Clarissa ist zehn Jahre alt. Seit einigen Monaten lebt sie einen Albtraum aus Schmerzen, Übelkeit, Langeweile und Einsamkeit. Damals, im September 2009, hatten die Ärzte im Cottbuser Thiemklinikum bei ihr eine schwere Blutvergiftung und Leukämie diagnostiziert (die RUNDSCHAU berichtete). Der Kampf gegen die tückische Krankheit scheint erfolgreich, die Blutwerte sind gut. Doch die Nebenwirkungen der Medikamente bringen Clarissa an den Rand ihrer Kraft. Phasenweise konnte sie gar nichts essen, jetzt ist ihr Körper aufgeschwemmt und träge. Die Muskeln an den Füßen sind so geschwächt, dass sie nur mit Hilfe von Schienen laufen kann, eine Zyste an der Bauchspeicheldrüse sorgt für Beschwerden.

Immerhin: Ein paar Tage darf Clarissa zur Erholung nach Hause. Kann sich auf den Besuch ihrer besten Freundin freuen, auch ihr früherer Kindergarten hat sich angesagt. Kein Mundschutz diesmal, ihre Abwehrkräfte sind stabil. Sie darf sich für eine kleine Weile fühlen wie andere Kinder auch. Ihr Vater, eigentlich Elektrofachverkäufer, hat sich ein halbes Jahr beurlauben lassen, um ganz für seine Tochter da zu sein. Während ihrer Krankenhausaufenthalte lebt er im Elternhaus der Klinik, jetzt genießt er es um so mehr, das Mädchen zu Hause umsorgen zu können. Und auch der kleine Adrian-Paul, 6, der sonst von Mutter Bianca betreut wird, ist glücklich über die Anwesenheit von Vater und Schwester. Er knipst Fotos der beiden, malt ihnen Bilder, gibt Tipps fürs Mittagessen. Nur wenn die Rede auf Clarissas Krankheit kommt, verlässt der Junge das Zimmer. Denn die Unsicherheit, das große Fragezeichen, das noch immer über der Familie schwebt, ist etwas, das weder er noch seine Eltern wirklich verkraften können.

Gute Heilungschancen

"Wir wissen einfach nicht genau, wie es weitergeht", sagt Mathias Reich. Bis Mai oder Juni kann er dem Job fernbleiben, danach muss er wieder regelmäßig zum Dienst. Ob Clarissa dann noch in der Klinik behandelt wird oder schon von zu Hause aus therapiert werden kann - die Ärzte lassen sich noch nicht auf feste Zusagen ein. Immerhin sind sie zuversichtlich, dass Clarissa gute Chancen hat, geheilt zu werden. Dr. Elisabeth Holfeld, Leiterin der Abteilung Hämatologie und Onkologie der Kinderklinik, kennt das Mädchen seit dem Ausbruch ihrer Krankheit. "Sie kam in einem sehr kritischen Zustand zu uns, hatte in den ersten Monaten der Therapie mit starken Nebenwirkungen zu kämpfen", erinnert sich die Ärztin. "Aber", so macht sie Mut, "das muss nicht bedeuten, dass sie nicht wirklich gute Heilungschancen hat." Dr. Holfeld betreut in Cottbus jährlich etwa 15 Kinder mit bösartigen Erkrankungen, viele davon leiden an Leukämie. Bei besonders aggressiven Varianten müssen die Kinder neben der Chemotherapie zusätzlich transplantiert werden, bei anderen Formen dauert die Behandlung zwei Jahre. "Die Chance, dass diese Kinder völlig gesund werden, liegt bei 80 oder sogar 90 Prozent", erklärt Elisabeth Holfeld. Eine Zahl, die Hoffnung macht. Doch: Deutschlandweit überleben jährlich rund 100 Kinder nicht.

Clarissas Chancen aber stehen gut. Wenn sie im späten Frühjahr aus der Klinik entlassen wird, kann sie allein mit Tabletten behandelt werden und muss nur noch einmal wöchentlich zur Kontrolle in die Klinik. Großeltern und eine Tante werden bei der Versorgung des Mädchens einspringen. Wer allerdings künftig gewährleistet, dass die Kleine zu Therapien und Arztbesuchen gefahren wird, ist noch unklar. "Wir trauen uns noch nicht wirklich, über all das nachzudenken", sagt ihr Vater. Es seien einfach zu viele Probleme, die sich ihm und seiner Familie stellen. "Es sind nicht nur die Krankheit und die vielen Schmerzen, die Clarissa aushalten muss. Es ist ja ihre ganze Kindheit, die ihr genommen wird und die ihr niemand wieder zurückgeben kann."

Warten auf Diagnosen

Es sind diese Gedanken, die ihn quälen, wenn er auf irgendeinem Krankenhausflur sitzt und wartet auf Diagnosen, die er nicht immer versteht. Neue Medikamente, komplizierte Untersuchungen, ungewisse Prognosen, all das macht ihm Angst. Lieber hält er sich fest an Dingen, die ihm Mut machen. An all dem Zuspruch, den seine Familie erhielt, nachdem die RUNDSCHAU zum ersten Mal über Clarissas Krankheit berichtete. Die vielen Spenden, die in den letzten Monaten das Überleben der Familie sicherten. Ein Benefizkonzert, Geschenke, tröstende Mails. Mathias Reich hat einen langen offenen Brief geschrieben, in dem er sich bei allen Helfern bedanken möchte. "Engel" nennt er sie, und er schreibt davon, wie wichtig ihm seine Familie geworden ist. Gemeinsam verbrachte Zeit. Innerer Frieden.