In Manchester klafft ein riesiges Loch zwischen alten und neuen Berufsanforderungen. "Der Bau-Boom in den 90er-Jahren hat vor allem im Handwerk zu einem Fachkräftemangel geführt, weil wir kein hoch entwickeltes Ausbildungssystem haben", sagt John Woodward, Chemielehrer und zuständig für die berufliche Ausbildung an einer Art Gesamtschule in Manchester, die mit der zehnten Klasse endet. Deshalb nahm Woodward jetzt in der Lausitz Nachhilfe.

Das British Council und das britische Bildungsministerium sponsern ihn. Bei der 1. Gesamtschule in Cottbus, beim Cottbuser Oberstufenzentrum I und beim Kompetenzzentrum für nachhaltiges Bauen in Dissenchen verschaffte sich Woodward einen ersten Überblick. Er sprach mit zig Lehrern und Schülern, Vertretern der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer und dem Arbeitsamt. Am Ende war Woodward begeistert. Besonders die gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieb sowie das außerordentlich hohe Niveau der praktischen handwerklichen Fertigkeiten der Auszubildenden in der Lausitz haben es Woodward angetan.

Von der Disziplin der Schüler und dem Druck, den Lausitzer Lehrer ausüben können, war er beeindruckt. Dass in Deutschland Schüler durchfallen, wenn sie keine Leistung bringen, überraschte ihn. Auf seiner Schule kann keiner sitzen bleiben. Und von einem modernst ausgestatteten Oberstufenzentrum wie in Cottbus mit 2700 Schülern und 126 Lehrern in drei Gebäuden, das auf eine praktische berufsbezogene Ausbildung abstellt, kann Woodward nur träumen. "Bei uns in Manchester gibt es so etwas nicht", erklärt er. Bei uns schreiben die Schüler nur über ihre Arbeit, aber sie üben sie an der Schule nicht aus. Es gibt keine praktischen Prüfungen. Bis vor kurzem war das sogar so gewollt.

Keine gesetzlichen Regelungen

Die praktische berufliche Ausbildung war in England lange ausschließlich Sache der Betriebe. Der Staat vertraute auf die Selbstregulierung des Arbeitsmarkts. Nach wie vor handeln Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften Ausbildungsinhalte, -dauer und -vergütung selbst frei aus. Gesetzliche Regelungen gibt es nicht.

Wenn am Ende der Schulpflicht die Schüler die Regelschule verlassen, können sie zwischen zahlreichen - auch kostenpflichtigen - Bildungsanbietern und -wegen wählen. Mehr als zwei Drittel aller 16-Jährigen bleiben in Bildungseinrichtungen. Zwölf Prozent nehmen direkt eine Arbeit auf, nur zehn Prozent beginnen eine spezielle Berufsausbildung in Betrieben. Eine der deutschen Lehre vergleichbare berufliche Erstausbildung erhalten damit nur wenige britische Jugendliche. Die Regel ist eine Art Training on the Job, auf Deutsch: Zugucken und nachmachen. Das Ausbildungsniveau der Handwerker und Arbeiter ist vergleichsweise niedrig.
Auf den zweiten Blick sind die Folgen dieser Ausbildungspolitik nach wie vor in Manchesters Zentrum sichtbar: braune Kanäle, Eisenbahnbrücken, geschlossene Baumwoll-Fabriken und Lager. Es sind Zeugen des Verfalls des Manchester-Kapitalismus mit seinem zügellosen Geld- und Warenverkehr. Doch langsam, aber sicher erobert sich inzwischen die Moderne mehr und mehr das Terrain.

Heute sieht sich Manchester als direkte Konkurrentin zu London. Die Stadt ist nicht nur hip, sie ist auch teuer geworden. Die Lager- und Produktionsgebäude im Zentrum sind zu Lofts ausgebaut worden, die sich die Wenigsten leisten können.

"Das Handwerk war in England eigentlich nie besonders angesehen. Das hat sich aber jetzt wegen der hohen Verdienstmöglichkeiten aufgrund des Fachkräftemangels geändert", sagt Woodward. Bis zu 800 Pfund (etwa 1200 Euro) in der Woche könne ein Klempner in Manchester inzwischen verdienen. Ein Tischler bringe es auf 400 Pfund die Woche, sagt Woodward. Ausgelernte Lausitzer Gesellen dieser Berufe ködert er: "Kommt nach Manchester. Da findet ihr als Klempner oder Tischler auf jeden Fall einen Job." Noch fehlt in der englischen Metropole der Handwerker-Nachwuchs.

Eltern sollen angelockt werden

Doch Woodward hat Großes vor. Er will aus der Trinity Church of England High School in den nächsten drei Jahren eine Art Berufsschule nach Cottbuser Vorbild machen. "Wir wollen unter anderem das Abitur und berufsbezogene Kurse mit Praxis-Anteil anbieten", sagt Woodward, der überzeugt ist: "Eltern würden ihre Kinder dann ganz gezielt auf unsere Schule schicken." Ganz ohne Eigennutz sind Woodwards Pläne, den Ruf der Schule zu verbessern, nicht. "Haben wir nicht genug Schüler, müssen wir die Schule schließen", erklärt er. Für jeden Schüler gibt es Geld von der Regierung. Im Klartext: Je mehr Schüler, desto mehr Geld hat die Schule, desto besser ist ihre Ausstattung. "Dadurch sind wir gezwungen, uns immer etwas Neues einfallen zu lassen, Eltern zu interessieren."

Heute schlägt Woodwards Stunde. Er muss seine Erfahrungen und seine Eindrücke, die er in der Lausitz gesammelt hat, vor den entscheidenden Gremien präsentieren. Das Bildungsministerium erhält ebenfalls einen Bericht. "Ich selbst kann da nichts entscheiden", sagt Woodward. Der politische Wille sei ausschlaggebend. "Aber ich würde das alles am liebsten in Gänze übernehmen."