Karim F.* hält die Unterlagen bereits in den Händen, die dafür erforderlich sind, seinen zurzeit in Damaskus lebenden Vater zu sich zu holen. Der Cottbuser hatte davon läuten gehört, dass Verwandte ersten Grades nach Deutschland geholt werden könnten. "Da habe ich mich sofort bei der Ausländerbeauftragten in Cottbus informiert", schildert der junge Mann, vor dem sich fortan jedoch eine Hürde nach der anderen aufgebaut hat.

Zuletzt haben sich Sohn und Vater, der perfekt deutsch spricht, im März 2011 in Syrien gesehen. "Damals war alles noch ruhig. Ob in Damaskus, Aleppo oder Homs - ich hatte den Eindruck, dass es vorwärts geht in dem Land", erinnert sich Karim. "Wenn ich heute die Bilder der Zerstörung und das unendliche Leid der Menschen sehe, kann ich es kaum glauben." Das Haus des Vaters im Osten, an der irakischen Grenze, sei zerstört. Die Straßen aufgerissen. Ein Jahr lang habe er sich im Land bei Bekannten und Verwandten durchgeschlagen. Von der Schwester im Norden des Landes sei er letztlich nach Damaskus gegangen. Die Familienmitglieder hatten ihm beteuert, dass es eine Chance zur Ausreise nach Deutschland nur von der Hauptstadt aus gäbe.

In dieser Zeit hatte Karim F. keinen Kontakt zum Vater. "Er war nicht mehr erreichbar", sagt der Sohn gegenüber der RUNDSCHAU. Erst vor wenigen Tagen ist es über Skype im Internet gelungen, sich zu sprechen und zu sehen. Da hat Karim dem Vater geschildert, dass er alle notwendigen Unterlagen für seine Ausreise aus Syrien beisammen habe: die Verpflichtungserklärung, dass er sich in Deutschland um ihn kümmern werde, die Einladung nach Deutschland und die Geburtsurkunde.

Und dennoch steht er jetzt vor dem größten Hindernis. Die Dokumente nach Syrien zu schicken, sei sinnlos, da die Post dort seit Langem nicht mehr funktioniere. Zudem ist die deutsche Botschaft in Damaskus lange geschlossen. Visa-Anträge müssen deshalb über die Botschaften im Libanon oder der Türkei abgewickelt werden. Im Internet hat Karim F. erfahren, dass die deutsche Botschaft im 90 Kilometer von Damaskus entfernten libanesischen Beirut Termine für Visa-Angelegenheiten vergibt. "Zu meiner Erschütterung sind diese aber bis in den Januar 2014 ausgebucht", sagt er. Ohne Termin vorzusprechen, so heiße es auf der Botschafts-Homepage, sei zwecklos.

So richtig wisse Karim jetzt nicht mehr weiter. Soll er einfach einen Flug nach Beirut buchen und zwei Flüge zurück? Er spüre schon ein Stück Ohnmacht und mache sich Gedanken, dass die Hilfe für den Vater womöglich zu spät kommen könnte. "Ich würde mich sofort auf den Weg machen, wenn ich wüsste, dass ich eine Chance habe, meinen Vater mitzubringen." Auf jeden Fall aber werde er weiter um dessen Einreise kämpfen.

In Brandenburg könnten es bald mehr als 390 hier lebende syrische Staatsangehörige - laut Bundesinnenministerium - einfacher haben, Verwandte nach Deutschland zu holen. Das Potsdamer Innenministerium plant dem Beispiel Niedersachsens zu folgen und eine Aufnahmeanordnung zu erlassen, die Visa-Verfahren erheblich vereinfachen würde. Das bestätigte ein Ministeriums-Sprecher der RUNDSCHAU auf Nachfrage.

Vor wenigen Tagen waren die ersten der 5000 Kriegsflüchtlinge, welche Deutschland zusätzlich aufnehmen wird, in der Bundesrepublik gelandet. Davon werden über einen speziellen Schlüssel (siehe Infokasten) 154 in Brandenburg und 257 in Sachsen untergebracht. Schon in der vergangenen Woche sagte der brandenburgische Sozialminister Günter Baaske (SPD), dass er nicht davon ausgehe, "dass das reichen wird".

Laut Bundesinnenministerium stellten seit 2011 etwa 17 000 Syrer einen Asylantrag in der Bundesrepublik. In Deutschland leben derzeit etwa 45 700 syrische Staatsangehörige. "Etwa 31 300 von ihnen haben ein Asylverfahren durchlaufen oder befinden sich derzeit noch in einem derartigen Verfahren", sagte Hendrik Lörges vom Bundesinnenministerium. Seit Ende April 2011 werden bundesweit auch keine Personen mehr nach Syrien abgeschoben.

Die Aufnahmeanordnung aus dem Potsdamer Innenministerium soll schnell erlassen werden. Diese sieht vor, dass Syrer, die sich bis Ende Februar 2014 bei einer deutschen Botschaft melden und nachweisen können, dass sie nahe Verwandte in Brandenburg haben, unbürokratischer an einen Visa-Antrag kommen. Auch andere Bundesländer haben solche Anordnungen erlassen oder wollen dies demnächst tun. Einzige Bedingung für die Einreise: Die Verwandten müssen garantieren, dass sie für den Unterhalt der Syrien-Flüchtlinge sorgen. Diese "humanitäre Aufenthaltserlaubnis" soll für zwei Jahre gelten. Im Gegensatz zu den 5000 Kontingentflüchtlingen wäre dieses unbürokratische Visa-Verfahren nicht begrenzt.

Ebenso wie die von Brandenburg vorbereitete Aufnahmeanordnung ist die Aufnahme der 5000 Kriegsflüchtlinge ein Sonderprogramm. Im Gegensatz zu den Asylbewerbern müssen die Syrienflüchtlinge keinen Asylantrag stellen, wohl aber ein Visum beantragen. So sollen sie auch nicht in Sammelunterkünften oder Asylbewerberheimen wohnen, sondern möglichst in eigenen Wohnungen oder extra bereitgestellten Unterkünften. Sie dürfen arbeiten und Integrationskurse besuchen. Sie sind krankenversichert und erhalten normale Regelleistungen. Die Flüchtlingskinder werden in den jeweiligen Kommunen eingeschult. Der bundesweite Aufenthaltsstatus gilt vorerst für zwei Jahre. Die Kosten für die Unterkünfte tragen Bund (30 Prozent) und Kommunen (70 Prozent).

Auch im Landkreis Elbe-Elster wappnet man sich für die Flüchtlinge. So richtet der Landkreis in Elsterwerda acht Wohnungen in einem Wohnblock ein. Die Wohnungen sind hauptsächlich für Frauen mit Kindern gedacht, erläutert Jürgen Brückner, Integrationsbeauftragter des Kreises. Der Kreis führt derzeit weitere Gespräche mit Wohnungsgesellschaften. Es ginge vordergründig darum, ein normales Wohnumfeld zu schaffen. Zugleich verweist Brückner darauf, dass derzeit keiner abschätzen kann, wie sich die Lage in Syrien entwickelt. "Dann werden wir sehen, wie der Zustrom an Asylsuchenden aussieht", sagt Brückner.

*Name geändert

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Diese Berechnungsmethode geht zurück auf das Königsteiner Staatsabkommen. 1949 hatten die westdeutschen Bundesländer vereinbart, bei größeren Forschungseinrichtungen von überregionaler Bedeutung die Mittel gemeinsam aufzubringen. Der Königsteiner Schlüssel geht heute weit über den Bereich der Forschungsförderung hinaus. Zahlreiche Vereinbarungen greifen inzwischen auf ihn zurück. Der Schlüssel wird von der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz jährlich neu berechnet und setzt sich zu zwei Dritteln aus dem Steueraufkommen und zu einem Drittel aus der Bevölkerungszahl der Länder zusammen. Quelle: Wikipedia