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| 01:03 Uhr

Wie ein Streik in Gdansk die Welt veränderte

Am 30. August 1980, einen Tag vor der Unterzeichnung des Abkommens mit der Regierung, tragen Arbeiter Streikführer Lech Walesa auf ihren Schultern zur Lenin-Werft in Gdansk.
Am 30. August 1980, einen Tag vor der Unterzeichnung des Abkommens mit der Regierung, tragen Arbeiter Streikführer Lech Walesa auf ihren Schultern zur Lenin-Werft in Gdansk. FOTO: dpa
In der zweiten Augusthälfte des Jahres 1980 ist in den Werften an der polnischen Ostseeküste Weltgeschichte geschrieben worden – insbesondere in der Gdansker (Danziger) Leninwerft. Dort hatte am 14. August ein Streik begonnen, der auf große Teile Polens übergriff. Unter Lech Walesa als Streikführer forderten die Arbeiter wirtschaftliche und politische Reformen sowie die Gründung einer freien und unabhängigen Gewerkschaft. Nachdem die kommunistische Regierung am 31. August den Forderungen der Arbeiter zugestimmt hatte, wurde Walesa der erste Vorsitzende von Solidarnosc. Von Eva Krafczyk

Als Jerzy Borowczak an einem Augustmorgen 1980 mit Beginn der Frühschicht um sechs Uhr das Werkstor der Danziger Leninwerft passierte, fühlte der 22-jährige Arbeiter eine schwere Last auf seinen schmalen Schultern. Beinahe im Alleingang, mit zwei Freunden, sollte er auf der größten Werft von Gdansk (Danzig) einen Streik beginnen. "Ein Kollege sagte mir, ich sei weiß wie die Wand." In sozialistischen Ländern standen Streiks nicht auf der Tagesordnung. Das Vorhaben der polnischen Werftarbeiter - ein Unding.
Am Anfang waren etwa 30 Bekannte, Kumpel, Kollegen, die Borowczak zum Mitmachen überredete. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass der Streik die Welt verändern und Geschichte schreiben würde. "Das war eine unglaubliche Anspannung, ein großer Stress", gibt Borowczak auch 25 Jahre später zu. "Wir waren geschult und gut vorbereitet - aber ich hatte Angst um die Leute, die ich ganz zu Anfang in den Streik gezogen habe." Der junge Arbeiter, der sich mit seinen Kollegen im Komitee zur Schaffung Freier Gewerkschaften engagierte, wusste: Bei einem Scheitern wäre Entlassung noch das Geringste, was seinen Freunden drohte, ein Gefängnisaufenthalt war mehr als wahrscheinlich.
Die Gefahr eines Scheiterns hatte auch Bogdan Boruszewicz vor Augen, ein junger Intellektueller, der dem "Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" (Kor) angehörte. Boruszewicz war das "Gehirn" des Streiks.

Unruhe nach Preiserhöhungen
Mit der Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz hatte die Werksleitung den Anlass für einen Arbeiterprotest gegeben, den Boruszewicz brauchte. Es gärte an der Küste nach Preiserhöhungen im Sommer. "Wenn es nicht gelingt, Walentynowicz zu verteidigen, wird es neue Entlassungen geben", argumentierte er. Es könne jeden treffen, der sich nicht anpasse.
Die Flugblätter, die Borowczak an jenem denkwürdigen Morgen des 14. August auf der Werft verteilte, forderten eine Wiedereinstellung von Anna Walentynowicz und tausend Zloty mehr Lohn. Bald schon hatte er mehr als hundert Arbeiter um sich versammelt, versicherte ihnen, der Streik sei bereits im Gange, sie müssten sich nur noch anschließen. Als es mehr als 500 waren, begannen sie, zum Tor zu marschieren.
"Um sieben Uhr war ich mir schon sicher: Der Streik gelingt", sagt Borowczak. Da hatten schon 2000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Die Gruppen der Streikenden schlossen sich zusammen, Flugblätter wurden verteilt, eine Liste mit neuen Forderungen an die Werftleitung aufgestellt. Etwa zwei Stunden, nachdem Borowczak den Streik gestartet hatte, kletterte ein schnauzbärtiger Elektriker über die Mauer der zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossenen Werft und übernahm die Führung: Lech Walesa.

Walesa stieg über die Mauer
"Eigentlich sollte ich mich um sechs Uhr mit den anderen treffen, aber aus irgendeinem Grund war ich nicht dort", erinnert sich der Friedensnobelpreisträger heute. Das sei "außergewöhnliches Glück" gewesen, denn wie er erst später erfahren hatte, sei er damals bereits von den Sicherheitsorganen überwacht worden. Trotz aller Geheimhaltung ahnten die Behörden, dass etwas im Gange war. Auf gar keinen Fall sollte Walesa auf die Werft gelangen. Da er wusste, dass das Tor nach Streikbeginn verschlossen sein würde, wählte er den Weg über die zweieinhalb Meter hohe Mauer.
Als Boruszewicz nach einem Mann suchte, der den Streik führen sollte, schien Walesa eine natürliche Wahl: "Er hatte auf der Werft gearbeitet, er war arbeitslos, er stand zur Verfügung", resümierte er. Walesa war charismatisch und ehrgeizig - und er hatte schon lange auf einen solchen Moment gewartet. Denn ähnlich wie viele Arbeiter an der Küste war Walesa geprägt vom Trauma der Arbeiterproteste im Dezember 1970, die von der Miliz blutig niedergeschlagen wurden.
Der einstige Arbeiterführer und ehemalige polnische Präsident blickt ernst, wenn die Rede auf jenen Dezember kommt. "Ich habe gebetet: Gib mir noch eine Chance, auf die Werft zurückzukehren und zu gewinnen. Zehn Jahre habe ich gewartet, dass der Herrgott mir diese Chance gibt." Zehn Jahre lang habe er die Fehler von damals analysiert, überlegt, was anders gemacht werden müsse. "Und als es im August 1980 zu dieser Situation kam, da war ich vorbereitet."
Walesa, Boruszewicz, Borowczak, all jene, die den Streik vorbereiteten, organisierten und führten, wiederholten immer wieder: Geht nicht vor das Tor. Anders als damals wurde die Werft von den Arbeitern besetzt, Proteste auf der Straße und vor dem Werftgelände würde es nicht geben. "1970 sind die Jungs vor das Tor gegangen und erschossen worden - daran haben wir die Leute immer wieder erinnert", sagt Borowczak.
Mehrmals stand der Streik kurz vor dem Scheitern, vor allem, als die Werftleitung nach drei Tagen Gehaltserhöhungen anbot. Doch der Funke der Unruhe sprang von der Leninwerft auf die anderen Werften über. Trotz der Zensur in den Medien verbreitete sich die Nachricht vom Streik in Gdansk, immer mehr Arbeiter schlossen sich an und Walesa sah sich nach wenigen Tagen an der Spitze des Überbetrieblichen Streikkomitees. Spätestens jetzt ging es nicht mehr um Anna Walentynowicz, sondern um die Forderung nach freien Gewerkschaften.
Allein auf der Leninwerft waren 15 000 Arbeiter im Streik - und mindestens doppelt so viele Menschen versammelten sich auf dem Platz vor der Werft. Angehörige, die Lebensmittel und frische Wäsche brachten, Neugierige auf der Suche nach den neuesten Informationen vom Streik, Menschen, die ihre Solidarität zum Ausdruck bringen wollten. "Solidarnosc" (Solidarität) - plötzlich bedeutete das Wort wieder mehr als eine Losung in offiziellen Appellen.

Abstand von freien Wahlen
"Es war klar, wenn wir freie Gewerkschaften haben, ist das der Anfang des Weges zur Demokratie", betont der einstige Dissident Boruszewicz. "Ich wusste, es könnte gelingen. Die freien Gewerkschaften waren das Maximum, aber das war die Grenze." Boruszewicz setzte sich deshalb dafür ein, dass nicht freie Wahlen in die Forderungen der Streikenden aufgenommen wurden. "Es sollte keine Forderungen geben, die die andere Seite als Grund für eine gewaltsame Lösung sehen konnte."
Der Kampf lohnte sich. "21-mal tak!" lautete das Schlagwort am 31. August. Die Regierung hatte 21-mal tak (ja) zu den Forderungen des Streikkomitees gesagt. Es würde freie Gewerkschaften geben und ein Denkmal für die 1970 getöteten Werftarbeiter.
Als Walesa für die Streikleitung das Abkommen unterschreiben wollte, reichte ihm jemand einen überdimensionalen Plastikkugelschreiber mit einem Bild des Papstes. "Ich habe nicht gedacht, dass das Geschichte macht und die Leute darauf achten", lächelt er. "Das war eben der Finger Gottes, der mich führte."