Gegen halb sieben in der Früh klingelt das Telefon. "Hast Du schon gehört? Gorbatschow krank, abgesetzt, ein Komitee will die Macht übernommen haben", fragt die Freundin, die mit Politik nie viel am Hut hatte.

Ungläubig schalte ich das Radio an. Tatsächlich, auf dem Sender, den ich meist höre: Funkstille. Auf den anderen drei russischen Wellen ist eine monotone Stimme zu vernehmen: "Landsleute, Bürger der Sowjetunion. Eine tödliche Gefahr schwebt über unserem großen Heimatland. . . dieses sind erzwungene Maßnahmen, die das lebenswichtige Bedürfnis diktiert, die Wirtschaft vor dem Ruin zu retten, Hunger abzuwenden und die Eskalation der sich ausbreitenden Bürgerkriegszustände zu verhindern. . ."

Ernste Gesichter

Im Fernsehen, auf allen Kanälen die gleiche Bekanntmachung. Die Ansager setzten die professionelle Trauermine der Partei auf. Als gelte es den Tod des Generalsekretärs der sowjetischen Kommunistischen Partei zu beklagen oder einen Machtwechsel würdevoll einzuleiten.

Dreimal hatten die Sowjetbürger in 1980er-Jahren das erlebt. Breschnew, Andropow, Tschernenko. Und nun auch der aktuelle Parteichef und Reformer Michail Gorbatschow?

25 Jahre ist das nun her. Und doch ist es gerade jetzt hoch aktuell und nützlich, noch einmal auf den Putsch zurückzublicken. Denn die Hardliner, die sich damals gegen die neue Zeit, gegen eine Öffnung zur Welt und gegen den Aufbruch der Gesellschaft sträubten, haben am Ende wohl doch noch einen Sieg davon getragen. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist ihr ressentimentgeladenes Beleidigtsein Staatsdoktrin geworden. In dieser Zeit ist die russische Dolchstoßlegende gereift, die den Niedergang und Zerfall von Kommunismus und Sowjetimperium der Hinterlist des Westens zuschreibt. Analysen kommen dagegen nicht an.

Wer Putins Russland verstehen will, muss sich auf diese Pathologie einlassen. Am Morgen des 19. August 1991 schlugen sie zu. Das "Staatliche Komitee des Ausnahmezustands" - "G.K.Tsch.P." hieß diese Ansammlung von Konsonanten im Russischen - erklärte, es habe "in Beantwortung der Wünsche der Werktätigen" die Macht übernommen.

Vorurteile geschickt genutzt

Sprachlich erinnerte das GKTschP an andere Institutionen des sowjetischen Herrschaftsapparats - von der Tscheka über den NKWD bis zum KGB, wie die sowjetischen Geheimdienste in historischer Abfolge genannt wurden. Ansonsten - und das war auffällig - vermied das Komitee die Floskeln des sowjetischen Vulgär-Marxismus-Leninismus. Stattdessen gab es sich populistisch mit einem Schuss Autoritarismus.

Die Putschisten bauten auf Vorurteile in der Bevölkerung. Deren Gefühl,Bürger einer Großmacht zu sein, war schon damals angeschlagen. Nun warnte man ausdrücklich vor westlichen Einflüssen. Wer sich etwa auf Hilfe "von außen" verlasse, sei ein "unverantwortlicher Mensch". Als einzig gangbarer Weg erschien der des russischen Isolationismus. Marktwirtschaft und Egoismus waren Synonyme moralischen Verfalls.

Seit Gorbatschows Erneuerungsprogramm aus Glasnost und Perestroika waren solche Töne nur noch in Zirkeln ewig Ges triger zu hören. So schien es damals jedenfalls. Nach dem Putsch formierten sich diese Kreise zu rotbraunen Kräften von ungeahnter Pluralität. Das demokratische Spektrum belächelte sie.

Auch wir westliche Journalisten nahmen sie nicht wirklich ernst. Ein Jahrzehnt nach dem Scheitern des Putsches zog mit dem Geheimdienst diese Sicht der Welt in den Kreml ein. Anfangs noch verhalten, aber je mehr sich die Macht im Innern festigte, desto häufiger drangen verstörende Versatzstücke rechter Ideologien nach außen.

Noch fehlte die Selbstsicherheit, mit der sich der Kreml heute zur moralischen Instanz eines "Dritten Roms" aufschwingt. Wer hinhörte, konnte es jedoch hören. Am Mittag des 19. August kletterte Russlands Präsident Boris Jelzin auf einen der Panzer, die vorm Parlament, dem Weißen Haus, in Moskau in Stellung gegangen waren. Der Ausgang des Staatsstreichs war zu diesem Zeitpunkt noch offen. Würde das Militär im Ernstfall gegen das Volk vorrücken?

Jelzin war ein Volkstribun. Das Volk liebte ihn damals noch - anders als den Zauderer Michail Gorbatschow, der die Welt radikal veränderte, aber auch die KPdSU und Russlands imperiale Zukunft retten wollte. Die Menschen standen in den Geschäften vor leeren Regalen. Sie waren enttäuscht und wütend und zogen sich wieder aus der Politik zurück, für die Gorbatschow sie erst vor Kurzem begeistern konnte.

Wir Valutabesitzer hatten Glück. Besonders ich, der am Tag zuvor einen großen Bottich mit schwarzem Kaviar erstehen konnte. Günstig, hintenherum, versteht sich. Brot ließ sich noch kaufen. Der Kaviar als Notration half über die Putsch-Tage, meinem Sohn ersetzte es die Babynahrung. Jelzin verlas vom Panzer herunter das Dekret gegen die Junta - so wie Lenin 1917 sich vom Eisenbahnwaggon mit der revolutionären Botschaft an die Massen wandte.

In seiner Anspielung an Lenin versetzte er dem maroden System einen weiteren Stoß. Dass er den Häschern des Regimes am Morgen entkommen war, verstärkte den Mythos des Meuterers aus den Reihen der Kommunistischen Partei. Dennoch blieb die Lage ernst. Ein Blutbad war nicht auszuschließen.

Im Büro funktionierte die internationale Telefonleitung aber noch. Auch bei anderen Medien war sie nicht abgestellt. Ticker ratterten. War das ein Versäumnis der Junta? Hatten die Verschwörer der westlichen Presse eine besondere Aufgabe zugedacht?

Am Nachmittag stellte sich das GKTschP der Presse. Auch das schien ungewöhnlich. Fünf der acht Mitglieder des Notstandskomitees nahmen an der Konferenz im Pressezentrum des Außenministeriums teil. Die Journalisten waren handverlesen, die meisten stammten von parteinahen Medien. Sie trafen auf Putschisten, die mit sich selbst sehr zufrieden schienen. Der Saal bebte vor Lachen, als sich der neue Interimschef Gennadij Janajewsich vor den Fragen nach dem Verbleib Präsident Gorbatschows drehte und wendete, bis er selbst lachen musste. Oder als der Verteidiger der Kolchoswirtschaft Wassilij Starodubzew seine Teilnahme damit begründete, dass er einfach nicht ablehnen konnte. Gennadij Janajews Hände zitterten. All das passierte die Zensur des Staatsfernsehens unredigiert. Eine Redakteurin ließ es durchgehen.

Zwei Tage änderten alles

Als der Spuk zwei Tage später zu Ende war, fand man Janajew betrunken im Büro. Starodubzew versteckte sich in den Feldern einer Kolchose. Zu Tausenden strömten Verteidiger am 19. August vor das Weiße Haus. Die Stimmung war eher verhalten.

Viele junge Menschen waren darunter, die sich vorher aus dem öffentlichen Leben ausgeklinkt hatten. Sie kamen, um sich nicht wieder die Freiheit nehmen zu lassen, über das eigene Leben selbst zu entscheiden. In den drei Tagen des Widerstands waren sie die freiesten Menschen, die die russische Geschichte jemals gesehen und zugelassen hatte.

Das Traumbild russischer Literatur. Die Verteidiger und Demokraten gewannen diese Auseinandersetzung, ohne dass sich dadurch jedoch die Demokratie gefestigt hätte. Das alte System erlitt eine Niederlage, die Schöpfung eines neuen kam nicht richtig in Gang. Die Institutionen blieben schwach.

Autoritäre Strukturen lassen sich nicht über Nacht beseitigen. Häufiger wechseln autoritäre Systeme nur das Erscheinungsbild. Seltener wird Demokratie zur Alternative.

Im Nachhinein stellt sich heraus: Was wir für Aus- und Nachwirkungen des kommunistischen Systems hielten, fußt auf viel älteren Traditionen. Nicht zuletzt auch auf einem anderen Verständnis von Staat und Gesellschaft. Vielleicht zeigt sich das auch darin: Für den Untergang benötigte die UdSSR nicht mehr Zeit als das Zarenreich 1917 - drei Tage. Vom Rest des Landes - fast - unbemerkt.

Seither gedeiht Russlands Dolchstoßlegende. Der Zusammenbruch der UdSSR ist in der Lesart des Kreml ein Werk des Westens und seiner russischen Handlanger - der demokratischen Opposition. Moskau zelebriert sich als Opfer. Unter Präsident Wladimir Putin mauserte sich dies zum Leitmotiv der Kremlpolitik. Damals ging Russland mit den Verschwörern schonend um. Nach kürzerer Haft wurden alle amnestiert. Auch darin blieb die Nomenklatura dem Prinzip treu, gegen eigene Leute nicht vorzugehen. Und viele Verschwörer machten wieder Karriere.

Zum Thema:
1985 wurde Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt. Ein Jahr später leitete er mit Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit, Transparenz) ein Reformprogramm ein, das den stotternden Motor des Sozialismus rundum erneuern sollte. Politische Öffnung und freiere Medienpolitik kamen in den ersten Jahren in der UdSSR gut an. Die Erwartungen der Menschen an Gorbatschow wuchsen jedoch. Bald schlug das Pendel in die andere Richtung. Der Reformer zögerte, weil er die Rolle der KPdSU als Staatspartei nicht infrage stellen wollte. Als die sozialistische Kommandowirtschaft Ende der 80er-Jahre Warenengpässe mit Bezugsscheinen zu lösen versuchte, fiel Gorbatschows Popularität endgültig ins Bodenlose. Das war die Geburtsstunde seines Widersachers Boris Jelzin. Von 1991 bis 2000 war er Russlands Präsident, der das geschrumpfte Land durch unbekannte Fahrwasser steuern musste. Die offizielle Grablegung der UdSSR erfolgte im Dezember 1991 als Folge des Junta-Putsches, der das Imperium eigentlich retten sollte. Jelzins Nachfolger Wladimir Putin betrat im August 1999 die politische Bühne. Der schüchterne Kofferträger kassierte die demokratischen Errungenschaften der Jelzinzeit wieder ein und errichtete eine Herrschaft der Sicherheitsapparate. Es war die Revanche für den August 1991.