. Der letzte Montag im November 2011 war ein schöner Spätherbsttag. Strahlend blauer Himmel, Sonne. Der Tag hat sich in der Erinnerung von Ulrike C. eingeprägt. Es war der Tag, an dem sie ihre 26-jährige Tochter Annamaria in Berlin zum letzten Mal lebend sah, als sie das Haus der Familie am südlichen Rand von Berlin verließ.

Zwei Wochen später stand Ulrike C. in Cottbus vor dem Leichnam ihrer Tochter, um sie zu identifizieren und Abschied zu nehmen: "Das tat so weh, das hat mich auf die Knie gehauen."

Bei Rangierarbeiten war die Tote entdeckt worden. Sie lag in einem Personenzugwagen, der Wochen vorher auf einem Nebengleis abgestellt worden war, weil er repariert werden sollte. Das Gleis befindet sich in der Nähe des Fußgängertunnels, der zum alten Spreewaldbahnhof führt. Es war offenbar durch ein Tor in einem Zaun für jeden zugänglich, der Wagen selbst vermutlich nicht verschlossen.

Auf einer schmalen Anrichte im Wohnzimmer von Ulrike C. steht ein großes Foto ihrer toten Tochter. Geschmückt mit einer kleinen Kette, Schmetterlingen, einem Engel, Blumen und Kerzen. Der Tod von Annamaria ist nicht der erste Schicksalsschlag, den die 59-Jährige hinnehmen musste. Vor acht Jahren starb ihr Mann, sie selbst musste mit einer schweren Erkrankung fertig werden.

Wenn sie von ihrer Tochter erzählt, huscht immer wieder ein Lächeln über das Gesicht von Ulrike C. Sie schildert eine meist fröhliche junge Frau, die trotz ihrer geistigen Behinderung Freude am Leben hatte beim Spazierengehen, Radfahren, Tanzen und Verreisen. "Annamaria hatte einen guten Orientierungssinn, sie lernte sehr schnell Wege", sagt ihre Mutter.

Trotz ihrer Behinderung war Annamaria deshalb schon als Kind allein in Berlin zur Schule unterwegs gewesen. Als die S-Bahn mal nicht wie gewohnt fuhr, blieb sie auf dem Bahnsteig sitzen. Ungewohnte Situationen so "auszusitzen" und nicht andere Menschen um Hilfe zu bitten, sei typisch gewesen für ihre Tochter, sagt Ulrike C. Doch hätte sie Annamaria, der man ihre geistige Einschränkung nicht sofort anmerkte, deshalb nicht allein aus dem Haus lassen sollen? "Sich Wege einzuprägen war doch eine ihrer Stärken."

2010 war Annamaria in ein betreutes Wohnprojekt in Berlin-Charlottenburg gezogen. Als junge erwachsene Frau konnte sie dort ein eigenständigeres Leben führen als bei ihrer Mutter. Das hatte sie sich sehr gewünscht. Den Weg von dort in die nahegelegene Behindertenwerkstatt beherrschte sie ebenso wie die S-Bahn-Fahrt zum Reihenhaus ihrer Mutter, die sie regelmäßig besuchte.

An dem Novembermontag, als Annamaria verschwand, lag ein schönes gemeinsames Wochenende hinter ihnen. "Wir waren noch zusammen auf dem Friedhof am Grab meines Mannes", erinnert sich ihre Mutter, "und wir hatten Verabredungen für den ersten Advent getroffen." Annamaria fuhr zu ihrer Wohnstätte in Charlottenburg, wo sie noch gesehen wurde. Von dort machte sie sich auf den Weg zur Behindertenwerkstatt.

Weil sie sich wegen einer beginnenden Erkältung ihrer Tochter Sorgen machte, rief Ulrike C. deren Betreuer in Charlottenburg am Nachmittag an. Da erfuhr sie, dass Annamaria nicht in der Werkstatt und auch noch nicht zu ihrer Wohnung zurückgekommen war. "Ich habe dann gedacht, die wird wieder hier bei mir auftauchen, sie kannte sich ja aus in Berlin." Am späten Abend ging Ulrike C. zur Polizei und meldete ihre Tochter als vermisst.

"Völlig erstarrt" sei sie anfangs in der Zeit des Wartens gewesen. Dann seien ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf geschossen: "Ich habe sogar daran gedacht, dass sie nach Polen gefahren sein könnte und dort in der Psychiatrie gelandet ist." Als in einer Dezembernacht die Polizei vor ihrer Tür stand, wusste Ulrike C. sofort, was das bedeutete.

Verwandte und Freunde standen ihr in diesen Tagen und Nächten bei. "Wir haben nicht nur geweint, sondern auch viel über Annamaria geredet", erinnert sie sich. Fast drei Tage konnte sie nicht schlafen. Zwei Jahre vorher hatte sie sich das Rauchen abgewöhnt. Jetzt griff sie wieder zur Zigarette. Noch heute leidet sie unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen, die damals begannen. Quälend sei noch immer, dass ihr niemand den genauen Zeitpunkt sagen kann, an dem ihre Tochter starb.

Der Tod ihrer Tochter wirft für Ulrike C. bis heute Fragen auf. Die öffentliche Suche mit einem Foto ihrer Tochter sei nur langsam und durch private Bemühungen in Berlin angelaufen. Auf einer Suchliste der Polizei habe sie nur in Berlin gestanden, nicht in Brandenburg. Ihre Tochter sei von ihren geistigen Fähigkeiten mit einem sechs- bis achtjährigen Kind vergleichbar gewesen. "Wenn so ein Kind verschwindet, da sucht man doch viel intensiver."

Unklar ist bisher noch immer, wie Annamaria überhaupt nach Cottbus gelangte. Es gab keine Zeugen, die sie auf dem Weg dorthin gesehen hatten. Als sie verschwand, hatte sie einen Euro, ihr Frühstücksbrot und ihren Behindertenausweis bei sich. Der gilt als Freifahrtkarte im gesamten Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Möglicherweise fiel sie dadurch auch keinem Zugschaffner auf.

Nicht hinnehmen will Ulrike C. auch, dass Bahnanlagen wie in Cottbus nicht ausreichend gesichert, abgestellte Züge unverschlossen sind. Es gebe nicht nur geistig behinderte Menschen, für die das zur Gefahr werden könnte, sondern auch demente Alte und Kinder. "Die Bahn müsste doch selbst ein Interesse haben, das zu sichern." Die Deutsche Bahn wollte sich dazu nicht äußern. Es gebe noch Gespräche mit dem Anwalt der Familie, so ein Bahnsprecher. Das Gleis, auf dem Annamaria starb, ist auch heute noch durch ein offen stehendes Tor zugänglich.

"So etwas darf eigentlich nicht passieren", sagt Ulrike C. resümierend über den Tod ihrer Tochter. Vor einigen Monaten hat sie deshalb den Berliner Anwalt Dominik Höch engagiert. Höch hat sowohl der Staatsanwaltschaft Cottbus als auch der Polizei in Berlin umfangreiche Fragenkataloge zu den Umständen der Vermisstensuche und den Todesermittlungen vorgelegt. Mit den Antworten, die zum Teil noch ausstehen, hoffen er und seine Mandantin mehr über die letzten Tage im Leben von Annamaria zu erfahren.

Die Cottbuser Staatsanwaltschaft hatte ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet, jedoch die Akte nach wenigen Wochen wieder geschlossen. "Todesursache war laut Obduktion Unterkühlung, ein Tötungsdelikt ausgeschlossen", begründet der Sprecher der Staatsanwaltschaft Horst Nothbaum diese Entscheidung.

Für Rechtsanwalt Dominik Höch ergeben sich aber trotzdem Unklarheiten. Wann war der genaue Todeszeitpunkt? Gab es in den letzten Tagen des Lebens von Annamaria noch Menschen, denen sie begegnet ist, oder mit denen sie Zeit verbracht hat? "Natürlich ist es nicht einfach, nach so langer Zeit hier noch ein vollständiges Bild zu bekommen", sagt Höch.

Ulrike C. hatte eigentlich vorgehabt, mit Freunden im Dezember noch mal nach Cottbus zu fahren, um an ihre Tochter am Ort ihres Sterbens zu erinnern. "Ich habe aber gemerkt, dass ich das noch nicht schaffe." Stattdessen will sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Eine Reise in den hohen Norden Norwegens, um das Nordlicht zu sehen. "Vielleicht verbindet sich ja diese Jahreszeit dann für mich nicht nur mit einer schrecklichen, sondern auch mit einer schönen Erinnerung."

Zwischen Weihnachten und Neujahr 2011 wurde Annamaria neben ihrem Vater begraben. Der Friedhof war ein Ort, den sie zu Lebzeiten gern mit ihrer Mutter besucht hatte.