Vor dem Cottbuser Landgericht sollte noch vor Weihnachten 2015 ein Zivilprozess mit einem Vergleich beigelegt werden. Ein Planungsbüro aus Tschernitz, das beim Bau der Döberner Glas pyramide "Cristalica Kingdom" bis zur Eröffnung im Oktober 2013 praktisch Generalauftragnehmer für Planungsleistungen war, fordert 40 000 Euro Außenstände ein.

Erlebnisgastronomie geplant

Aus der Sicht der Planer hatte Unternehmer Lutz Stache dem Büro signalisiert, Planungsleistungen für ein neues Projekt - eine Erlebnisgastronomie auf dem Gelände des ehemaligen Glaswerkes - zu erbringen. Ein Zeuge, der seit 2009 als Unternehmensberater für Cristalica arbeitete, erläutert vor Gericht das Vorhaben.

Er berichtet von der Idee, ein Dschungel-Restaurant entstehen zu lassen. Zuerst in der 1800 Quadratmeter großen ehemaligen Ofenhalle, dann als unterirdische, über einen Fahrstuhl zu erreichende Erlebnisgastronomie unmittelbar neben dem Wahrzeichen Glaspyramide.

Für das neue Projekt sollte die I.S.A. Serini GmbH, eine weitere zum Firmenkonsortium gehörende Gesellschaft, genutzt werden. Um auch Fördermittel aus dem Bereich Bed & Bike beantragen zu können. An das Tschernitzer Planungsbüro sei der mündliche Auftrag, so der Zeuge, in der Form ergangen: "Na, dann planen Sie mal."

Nach RUNDSCHAU-Recherchen ist dieses Verfahren offenbar nur eines von vielen, die der Lausitzer Unternehmer gegenwärtig führt. Sein langjähriger Bauberater, -betreuer und -leiter streitet mit Stache vor dem Landgericht Cottbus zurzeit um mehr als 100 000 Euro ausstehendes Honorar. Mit seinem ehemaligen holländischen Kooperationspartner und Besitzer einer Maschine zur Herstellung von Glasmurmeln mit Keramikinlett prozessiert er in Berlin um bedeutend höhere Beträge im siebenstelligen Bereich. Die Maschine ist seit Monaten defekt und kann nicht produzieren.

Und dennoch sind das eher Kleinigkeiten im Vergleich zu dem Brocken, der auf Lutz Stache und die Cristalica GmbH aus Potsdam zurollt. Denn dem Unternehmen droht die Rückzahlung von 4,5 Millionen Euro Fördermitteln. Die Landesinvestitionsbank Brandenburg (ILB) bestätigt der RUNDSCHAU auf Nachfrage, dass ein entsprechender Widerrufsbescheid erlassen worden sei. Dagegen hat der Cristalica-Chef Widerspruch eingelegt.

Die ILB sah sich offenbar zum Handeln veranlasst, weil Cristalica innerhalb der Bindefrist der Fördermittel gegen eine wesentliche Vertragsbedingung verstößt. Mit der Förderung sollte die Glasproduktion in Döbern fortgesetzt und zukunftsfest gemacht werden. Während ILB-Pressesprecher Matthias Haensch mit Verweis auf das laufende Verfahren keine weiteren Angaben macht, geht Lutz Stache in die Offensive. "Lass sie zurückfordern. Das wird letztlich der Richter entscheiden", kündigt er gegenüber der RUNDSCHAU an, sich auch hier gerichtlich zu wehren.

Seitdem Lutz Stache die Glashütte im Jahre 2009 für 550 000 Euro gekauft hatte, investierte er nach eigenen Angaben rund 40 Millionen Euro in den Standort. Für das Geld brauchte er keine Banken. Die Glaspyramide - von einer Inka-Mauer umzäunt - wurde zu einem attraktiven Glaskaufhaus. Parallel dazu präsentiert sich Cristalica über einen breit gefächerten Internet-Auftritt. Das hier angebotene Glas muss allerdings zugekauft werden. Denn, was zurzeit in den Ofenhallen der einstigen Bleikristall-Hochburg noch an Glasproduktion in größerem Stil erinnert, ist eine defekte Nugget-/Murmelmaschine.

Die Maschine steht still

Mit ihr könnten pro Tag zwei Tonnen Glas produziert und zu Kugeln oder Tropfen verarbeitet werden. Das Rohmaterial ist interessant für Glasverarbeiter, die selbst kein Glas herstellen. Die Kugeln würden an sie verkauft, wieder eingeschmolzen und verarbeitet. Doch die Maschine steht wegen eines Achsenschadens seit Monaten still. Mit den Verkäufern aus Holland liegt Lutz Stache ebenso im juristischen Streit wie mit der Versicherung, die nach seinen Angaben nicht zahlen wolle.

Deshalb hat der Cristalica-Geschäftsführer 70 000 Euro für eine Ersatzinvestition in die Hand genommen, um Glaskugeln mit Innenleben herstellen zu können. Zwei Arbeiter formen den zähflüssigen Glastropfen, positionieren das Keramik-Trikot einer Fußballmannschaft im Inneren und kühlen die Murmel ab. Pro Tag schaffen sie keine Hundert Kugeln.

Die Murmeln gehören zu jenen Artikeln, die Stache über seine V.I.P. Pictures World GmbH im Internet anbietet. Das "Kaufhaus der Gesichter" ist seine Idee, und dafür hat er in Döbern Hightech installiert. Hier können Prominente und Marken, ihre Vermarkter und Partner weltweit Designs auf selbst gewählten Produkten anbieten. Beim Veredler in Döbern mit derzeit insgesamt 65 Mitarbeitern werden sie hergestellt.

Erster VIP-Vertragspartner war Fußball-Profi Robert Lewandowski. Mit Werbung etwa über Facebook erhofft sich Lutz Stache den nötigen Andrang, um die hochwertigen Maschinen auszulasten. Zurzeit habe man 2000 Artikel - vom Handy-Cover über das Whisky-Glas bis zum Schlüsselanhänger - im Angebot. 2016 sollen 500 weitere Artikel hinzukommen.

Lutz Stache verweist darauf, dass inzwischen auch Verträge mit Bayern München, dem FSV Mainz 05, mit Hertha BSC oder den Eishockey-Eisbären Berlin sowie mit Cristiano Ronaldo, Messi und Leonardo DiCaprio abgeschlossen sind. "Hochwertige Marken und Fanartikel made in China - das verträgt sich nicht", verweist Stache auf die großen Chancen des Unternehmens.

"Glas gehört zu Döbern"

Aus seiner Sicht wird in Döbern auch künftig Glas produziert, "so wie es die Fans von V.I.P. Pictures World haben möchten". Dass Massenproduktion nicht funktioniere, hätten seine drei Vorgänger im Glaswerk Döbern bewiesen. "Dennoch: Glas wird es hier immer geben, das gehört zu Döbern", zeigt sich Stache sicher.

Das Tschernitzer Planungsbüro wartet unterdessen weiter auf sein Honorar. Staches Firma als Beklagte hat eine Fristverlängerung erwirkt. Ohnehin zieht sie sich auf den Standpunkt zurück, dass es keinen Vertrag gegeben habe. "Ich kann kein Geld dafür bezahlen, was nicht geleistet wurde", sagt Lutz Stache. Ob das Gericht dieser Version folgt, wird voraussichtlich im März verkündet.

Bis dahin wird sich der Cristalica-Geschäftsführer auch damit beschäftigen müssen, wie es mit der Glasproduktion am Traditionsstandort Döbern weitergehen soll. In Handarbeit gefertigte Glasmurmeln mit Innenleben werden nicht ausreichen, um 4,5 Millionen Euro Fördermittel des Landes zu rechtfertigen.

Unterdessen könnte es für Lutz Stache noch dicker kommen. Denn die Staatsanwaltschaft Cottbus hat gegen ihn als geschäftsführer der Cristalica ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das bestätigt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig. Der Verdacht: Subventionsbetrug.

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Den Grundstein für sein Firmengeflecht hat einer der erfolgreichsten Brandenburger Unternehmer nach der Wende gelegt. Lutz Stache machte sich mit einem Baustoffhandel selbstständig. Seit Ende der 1990er-Jahre kam eine Firma zur Entsorgung und Verwertung von Braunkohleflugasche aus Kraftwerken hinzu. Die AHG Industry GmbH &Co KG entwickelte er zu einem Eisenbahnverkehrsunternehmen und Dienstleister für Energieerzeuger. Rund 90 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet die AHG Industry nach Medienangaben im Ausland mit Werken vornehmlich in der Produktion von Baustoffen im Irak, in Rumänien, der Türkei oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Stache hat in 25 Jahren eine international agierende Firmengruppe aufgebaut, deren weltweit geschätzte rund 7500 Beschäftigte den Angaben zufolge einen Jahresumsatz in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaften.