Im Februar 2012 steht der Neuen Bühne Senftenberg eine Uraufführung ins Haus: "Oder Bruch", ein Stück von Tobias Rausch. Nun sind Uraufführungen per se etwas Besonderes, diese aber um so mehr, weil es eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Deutschen Theater (DT) Berlin ist. Drei Schauspieler aus Senftenberg und drei Schauspieler des DT werden gemeinsam auf der Bühne stehen. Sie nehmen damit einen nie abgerissenen Faden gemeinsamer Theaterarbeit wieder auf, der 1953 mit einem Freundschaftsvertrag begann.

Damals steckte das Senftenberger Stadttheater noch in den Kinderschuhen. Seine Existenz hatte es dem sowjetischen Kreiskommandanten Gardeoberst Iwan Demjanowitsch Soldatow zu verdanken. Der meinte offenbar, die Deutschen nach diesem schrecklichen Krieg, inmitten der Trümmer am besten vermittels der Kunst daran erinnern zu können, dass sie ein Kulturvolk waren. Er ordnete die Gründung eines Theaters an, wo noch nie eines war. Am 21. Oktober 1946 hob sich in dem Dreispartentheater (!) zum ersten Mal der Vorhang zu einem bunten Abend unter dem Titel "Wir stellen uns vor".

Und auch wenn es dem Theater mal besser und mal schlechter ging, es seinen Namen änderte und seine Gestalt wandelte - auch mal Kinder- und Jugendtheater war - da ist es immer noch. Und wie. Theater des Jahres ist es geworden, machte mit Uraufführungen wie der von Volker Braun "Was wollt ihr denn" und den GlückAufFesten von sich reden. Um Qualität ist es hier immer gegangen. Das hat mit den Menschen zu tun, die in Senftenberg Theater machen, wohl aber auch mit dem Verbindungsfaden nach Berlin, dem schon vor Jahren gewachsenen Anspruch, in der Provinz kein schlechteres Theater zu machen als in der Hauptstadt.

Begonnen hatte alles mit einer Gastregie des am DT engagierten jungen Schauspielers und Regisseurs Horst Schönemann. Der war vom "Wissensdurst und dem geistigen Niveau der Kollegen tief beglückt", konnte aber nicht verstehen, warum das Theater in finanzieller Hinsicht in die Stufe 5, die kleinste der DDR, eingestuft war. An seinen Intendanten in Berlin schrieb er 1952 erbost: "Scheinbar weiß an zuständiger Stelle niemand, dass das Theater für die Zuschauer da ist, wie kann man sonst einem Theater mit größten Aufgaben die kleinsten Mittel gewähren . . ." - Nachzulesen in der Sonderausgabe der Zeitschrift "Theater der Zeit" zum 60. Geburtstag des Senftenberger Theaters.

Schönemann jedenfalls schlug einen Patenschaftsvertrag vor.

Am 17. Mai 1953 wurde er unterschrieben. Er betraf die Förderung der künstlerischen, technischen und - gesellschaftlichen Arbeit. Und weil es Schönemann wirklich ernst meinte, kam er 1954 als Oberspielleiter nach Senftenberg. Von der Berliner Schauspielschule engagierte er ganze Jahrgänge junger Schauspieler, die mit ihm anders und anderes Theater machen wollten: Alfred Müller, Friedo Solter, Lissy Tempelhof, Uwe-Detlev Jessen, Horst Weinheimer. Mit vielen Inszenierungen gastierten die Senftenberger am DT - eine Möglichkeit für die jungen Leute, sich zu empfehlen. Sie alle zählten später zu den renommiertesten Schauspielern der DDR.

Ebenso wichtig für die künstlerische Entwicklung wie Schönemann war der Schriftsteller Armin Stolper, der 1953 Chefdramaturg wurde. Als Schönemann und Stolper 1959 Senftenberg wieder Richtung Berlin verließen, sorgten sie für Nachfolger, die die künstlerische Qualität des Hauses bewahrten. Klaus Gendries - Schüler von Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz und Karl Paryla - übernahm das Schauspiel. Eine neue Ära begann als "Theater der Bergarbeiter". Wieder mit einer ganzen Truppe junger Schauspieler: Annekatrin Bürger, Günther Haack, Monika Lennartz, Günter Schubert. Und mit einem Paukenschlag, der 1960 die Genossen in Berlin aufschreckte: Peter Hacks' Stück "Die Sorgen und die Macht", in dem die ruhmreiche Arbeiterklasse Kohle machte, weil sie in einer Brikettfabrik schlechte Kohle machte, dafür aber viel. Die Aufführung im Deutschen Theater Berlin wurde vorsorglich verboten.

1 965 wurde Ulf Reiher Oberspielleiter, nachdem B. K. Tragelehn 1961/62 nur eine kurze Vorstellung gegeben hatte. In Berlin hatte er Heiner Müllers "Umsiedlerin" aufgeführt und damit allerhöchsten Zorn der Parteiführung auf sich gezogen. Tragelehn wurde in Senftenberg entlassen - und, was damals durchaus üblich war, zur Bewährung in die Produktion geschickt. In den Tagebau Klettwitz als Kipper und Bandwärter .

Reiher gab sich redlich Mühe, die Kontakte nach Berlin aufrecht zu erhalten, aber Benno Besson, der am DT für die Patenschaft verantwortlich war, kreiste vor allem um sich selbst. Dennoch, der Kontakt riss nie wirklich ab. In der Spielzeit 1967/68 wurde Reiher Intendant und konnte an die große Zeit des Senftenberger Theaters anknüpfen.

Über die ersten Jahre seiner Intendanz (1989 - 2004) sagt Heinz Klevenow, der dem Haus immer noch als Schauspieler verbunden ist: "Ich habe es immer als ein Wunder angesehen, dass das Senftenberger Theater die Wende überstanden hat." Zu verdanken ist das vor allem ihm und seiner Weitsicht. Manche seiner Entscheidungen waren unpopulär, nur eben unumgänglich, um in einer Zeit der Abwickelei zu überleben. Er hat das Musiktheater geschlossen, das Theater in Neue Bühne umbenannt und ein Kinder- und Jugendtheater daraus gemacht. Letzteres ein kluger Schachzug, um die Geldhähne offen zu halten.

Der Spielplan wandelte sich zwar, aber neben Stücken für die Jungen gab es immer auch ein klassisches Theaterrepertoire. Klevenow sorgte dafür, dass Stadt und Landkreis einen Zweckverband gründeten, um die Finanzierung auf sichere Füße zu stellen. Und trotz der schwierigen Zeiten gab der Intendant das Träumen nicht auf. Allen, die es nicht hören wollten, erzählte er von einem Amphitheater am Senftenberger See. Vor einigen Wochen ist nun schon die 10. Amphi-Saison zu Ende gegangen.

Bereits 2002 signalisierte Heinz Klevenow, ab 2004 als Intendant nicht mehr zur Verfügung zu stehen. "Wenn man anfängt zu glotzen und ein Vakuum im Kopf verspürt, sollte man den Kopf austauschen", formulierte er selbst die Begründung. Aber was wäre die Neue Bühne ohne den Schauspieler Heinz Klevenow? Und natürlich auch die anderen immer wieder jungen Leute, die es nach Senftenberg und irgendwann hinaus in die Welt zieht. Sprungbrett, das ist die Bühne geblieben.

2004 übernahm Sewan Latchinian als 13. Intendant. Kein schlechtes Omen. Mit ihm begannen die GlückAufFeste. Er holte namhafte Leute wie Volker Braun und sorgte mit dem jungen Ensemble für Furore über Brandenburg hinaus. In Berlin wird wieder über Senftenberg geredet, das 2005 Theater des Jahres wurde.

U nd nun das gemeinsame Stück mit dem DT. Trotz des Namens geht es darin nur am Rande um die große Oderflut 1997, sondern vielmehr darum, was extreme Situationen mit Menschen machen. Es ist ein Stück über das Verhältnis des Menschen zur Natur und über eine ratlose Nation, die nach Identifikation sucht. Es ist ein Stück über Helden - und was aus ihnen wurde, nachdem das Wasser zurückgegangen war. Es ist ein Stück, das gut in die Tradition dieser Bühne passt - in ihrem 66. Jahr .

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