Hinterher wussten es alle besser. Wie Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Er kam Ende August 2002 nach Röderau, sah und sagte: "Hier hätte nie gebaut werden dürfen." Das war knapp zwei Wochen nach dem verheerenden 16. August, als die Welle die Region um Riesa erreichte. Auch wussten die Röderauer nun, dass es keine gute Idee gewesen war, den Viadukt, der die Bahnlinie über die Elbe führt, zu einem Damm zu verfüllen. Denn daran prallte am 16. August das Hochwasser ab.

Es kam gar nicht erst zu den Flutungswiesen, sondern schwappte wieder zurück und überschwemmte das Wohn- und Gewerbegebiet Röderau-Süd bis an die Giebel. Hier hatten sich in den 90er-Jahren vierzig Familien den Traum vom Häuschen am Wasser erfüllt. Hier wirkten ein paar Unternehmer ihr Wirtschaftswunder im Kleinen. Heute sind aus alledem blühende Landschaften geworden - Gras, Gestrüpp, Kornblumen. Geschätzte 40 Millionen Euro hat das Bund und Land gekostet.

Allein die Wohneigentümer von Röderau-Süd erhielten laut Sächsischer Aufbaubank (SAB) Zuschüsse von rund 37,4 Millionen. Dafür, dass sie ihre Häuser verließen und in Glaubitz, Koselitz oder Riesa neu bauten.

Betriebe mussten umziehen

Von Röderau-Süd ist kein Ziegel geblieben. Gabi Bachmann führt hier Hündin Ida aus. Als Ur-Röderauerin wusste sie schon vom Opa, dass hier mal ein Elbarm lang lief. "Ich hätte hier nicht gebaut", sagt Bachmann. Andere waren mutiger: Wie Matthias Brade, der seine Großbäckerei ansiedelte. Oder Familie Münch mit ihrem Kia-Autohaus. Beide Betriebe sind nach der Flut auf die andere Elbseite nach Riesa gezogen. Bäcker Brade sagt heute, das Thema Röderau-Süd und Flut sei für ihn abgehakt.

Autohaus-Chefin Gabriele Münch sieht sich über die Jahre mit viel Neid konfrontiert: "Alle sagen: Ihr habt alles ersetzt bekommen. Dass wir ein Jahr lang im Schlamm und Dreck gesessen haben, sieht keiner."

Die Flut von 2002 teilt Röderau in Entschädigte und nicht Entschädigte. Fuhrunternehmer Walter Hoffmann bekam nichts. Er streitet sich noch heute mit der SAB um Entschädigungen für seinen gefluteten Fuhrpark, die er zurückzahlen soll. Auf seinem 40 000-Quadratmeter-Firmengelände lag kniehoch der Schlamm. Am Morgen darauf musste er Milch liefern ins Riesaer Krankenhaus, das einen Kilometer Luftlinie auf der anderen Elbseite liegt. Um hinzukommen, musste er in Dresden über die nächste noch intakte Brücke. Die Milch, die er nicht mehr hatte, besorgte er sich in Meißen neu. Währenddessen schippten Polizei und Bundeswehr seinen Hof frei. Hoffmanns drei Söhne hatten Häuser in Röderau, alle waren betroffen. Der älteste Sohn hat sein Haus abgerissen und an derselben Stelle wieder aufgebaut - ein paar Meter höher allerdings.

Vater Hoffmann hatte das Pech, dass sein Betrieb nicht in dem Gebiet lag, über das die Landesregierung in Dresden drei Monate nach der Flut den Stab brach. Röderau-Süd sollte aufgegeben werden, die Flutgefahr sei zu groß. Da allerdings hatten viele Hausbesitzer gerade das Notwendigste wieder hergerichtet. Zweifelhafter Aufbau in den 90ern, Wiederaufbau und schließlich Abriss. Und das alles dank prall gefüllter Fördertöpfe und der Großzügigkeit kurz vor der Bundestagswahl.

Mauscheleien und Winkelzüge

Erst als die Wahl gelaufen war, kam Sachsens Justizminister Thomas de Maizière (CDU) mit dem Abrissbescheid nach Röderau. Seine Botschaft: Wer geht, bekommt Entschädigung. Walter Hoffmann ist immer noch sauer: "Die haben uns drei Monate lang suggeriert, dass hier alles wieder aufgebaut werden kann."

Sogar an einen Ringdeich zum Schutz vor künftigen Fluten hatten einige hochrangige Besucher laut gedacht. Die Flut von Röderau schlug Wellen bis in den Bundestag. Das ganze Land spottete über die Gemeinde Röderau, die wie alle anderen ein Gewerbegebiet wollte und es dank glücklicher Winkelzüge mitten in die Elbaue bauen durfte. Unbeeindruckt davon, dass ebendort Jahrzehnte lang nichts gebaut werden durfte.

Der Ex-Bürgermeister, hieß es, soll gemauschelt haben, um das Bebauungsrecht zu kriegen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dresden verliefen im Sande. Unternehmer Hoffmann nimmt den Rathauschef in Schutz: "Ich saß damals im Gemeinderat, wir wollten alle das Gewerbegebiet." Heute gehört Röderau zur Gemeinde Zeithain, die hat Gewerbe- und Industrieflächen an allen Enden. Über die Ruhe in Süd freuen sich Hündin Ida und die Bodenbrüter. In den Damm, der einst Viadukt war, hat man wieder Breschen geschlagen. Für das nächste Jahrhun-dert-Hochwasser.