänzt sie.

Mit Freundlichkeit kann auch Maik Jente punkten. Hier ein kleiner Scherz und dort ein aufmunterndes Wort - das zählt positiv in die Bewertung. "Wichtig ist es, sich in den Bürger hineinzuversetzen und ihn zu verstehen", erklärt Maik Jente später nach seiner Prüfung. In der Ausbildung wurde das oft geübt.

Warum dieses Einfühlungsvermögen so entscheidend ist, hat nicht zuletzt auch etwas mit den Neuen Medien zu tun, sagt NLSI-Leiter Lars Gölz. "Der Bürger von heute ist durch das Internet unwahrscheinlich gut informiert." Andererseits geistern im Netz auch viele Unwahrheiten herum. Kommt ein Bürger mit solchen Fehlinformationen in die Verwaltung, "muss damit sehr diplomatisch umgegangen werden", erklärt Gölz.

Nachwuchs wird Mangelware

Wer das kann und die Abschlussprüfung besteht, hat die besten Zukunftschancen in Brandenburg, prophezeit der Studienleiter. Auch Monika Gordes vom Städte- und Gemeindebund (STGB) Brandenburg bestätigt das. "In den Jahren 2020 bis 2030 werden bis zu 1800 Mitarbeiter in Brandenburgs Kommunen ausscheiden. Und zwar jährlich." Das bedeutet: Die Kommunen könnten bald ein Nachwuchsproblem bekommen. Denn Absolventen gibt es pro Jahr in Brandenburg nur rund 180. In zehn Jahren, so die Prognosen, werden jährlich fast doppelt so viele Nachwuchskräfte gebraucht. Neben dem NLSI im Südosten des Bundeslandes bildet auch die Brandenburger Kommunalakademie zum Verwaltungsfachangestellten aus.

Zu diesen Zahlen komme die große Konkurrenz hinzu. "Viele gehen nach der Ausbildung in ein anderes Bundesland. Deshalb müssen sich die Kommunen hier attraktiver machen", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des STGB. Eine Möglichkeit: mehr Leute ausbilden als eigentlich selber benötigt werden. Das unterstütze nicht nur andere Kommunen. "So können die besten Lehrlinge ausgewählt werden", erzählt Monika Gordes.

Am NLSI befinden sich jedes Jahr insgesamt etwa 600 Personen in Aus- und Weiterbildungen. Die Zahl bleibe stabil, sagt Lars Gölz.

Gutes Geld, gute Arbeitszeiten

Der Beruf sei wegen flexibler Einsatzmöglichkeiten sehr attraktiv. "In der kommunalen Verwaltung gibt es die unterschiedlichsten Bereiche. Ob Ordnungsrecht, Tourismusförderung oder Sozialamt", so Gölz. Wer die Ausbildung absolviert hat, ist überall einsetzbar. Gundula Grönke ergänzt, dass es außerdem ein Beruf ist, "in dem man geregelte Arbeitszeiten und ein gutes Einkommen hat".

Auch für Lehrling Maik Jente sind es der flexible Einsatz und die Vielseitigkeit, die den Job spannend machen. "Viele denken, man sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch, stempelt und gibt Unterschriften", erzählt der 21 -Jährige. So sei es aber ganz und gar nicht.

Trotz des prognostizierten Nachwuchs-Problems glaubt der Städte- und Gemeindebund aber an eine Trendwende. "Dank immer besser werdender Studienmöglichkeiten und den attraktiven Berufsaussichten werden sich immer mehr junge Leute ausbilden lassen", sagt Monika Gordes. So wird es ab September beispielsweise zum ersten Mal einen Bachelorstudiengang an der Technischen Hochschule Wildau (Dahme-Spreewald) für die öffentliche Verwaltung geben, betont Monika Gordes.

Das 20-minütige Beratungsgespräch liegt mittlerweile hinter Maik Jente. Die Prüfer ziehen sich zurück, bevor sie ihm das Ergebnis mitteilen: Bestnote. Fachliches Wissen und kommunikative Fähigkeiten haben überzeugt. Stolz ist er, sagt Jente. Für die kommenden zwei Jahre wird er in der Stadtverwaltung Lübbenau anzutreffen sein. In welchem Bereich genau, steht noch nicht fest. "Ich bin für alles offen", ist er gespannt auf seinen Arbeits-Start. Einsetzbar ist er mit seinem Abschluss schließlich überall.

Zum Thema:
Im Freistaat Sachsen bestehen kommunale Studieninstitute in Chemnitz und Dresden. Hinzu kommen die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien in Dresden und Leipzig sowie viele Berufsakademien, unter anderem in Bautzen und Riesa. Außerdem gibt es eine Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Meißen. Nach Einschätzungen des Sächsischen Städte- und Gemeindetags wird der Bedarf an jungen Fachkräften aufgrund der Altersabgänge in den nächsten Jahren nicht nur bei den Verwaltungsfachangestellten hoch sein. Auch beispielsweise Fachkräfte in Bauverwaltungen oder Gesundheits- und Veterinärämtern werden gebraucht.