Die Rede von Mustafa Abdul Dschalil in Bengasi sollte den Beginn der Post-Gaddafi-Ära einläuten. Doch anstatt über Wahlen, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit zu sprechen, kündigte der Vorsitzende des Übergangsrates den Aufbau islamischer Banken an und ein neues Gesetz, das die bislang geltenden Einschränkungen für die islamische Vielehe aufhebt. „Jedes Gesetz, das den Prinzipien des islamischen Rechts zuwiderläuft, ist ungültig“, postulierte Dschalil.

Bei einigen westlichen Diplomaten kam seine Rede deshalb nicht gut an. Sie befürchten nun, dass Libyen dem Beispiel Saudi-Arabiens folgen könnte, das seine Bürger zwingt, nach den Prinzipien einer puritanisch-konservativen Auslegung des Islam zu leben. Auch einige Libyer sind nicht begeistert. Sie werfen Abdul Dschalil vor, er treffe eigenmächtig Entscheidungen, die in einer Demokratie nur von gewählten Volksvertretern getroffen werden dürften.

Die Libyer sind ein frommes Volk. Der Islam bestimmt viele Aspekte ihres Alltags – von der Eheschließung bis zum Fasten im Monat Ramadan. Anders als im Nachbarland Tunesien war Alkohol in Libyen auch unter Gaddafi schon verboten. Das Tragen des Kopftuches war zwar, anders als in Saudi-Arabien oder im Iran, nicht Pflicht. Allerdings trägt die Mehrheit der libyschen Frauen ohnehin Kopftuch.

„Abdul Dschalil ist nicht radikal, er ist nur konservativ“, sagt der Geschäftsmann Mohammed al-Ghannai, der Mitglied der Militärführung der Rebellen war. Der Vorsitzende des Übergangsrates wiederum war unter Gaddafi Richter und Justizminister. Das bedeutet, dass er mit Bedacht formuliert, wenn er sagt, „dass wir das islamische Recht als Hauptquelle der Gesetzgebung genommen haben“. Denn in Saudi-Arabien formuliert man anders. Dort heißt es: „Das islamische Recht ist die einzige Quelle der Gesetzgebung.“

In der libyschen Stadt Sirte ist indes ein Massengrab entdeckt worden. Dort sollen Milizionäre des Übergangsrates 53 Anhänger von Ex-Machthabers Muammar al Gaddafi nach deren Festnahme getötet haben. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fanden einige Leichen, bei denen die Arme mit Plastikbändern hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Die Organisation forderte deshalb am Montag den Übergangsrat auf, „eine unverzügliche und transparente Untersuchung der offensichtlichen Massenhinrichtung einzuleiten und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen“.