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RUNDSCHAU gibt einen Überblick zu diesem Thema
Wie gefährlich ist der Isegrim?

Ein Wolf verteidigt seine am Boden liegende Beute. Die Nachricht von einer vermeintlichen Meute grauer Räuber, die eine Frau getötet haben soll, sorgt für Aufregung.
Ein Wolf verteidigt seine am Boden liegende Beute. Die Nachricht von einer vermeintlichen Meute grauer Räuber, die eine Frau getötet haben soll, sorgt für Aufregung. FOTO: dpa
Cottbus. Eine Britin setzt per Handy einen Hilferuf ab: Sie werde von wilden Tieren attackiert. Später werden die Überreste der Frau gefunden. Wölfe sollen sie getötet haben. Ein Fall, der auch viele Lausitzer umtreibt. Anna Ringle und Gisela Gross

In der Region ist die wachsende Wolfspopulation ein Thema, über das höchst emotional gestritten wird. Zum einen, weil immer mehr Nutztiere von den grauen Räubern getötet werden. Aber es wächst auch die Sorge, dass Wölfe Menschen attackieren könnten. Befeuert wird die Angst durch die jüngsten Nachrichten aus Griechenland. Eine 62-jährige britische Flüchtlingshelferin soll im Norden von einem Rudel Wölfe getötet und aufgefressen worden sein. Das zumindest lassen erste Analysen der Überreste vermuten. Eine DNA-Analyse soll nun klären helfen, ob es tatsächlich Wölfe oder aber aggressive Hütehunde oder Streuner waren, die auf die Touristin losgingen. Die RUNDSCHAU gibt einen Überblick zu diesem Thema.

Wie groß ist die Aussagekraft der Untersuchung der Überreste?

Aus Sicht von Experten wären DNA-Analysen wichtig, um die beteiligte Tierart mit Sicherheit bestimmen zu können. Die Berliner Veterinärpathologin Claudia Szentiks betont, dass es generell auch von der Vollständigkeit der Überreste abhängt, ob eine Todesursache - wie zum Beispiel ein Biss in die Kehle - einwandfrei geklärt werden kann. Seien nur noch Knochen übrig und finde man Wolfs-DNA daran, zeige das lediglich, dass ein Wolf an der Leiche war - womöglich nur als Aasfresser, so die Wissenschaftlerin.

Gab es schon viele Wolfstote in Europa?

Wolfskenner nennen vereinzelte Fälle in den vergangenen Jahrzehnten. "Panikmache ist für Deutschland nicht angebracht", sagte ein Sprecher des Deutschen Jagdverbandes. Laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) kam es zwischen 1950 und 2000 in Europa zu 59 Angriffen, bei denen neun Menschen starben. Bei fünf der tödlichen Angriffe seien die Wölfe an Tollwut erkrankt gewesen. Der Nabu beruft sich bei den Angaben auf eine wissenschaftliche Untersuchung eines norwegischen Institutes (Nina), das weltweit dokumentierte Fälle zusammenstellte.

Gab es in Deutschland in den vergangenen Jahren Angriffe?

Nein. Seitdem sich seit 2000 wieder Wölfe in Deutschland angesiedelt haben, ist kein aggressives Verhalten der Tiere gegenüber Menschen bekannt geworden. Allerdings haben manche frei lebenden Wölfe keine Scheu, sich Ortschaften und Gehöften zu nähern - etwa wenn sie auf der Suche nach Nahrung sind. Zwischen 2002 und 2015 haben Wölfe nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) mehr als 2000 Nutztiere gerissen, zum größten Teil Schafe. Nach Angaben von DBBW und Naturschutzbund Nabu leben hierzulande 70 Rudel oder Paare.

Wo sind in Europa die Wolf-Hotspots? Wölfe leben nach Nabu-Angaben in vielen Teilen Osteuropas, zudem in Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens, Nordgriechenland, Italien, den Westalpen, Nordspanien und Mittelskandinavien. In Deutschland ist der Wolf vor allem in der Lausitz in Brandenburg und Sachsen wieder heimisch.

Wird der Wolf in Griechenland bejagt? Laut Deutschem Jagdverband dürfen Wölfe wie in der gesamten EU nicht bejagt werden, weil die Art nach einer Richtlinie streng schützt ist. Aus Sicht von Jägern es aber durchaus sinnvoll, den Tieren mehr Angst vor Menschen zu vermitteln. Der Wolf habe keine natürliche Scheu vorm Menschen, sagte Sprecher Torsten Reinwald. "Wenn dem so wäre, hätten wir heute keine Hunde."

Warum greifen Wölfe Menschen an? Buchautor Eckhard Fuhr ("Rückkehr der Wölfe") sagt: "Die häufigste Ursache ist Tollwut." Nach Erfahrungsberichten sei der Verlauf der Tollwut beim Wolf ausgesprochen aggressiv. Fuhr spricht von einem "regelrechten Amoklauf", der möglich sein kann. Dass tollwütige Wölfe im Rudel auftreten, hält er allerdings für eher unwahrscheinlich. Tollwutkranke Tiere sonderten sich eher von Artgenossen ab. Deutschland gilt seit 2008 als tollwutfrei.

Bei gesunden Wölfen werden Angriffe laut Fuhr vor allem durch menschliches Fehlverhalten ausgelöst - etwa durch Anfüttern. Wölfe betrachten Menschen dann als Quelle für Futter und werden so an ihn gewöhnt. Nach Nabu-Einschätzung kann es dann beim Wolf zu dreistem Verhalten kommen, wenn er sein Futter einfordere.

"Dagegen gibt es nur sehr selten Fälle, in denen Wölfe im Menschen offensichtlich eine Beute sehen", erläutert Fuhr. Zu diesem Schluss kommt auch der Nabu. Es habe in der Vergangenheit nur vereinzelt Fälle etwa in Pakistan gegeben, in denen ein Wolf aus Ermangelung an Beute auf Hirten losging, sagt Nabu-Wolfsexperte Markus Bathen. Auffällige Wölfe können in Deutschland auch abgeschossen werden, betont Wissenschaftlerin Szentiks.

Wie verhalte ich mich, wenn ich einem Wolf begegne? Wenn man in Deutschland einen Wolf sieht, sollte man sich nach Einschätzung von Autor Fuhr bemerkbar machen. Das führe dazu, dass sich der Wolf entfernt. "In die Hände klatschen, sich aufrichten, sich groß machen - dann wird er verschwinden."

Wenn man mit einem Hund in einem Gebiet, wo Wölfe vermutet werden, spazieren geht, sollte er laut Fuhr an die Leine genommen werden. Wölfe können in Hunden einen Artgenossen sehen, der in ihr Territorium eindringt. Der Nabu rät, einem Wolf nicht hinterherzulaufen oder -fahren. Auch solle man niemals versuchen, ihn anzulocken oder zu füttern.