| 17:07 Uhr

Wie die Bamberger Tradition gepflegt wird

Forst/Glogow. Bei einer Reise durch Niederschlesien lernen Besucher aus Cottbus, Forst und Berlin ein Beispiel deutsch-polnischer Integration kennen. Ingrid Hoberg

Das Verhältnis von Nachbarn ist oft von Klischees und Vorurteilen geprägt. Am besten lassen sie sich mit einem Gespräch am Gartenzaun oder eben einer Fahrt ins Nachbarland überprüfen und vielleicht revidieren.

Seit 1991 ist es wieder möglich, ohne Visa die Grenze nach Polen zu überschreiten - und die Märkte östlich von Oder und Neiße haben in den ersten Jahren so manchen Ansturm erlebt. Das Währungs- und Preisgefälle wirkte wie ein Magnet - die Zeiten der Euphorie sind vorüber, auch wenn manches auf polnischer Seite preiswerter geblieben ist. Für das Kur- und Urlaubsreiseland ist das und die kurze Anreise ein Plus. Doch nicht alle wollen zur Erlebnisreise oder zum Shoppen ins Nachbarland - der Forster Hubert Starzonek organisiert seit mehr als 20 Jahren Fahrten nach Schlesien. Dort liegen seine familiären Wurzeln und anderer, die 1945 Flüchtlinge waren.

Gemeinsam mit der Berliner Gruppe vom Glogauer Heimatbund sind im Mai 40 Teilnehmer auf eine dreitägige Reise gegangen. Die meisten fahren schon seit Jahren immer wieder in die alte Heimat mit - die Tour führt jedes Mal zu anderen Orten der Erinnerung. Andere sind zum ersten Mal dabei - wollen ihre Ahnenforschung mit dem Erleben der Landschaft und der Kultur bereichern. Sie kommen nicht nur aus Forst und Cottbus, auch Luckauer, Lauchhammeraner, Spremberger und Sondershausener haben sich angeschlossen.

Erster Halt ist bald hinter der Grenze an der Schule von Radwanice (Wiesau). Dort erwartet die deutschen Gäste ein Büfett mit kalten und warmen polnischen Köstlichkeiten. Die Köchinnen der Schulküche haben es zubereitet. Direktorin Boguslawa Niemasz begrüßt die Gäste mit einem Dolmetscher an ihrer Seite und weist auf die "Regionalkammer" hin. In diesem kleinen Museum in der Schule gibt es einen besonderen Schatz - einen Koffer, der eine Geschichte erzählt. Ursula Brandl (geborene Meister) hatte den Koffer in den 1930er-Jahren gekauft und am 7. Februar 1945 mit auf die Flucht genommen. Erst Ende 1948 fand sich ihre Familie im Westen Deutschlands wieder. "Sie hat uns den Koffer übergeben, der all die Jahre ein Andenken an die Heimat für sie war", erzählt die Direktorin.

Die Menschen, die einmal in Wiesau, Groß Logisch oder Andersdorf lebten und gehen mussten, sollen im Gedächtnis bleiben, sagt sie. Das werde auch den Schülern vermittelt. "Wir haben eine gemeinsame schmerzhafte Vergangenheit, dem müssen wir uns stellen", betont die Direktorin. Drei Schüler in Tracht reichen jedem Gast ein kleines Geschenk - es sind Samen, die aufgehen und zu stattlichen Pflanzen werden sollen - so wie die gute Verbindung mit den Deutschen, das ist der Wunsch der Gastgeberin. In der Schule von Radwanice wird deutsche Geschichte bewahrt.

Mit Przemek Zielnica trifft die Gruppe in Glogow (Glogau) einen Deutschlehrer, der sich für Regionalgeschichte interessiert. Er lebt in Slawa (Schlawa) und ist als Dolmetscher auch oft in der Partnerstadt Luckau anzutreffen. Nicht nur zum Türmerfest kommt er inzwischen regelmäßig. "Wenn ich mit meinen Schülern in der Luckauer Region unterwegs bin, dann ist der Besuch in der Schokoladen-Manufaktur immer der Höhepunkt der Reise", erzählt er. Über Martin Sprungala aus Dortmund, der sich als Historiker mit der regionalen Geschichte der Provinz Posen beschäftigt, war sein Kontakt zur Glogauer Gruppe entstanden. "In den Gesprächen mit den deutschen Besuchern erfahre ich immer wieder Neues zur Stadt- und Regionalgeschichte", erklärt er sein Interesse. So hat er in zweijähriger Arbeit die "Chronik der Stadt Fraustadt (Wschowa)" von Sprungala übersetzt, die gerade als "Kronika Wschowy" erschienen ist.

Der Reiseleiter will den Gästen viele Eindrücke mitgeben, die zum Wiederkommen einladen: Glogow (Glogau) im Norden Niederschlesiens, Gniezno (Gnesen) als Krönungsort der polnischen Könige mit seinem Dom, das Museum der ersten Piasten und Poznan (Posen).

Die fünftgrößte Stadt Polens ist eine junge Stadt: Von rund 550 000 Einwohnern sind 135 000 Studenten an mehreren Universitäten. Einen unerwarteten Einblick in die deutsch-polnische Geschichte erhalten die Besucher im "Muzeum Bambrów Poznanskich". Dort ist die Geschichte einer gelungenen Integration und Assimilation dokumentiert. Als in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Umgebung von Poznan die Felder nach Krieg und Seuchen brachlagen, wurden Bauern aus der Umgebung von Bamberg in Oberfranken geworben.

Rund 500 Bamberger, etwa 100 Familien, kamen. Sie waren römisch-katholischen Glaubens - schnell fanden sie Anerkennung, sie gliederten sich ein. Die Kinder wurden zweisprachig erzogen, es wurden Ehen mit Polen geschlossen. Zunächst wuchsen die Kinder zweisprachig auf, bald wurden sie polnische Staatsbürger. Deutsche Namen und die Bamberger Tracht mit dem prachtvollen Kopfschmuck blieben erhalten - bis heute. Auf dem Alten Markt in Poznan symbolisiert die Brunnenfigur "Bamberka" diesen Teil deutsch-polnischer Geschichte.

Bei der Rundreise entwickelt sich eine Melange aus Wiedersehens-Wehmut, überraschenden Einblicken in den polnischen Alltag, Anerkennung der Leistung heutiger Generationen und auch Bedauern über Veränderungen. Wie in der Schule von Radwanice und von Przemek Zielnica zu erfahren ist, lernen auch in der Grenzregion nur noch wenige Schüler Deutsch. Es werde dem Willen der Eltern entsprochen, die auf den Englisch-Unterricht bestehen. Und so passt es ins Bild, dass in Wschowa (Fraustadt) beim Stadtfest die Jüngsten auf der Bühne ihr Können zeigen - mit Kinderliedern auf Englisch. Wie das der Situation auf deutscher Seite gleicht - wie viele lernen hier Polnisch? In der Reisegruppe des Glogauer Heimatbundes gibt es immerhin einen Senior, der den Polnisch-Kurs an der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur besucht.

Mehr Bilder unter

lr-online/bilder

Zum Thema:
"Vertreibung und Neuansiedlung prägten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung beiderseits der Oder-Neiße-Grenze . . . Während man die Deutschen über Nacht aus ihren Häusern warf, verfrachtete man die polnischen Vertriebenen aus dem Osten ebenso rücksichtslos in die deutschen Ostgebiete, um dort den polnischen Bevölkerungsanteil zu erhöhen." Am 1. Januar 1972 wurde die Grenze geöffnet - nach 27 Jahren. "Im Oktober 1980 wurde der visafreie Personenverkehr eingestellt." Erst im April 1991 wurde die deutsch-polnische Grenze erneut geöffnet. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)