Jürgen Hampel redet nicht um den heißen Brei herum. "Das ist schon ein kurzfristiges Konjunkturprogramm, was uns der Flüchtlingsstrom beschert", erklärt der Niederlassungsleiter Sachsen und Brandenburg der Algeco GmbH aus Schraden (Elbe-Elster). Hier befindet sich einer von 13 Standorten des Unternehmens, das unter anderem Wohncontainer vermietet und verkauft.

Von der Nachfrage überrannt

Hampel verweist darauf, dass man - wie viele andere Branchen auch - überrannt worden sei von der Nachfrage. "Aus dem Stand die zehnfache Menge zu produzieren und anzubieten, das geht nicht", sagt er. Der Prokurist von Bolle-Container aus Telgte (Nordrhein-Westfalen) Raphael Bruns bestätigt gegenüber der RUNDSCHAU, dass zurzeit jede zweite Anfrage mit Flüchtlingsunterkünften zu tun habe. "Auch wenn wir mehrschichtig arbeiten und Investitionsvorhaben vorziehen - die Kapazitäten lassen sich nicht von heute auf morgen verdoppeln". Dennoch: Der Umsatz steige deutlich, auch wenn es zu Lieferengpässen komme.

Den Begriff Konjunkturprogramm benutzen auch die führenden deutschen Ökonomen: Die Wirtschaftsinstitute gehen davon aus, dass die deutsche Volkswirtschaft 2015 und 2016 um 1,8 Prozent wachsen wird - auch dank der elf Milliarden Euro, die der Staat nach Schätzung der Ökonomen für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ausgibt.

Was Algeco-Manager Hampel als "deutlich erhöhte Nachfrage" bezeichnet, können Unternehmen in den unterschiedlichsten Branchen nur bestätigen. Es sind oft auch kleine Effekte, die sich aus der Betreuung der Asylbewerber ergeben. So müssen Hunderte von Passfotos in den verschiedenen Unterbringungsorten der Lausitz angefertigt werden. Das merkt auch Thomas Britze von Foto-Quelle in Cottbus. Sein Geschäft ist nahe der Ausländerbehörde der Stadt gelegen. "Es ist nicht der große Run, aber wir registrieren es schon, wenn vier, fünf Familien in einer Woche komplett mit Passfotos ausgestattet werden wollen", erklärt Britze.

Beim Cottbuser Unternehmen VSC ist der Auftrag angekommen, Flüchtlinge von der Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung in Cottbus-Sachsendorf zur medizinischen Erstuntersuchung zu transportieren. "Damit ist ein Mietwagen manchmal die ganze Woche über im Einsatz", sagt der Geschäftsbereichsleiter bei Cottbusverkehr, Ulrich Thomsch.

350 neue Jobs bei DRK Sachsen

Aber auch Drogeriemärkte, Discounter und andere Geschäfte profitieren davon, dass die Flüchtlinge da sind. Wie der Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Sachsen, Kai Kranich, der RUNDSCHAU erläutert, seien vier Mitarbeiter pausenlos damit beschäftigt, Feldbetten, Schlafsäcke und Decken, aber auch Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife, Shampoo, Cremes, Windeln und anderes mehr für die gerade ankommenden Flüchtlinge zu besorgen. Zudem halte das DRK im Freistaat, das etwa 90 Prozent der Erstaufnahme absichere, ständig etwa 3000 Einheiten zur Unterbringung und Versorgung der Neuankömmlinge vor. Um dieser Aufgabe der humanitären Nothilfe gerecht zu werden, so Kranich, seien seit Juli etwa 350 Personen eingestellt worden.

Um die Flüchtlinge in der Erstaufnahme-Außenstelle Cottbus zu versorgen, hat der Regionalverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Brandenburg-Süd seine Reihen um fünf Mitarbeiter aufgestockt. Sie kümmern sich um Organisation und Betreuung in der Unterkunft Poznaner Straße, wo innerhalb von drei Tagen für 300 Flüchtlinge Plätze vorbereitet werden mussten. Elke Heinemann, die AWO-Fachbereichsleiterin Pflege und Wohnen, verweist zudem darauf, dass in der AWO-Küche Hilfen für die Zubereitung der Mittagessenversorgung hinzugekommen seien. Vier Servicekräfte haben einen Job erhalten, und vier städtische Angestellte verstärken das Team.

Elke Heinemann nennt zudem die 15 freiwilligen Helfer, "für die wir Ehrenamtspauschalen auszahlen". Mehr Kaufkraft entsteht in der Region aber auch durch die Flüchtlinge selbst. Jeder Erwachsene in den Erstaufnahmeeinrichtungen erhält aktuell etwa 140 Euro pro Monat, womit in Geschäften der Region eingekauft werden kann. Und dass Kommunen und Landkreise im Zuge der Betreuung der Asylbewerber ihr Personal aufstocken, trifft nicht nur auf Cottbus zu. Hier sind zwei vom Land bezahlte Sozialarbeiter bereits eingestellt worden. Ein Koordinator für Flüchtlings- und Asyl angelegenheiten soll schnell folgen.

Für die Handwerkskammer Cottbus (HWK) steht außer Frage, dass das regionale Ausbauhandwerk bei der Vorbereitung und Sanierung von Flüchtlingsunterkünften zum Zuge kam und kommt. Wie Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, erklärt, habe der eine oder andere Elektro- oder Sanitär-Betrieb vorübergehend gut zu tun. Allerdings werden auch Sorgen geäußert, dass die Kommunen angesichts der Ausgaben in den kommenden Jahren weniger investieren werden.

Langfrist-Perspektiven sehen

Aus Sicht der Cottbuser Industrie- und Handelskammer (IHK) sei es für Aussagen, welchen Einfluss die hohe Zahl der Flüchtlinge auf die regionale Wirtschaftsentwicklung hat, noch zu früh. "Kurzfristig können einzelne Unternehmen profitieren", sagt Hauptgeschäftsführer Wolfgang Krüger. Auf die Gesamtkonjunktur werde das noch nicht durchschlagen. Und Krüger betont: Viel wichtiger sei es, Migranten sowohl als Fachkräfte wie auch als Konsumenten zu integrieren. Dafür seien zunächst Investitionen notwendig - in Sprach- und Integrationskurse. Diese langfristigen Perspektiven müssten schneller ins Blickfeld rücken.

Zum Thema:
Deutschland kann die Flüchtlingskrise nach Ansicht des Ökonomen Marcel Fratzscher finanziell meistern. "Es ist ein Kraftakt, absolut", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Die finanziellen Belastungen sehe er aber entspannt. "Ich glaube, wenn man die vergangenen 70 Jahre zurückschaut, könnte es eigentlich keinen besseren Zeitpunkt geben, um mit der Herausforderung umzugehen." Die öffentlichen Haushalte hätten riesige Reserven. "Wir rechnen mit 15 Milliarden Euro Überschüssen für nächstes Jahr, obwohl dort schon knapp zehn Milliarden Euro zusätzliche Kosten für Flüchtlinge berücksichtigt sind", sagte Fratzscher. Dass wegen der Ausgaben für Flüchtlinge womöglich Sozialleistungen oder Renten gekürzt werden müssten, stimme nicht, so der Ökonom. Die Ausgaben müsse man vielmehr als Investition sehen - ähnlich wie bei frühkindlicher Bildung, sagte Fratzscher. Das Geld komme auch erst Jahre später wieder zurück, wenn die einstigen Kinder berufstätig seien und über Steuern mehr als die Summe zurückzahlen könnten. Mehr zum Thema: lr-online.de/fluechtlinge