Aufregung in Weßnig bei Torgau: Eine Autokarawane rollt ins Dorf, ihre Nummernschilder stammen aus ganz Deutschland. Vorm Kirchhof stoppen sie - und heraus klettert ein Pulk junger Leute. Pfarrer Tobias Krüger kommt ihnen entgegen, erzählt etwas zur Geschichte des Gotteshauses: Es entstand vor zwei Jahrhunderten, wurde aber 1970 als Gemeindekirche aufgegeben. Zwar flossen 1992 noch einmal Sanierungsgelder in den Turm, doch Gottesdienste finden nicht mehr statt.
Immerhin wollen in Sachsen trotz latent sinkender Einwohnerzahl 1600 Kirchen und Kapellen unterhalten sein, sagt Matthias Oelke vom Landeskirchenamt. Mithin gibt es heute zu viele Kirchen für zu wenige Gläubige. Doch den Sakralbau ganz aufzugeben, ginge der Weßniger Kirchgemeinde gegen den Strich - zumal die Bausubstanz so schlecht nicht aussieht. Das bestätigen auch die jungen Leute. Denn sie entpuppen sich als Architekturstudenten aus ganz Deutschland. Schon klicken Fotoapparate, skizzieren einige erste vage Ideen. Stichworte machen die Runde: Pilgerherberge, Kulturstätte, Ausstellungshalle. . .
Doch was hat sie hergelockt? "Die Leipziger Messeakademie", erzählt Ina Malgut vom Förderverein für Handwerk und Denkmalpflege in Schloss Trebsen. Das sei ein bundesweit einzigartiger studentischer Entwurfswettbewerb, der stets im Vorfeld der Europäischen Restaurierungs- und Denkmalpflegemesse "denkmal" in Leipzig stattfinde, erzählt die Bauingenieurin, die die Ideenwerkstatt fachlich betreut. Diesmal laute das Thema: "Historische Kirchen - modern genutzt".
Den Studenten wurden elf bewahrenswerte Gotteshäuser in Mitteldeutschland vorgestellt, drei davon in Sachsen. "Wir hatten sie eingeladen, sich kreative Gedanken machen, wie sich leer stehende und oft stark reparaturbedürftige Kirchen durch behutsame bauliche Eingriffe so rekonstruieren lassen, dass eine neue Nutzung möglich wird", erzählt Ina Malgut. Denn finde sich diese, fließe oft auch Geld für Erhalt und Restaurierung. Dabei gehe es freilich nicht um Luftschlösser sondern realistische Ansätze.

Radfahrer können ausspannen
Allerdings weiß sich gerade die Weßniger Kirchgemeinde schon auf recht originelle Weise ein Stück weit selbst zu helfen. Denn ihr Gotteshaus, das unmittelbar am Elbe-Radwanderweg liegt, eröffnete letztes Jahr als erste deutsche Radfahrer-Kirche. Pedalritter, ob gläubig oder nicht, können hier nun ein wenig ausspannen und innehalten. Nur erhalten gelegentliche Radelgäste die Kirche nicht wirklich am Leben. Es braucht weiterreichende Ideen. Mithin will der Pfarrer die Kirche mit Park künftig "multifunktional nutzen". Er denkt etwa an Kunstinstallationen und Ausstellungen.
Auch Zeugnisse der Handwerkskunst oder ein Gewächshaus mit Pflanzen der Bibel können sich die Studiosi vorstellen. Ihre Ideen müssen sie bis Ende August einreichen. Danach lobt eine Jury aus führenden deutschen Denkmalpflegern die besten Entwürfe aus, die Ende Oktober zur "denkmal" dem internationalen Messepublikum präsentiert werden.

Religionswürde soll gewahrt bleiben
Anders als in Sachsen-Anhalt, wo jede zehnte Kirche unter Verfall leidet, bleibe jedoch in Sachsen "die Kirche meist noch im Dorf", beteuert Oelke. Die 840 000 Protestanten gingen noch in über 800 Kirchgemeinden ihrem Glauben nach. Mithin blieben nur sehr wenige Kirchen ungenutzt. Indes räumt er ein, dass bei 1222 Kirchen und Gemeindezentren sowie Hunderten Friedhofkapellen nicht mehr in jedem Haus Gottes auch wöchentlich das Wort Gottes erklinge.
Und doch lehne die Landeskirche deren Verkauf für nichtchristliche Zwecke ab. Unterstützt werde dagegen jene "erweiterte Kirchraumnutzung", etwa als Konzertsaal, Ausstellungshalle oder Raum für angemessene Feste. Bedingung: Sie dürfen weder mit der religiöser Würde noch der Denkmaltradition kollidieren. So wie die 400-jährige Kirche in Chemnitz-Harthau. Auch sie war lange nicht nutzbar, doch seit der Restaurierung eröffnete sie nun als "Haus der Begegnung". Träger blieb die Kirchgemeinde, doch Gottesdienste finden nicht mehr statt - dafür Konzerte, Hobbyabende, Lesungen oder auch mal private Feiern. "Und am Kirchweihmontag wird für alle gegrillt", so Hausbetreuer Joachim Flemming.