Das Märchen ging um, Asylbewerber könnten auf Kosten der Kommunen in den Supermärkten einkaufen. Bei einer AfD-Demo in Cottbus erzählte ein Mann dem ZDF, Deutschland sei eine besetzte Nation, weil die Staatsflagge goldene Fransen trage. Andere Leute glauben, dass RUNDSCHAU-Redakteure täglich direkte Anweisungen vom US-amerikanischen Geheimdienst erhalten.

Wo jede abstruse Geschichte auf Zuspruch trifft, gehen rationale Argumente unter. Pfarrer Wolfgang Selchow erklärte im Oktober vor einer Gebetsandacht in der Spremberger Kreuzkirche: "Mehr Vernunft und Sachlichkeit würde ich mir wünschen." Diese Worte bezog er auch auf den Streit um die Asylbewerber: Für einen Christen sei jeder Mensch zunächst mal Gottes Ebenbild.

Doch die Gerüchte zeigen Wirkung. In Spremberg gibt es wie in Cottbus und anderen Städten viele Bürger, die Asylbewerber unterstützen und dies lieber für sich behalten, weil sie sich vor feindseligen Reaktionen fürchten. Aus der Luft gegriffen ist ihre Sorge nicht. Im April wurden ehrenamtliche Helfer der Dresdener Kreuzkirche mit dem Tode bedroht - während einer Friedensandacht. Das Bundeskriminalamt meldete im Dezember für das Jahr 2015 bislang 817 Attacken auf Asylbewerber-Unterkünfte in Deutschland, vier Mal so viele wie im Jahr zuvor.

So wählte auch die Gesellschaft für deutsche Sprache in der vergangenen Woche "Flüchtlinge" zum Wort des Jahres. In ihrer Begründung heißt es: "Das Substantiv steht nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres, sondern es ist auch sprachlich interessant." Es klinge "für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig", da analoge Bildungen wie "Eindringling", "Emporkömmling" oder auch "Schreiberling" negativ belegt seien.

Irgendwo in den Weiten des Internets wird sich aber bestimmt jemand finden, der herleiten kann, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache von finsteren Weltmächten unterwandert ist und heimlich auf eine Flagge mit Fransen schwört.