Doch die staatlichen Bittsteller sind hartnäckig. Die Regierung habe sich um eine Wohnung für den 77-Jährigen bemüht, könne aber nirgends Schutz vor möglicher Lynchjustiz bieten, erklären sie. Am 30. Januar 1990 gibt die Kirche nach. Der krebskranke Honecker, der nach eintägiger Untersuchungshaft in Ost-Berlin als haftunfähig entlassen wird, kommt mit seiner Frau nach Lobetal bei Bernau. Unter dem Dach der Hoffnungstaler Anstalten findet das Ehepaar, das stets auf eine Gesellschaft ohne Kirche gesetzt hat, eine Bleibe.

„Er war schwach und krank“, erinnert sich Pfarrer Uwe Holmer, der damalige Anstaltsleiter und CDU-Bürgermeister von Lobetal, an die Aufnahme der Honeckers. Holmer kommt kein unfreundliches Wort über die Lippen, obwohl seine Familie in der DDR eine ganze Reihe Schwierigkeiten hatte.

Doch das haben nicht alle so empfunden. Er sei noch dabei gewesen, den Honeckers die Zimmer zu zeigen, als der erste empörte Anruf einging. Ein Mitglied des Gemeindekirchenrates sei es gewesen, erzählt Holmer. Er habe entgegnet: „Wir können nicht jeden Sonntag beten und vom Vergeben der Schuld reden und es dann nicht tun.“ „Herr Honecker befindet sich in Lobetal nicht in einem Asyl, das ihn der strafrechtlichen Verfolgung entzieht“, hatte Bischof Forck in seinem Schreiben vorsichtshalber klargestellt. In Erinnerung sind ihm auch die Spaziergänge mit Honecker: „Er war deutlich anderer Meinung in politischen Dingen.“



Die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 hat Honecker unter dem Dach der Kirche erlebt. Dass die Niederlage für den DDR-Sozialismus dabei so klar ausfiel, habe ihn erschüttert. Dann hieß es plötzlich, es gebe eine geeignetere Unterkunft. Nach Lindow bei Rheinsberg sollte es gehen. Doch schon am nächsten Tag kam die eilige Bitte um erneute Aufnahme in Lobetal. Denn am neuen Wohnort hatten aufgebrachte Anwohner gedroht, das ursprünglich vorgesehene Haus zu stürmen.

Bis 3. April kommen die Honeckers noch einmal im Pfarrhaus unter, danach bei der Sowjetarmee in Beelitz. Im Winter 1990, die DDR gibt es nicht mehr, ergeht Haftbefehl gegen ihn. Das Ehepaar fliegt nach Moskau. 1992, auch die Sowjetunion hat abgedankt, werden sie nach Deutschland ausgeliefert. Honecker wird wegen des Schießbefehls angeklagt und kommt in Berlin erneut in U-Haft. Anfang 1993 wird das Verfahren aus gesundheitlichen Gründen eingestellt, das Ehepaar geht nach Chile. Dort stirbt Honecker 1994 mit 81 Jahren an Krebs.

Im Alltag von Lobetal spielt das spektakuläre Kirchenasyl vor 20 Jahren heute keine große Rolle mehr. Das Haus der Diakonie zählt heute mit rund 3000 Plätzen für Behinderte, Senioren, Suchtkranke und Jugendliche zu den größten Sozialeinrichtungen in Brandenburg.