Hunderttausende Flugreisende sitzen fest, die Bundeskanzlerin fährt im Auto von Rom nach Berlin, auf Straßen und Schienen herrscht Ausnahmezustand: Nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans am Eyjafjalla-Gletscher am Mittwoch blieb der Luftraum über weiten Teilen Europas auch am Wochenende gesperrt. Wegen der riesigen Aschewolke registrierte Eurocontrol seit Donnerstag 63 000 abgesagte Flüge, wie die Flugsicherheitsbehörde am Sonntag in Brüssel mitteilte. Das sorgt für Milliardenverluste - und Vertreter einiger Airlines bezweifeln inzwischen, ob die Flugausfälle notwendig waren. In Deutschland durften bis mindestens zwei Uhr am Montagmorgen keine Flugzeuge starten oder landen. Mehrere Länder halten ihre Airports noch länger geschlossen. Dadurch sei das Überqueren des Kontinents weiterhin unmöglich, erklärte Eurocontrol. Die Europäische Union hat für den heutigen Montag eine Sonderkonferenz der Verkehrsminister einberufen. Derzeit wird die Asche von dem Vulkan in eine Höhe von rund 8000 Metern gestoßen und dann vom Wind in Richtung Skandinavien getrieben. Wegen des Hochdruckeinflusses verändert die Wolke ihre Position aber kaum. Genaue Messdaten fehlenWährend am Himmel Stille herrschte, rumorte es am Boden gewaltig: Es habe keine genauen Messdaten über die Aschekonzentration am Himmel gegeben, warfen Vertreter einiger Airlines Meteorologen und Vulkanologen vor. In Deutschland sei noch nicht mal ein Wetterballon aufgestiegen, um zu messen, ob und wie viel Vulkanstaub in der Luft sei, kritisierte Joachim Hunold, Vorstandschef der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft, Air Berlin. "Die Schließung des Luftraums erfolgte ausschließlich aufgrund der Daten einer Computersimulation beim Volcanic Ash Advisory Centre in London." Der Deutsche Wetterdienst (DWD) widersprach: Messungen mit einem Lasergerät auf dem Hohenpeißenberg bei München hätten Vulkanasche in den Luftschichten zwischen 3000 und 7000 Metern belegt. "Die Wolke ist da", sagte ein Meteorologe in Offenbach. Die Teilchen aus der Vulkanasche können nach Expertenmeinung die Triebwerke und Sensoren von Flugzeugen in vielen Kilometern Höhe beschädigen und Piloten die Sicht nehmen. Die Lufthansa hatte am Samstag mit Positionierungsflügen zehn Flieger ohne Passagiere auf andere Airports gebracht. In Höhen bis zu 8000 Metern hätten sie "keinen Kratzer" durch Aschestaub erlitten, sagte ein Sprecher. Auch Air Berlin hatte bei Sichtflügen in 3000 Metern Höhe keine Probleme. "Uns verwundert, dass die Ergebnisse der Testflüge (. . .) keinerlei Einfluss auf die Entscheidungsfindung der Luftsicherheitsbehörden gefunden haben", sagte Hunold am Sonntag. Hunderttausende sitzen festHunderttausende sitzen überall in Europa fest. Viele müssen sich mit Zügen, Mietautos, Bussen oder Fähren durchschlagen. Sollte die Sperrung der Lufträume aufgehoben werden, wird es nach Ansicht von Experten mehrere Tage dauern, ehe sich der Reiseverkehr normalisiert hat. 150 Millionen Euro kostet nach Angaben des Flugverbandes IATA jeder Tag mit weitreichenden Luftraumsperrungen die Branche. Meteorologen und Vulkanologen in Reykjavik gehen davon aus, dass der Vulkan "sicher noch Tage, vielleicht aber auch Wochen oder Monate" riesige Mengen Dampf und Asche in die Atmosphäre spucken wird.