Lausitz 2030 - das war für mich zunächst ein reizvolles, weil von allen Zwängen der Realität befreites Gedankenspiel: Alle Energieprobleme sind gelöst, die BTU gehört zu den europäischen Exzellenz-Universitäten, die mittelständische Wirtschaft sorgt für Vollbeschäftigung, die Lausitz ist Deutschlands beliebteste Ferienregion, und Energie Cottbus wird zum dritten Mal in Folge Deutscher Meister. Aber wir bodenständigen Lausitzer haben es ja nicht so mit reiner Fiktion. Also noch einmal mit etwas mehr Realitätssinn:

Die Lausitz 2030. Braunkohle ist nach wie vor ein wichtiger Energieträger. Aber das bei der Verbrennung des fossilen Rohstoffs freiwerdende CO2 ist jetzt selbst ein Rohstoff. Die Kraftwerke sind mit Kohlendioxid-Abscheidern ausgerüstet, Elektrolyse-Anlagen entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft. Rund 20 Prozent des CO2 aus den Kraftwerksemissionen und der Wasserstoff aus der Elektrolyse bilden unter Einsatz verschiedener Katalysatoren wichtige Grundsubstanzen für die chemische Industrie, die beispielsweise bei der Herstellung von Kunststoffen eingesetzt werden. Deshalb haben sich seit 2025 zahlreiche Chemie-Unternehmen in der Lausitz angesiedelt, die unter anderem für die Produktion von Elektromobilen zuliefern. Der Strom für den Betrieb der Elektrolyseure stammt überwiegend aus erneuerbaren Energien. Die Lausitz war international Vorreiter bei der Nutzung dieser innovativen Technologie, leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Einhaltung der Klimaziele der Bundesregierung und hat gezeigt, dass Braunkohle und Zukunft durchaus miteinander vereinbar sind.

Diese Vision wäre ein reines Hirngespinst, wenn nicht schon heute, 2015, Unternehmen wie Siemens an dieser Technologie arbeiten würden. Unsere Entwickler rechnen damit, dass in zwei Jahren mit den Großversuchen begonnen werden kann. Und damit wird auch meine Vision durchaus realistisch.

Die Nutzung von CO2 als Rohstoff ist natürlich nur eine Möglichkeit, die sich uns bietet. Also noch einmal auf ins Jahr 2030. Der Technologie- und Industriepark Cottbus an der BTU ist das "Silicon Valley" der Lausitz mit zahlreichen kleinen, kreativen Firmen. Auf den wichtigen Transitstrecken fahren elektrisch angetriebene Lkw emissionsfrei, und im Cottbuser Stadtverkehr werden die wenigen, noch verbliebenen Diesel-Fahrzeuge oder Benziner wie Relikte einer alten Zeit bestaunt. Den öffentlichen Verkehrsraum teilen sich effiziente Straßenbahnen, Elektrotransporter für den Kurzstrecken-Güterverkehr und E-Cars oder E-Bikes für die Individualisten.

Für diese drei Beispiel-Szenarien finden sich in der Gegenwart ebenfalls bereits die ersten Ansätze: Die Hochschulen in unserer Region forschen traditionell sehr anwendungsorientiert. Warum sollten innovative Ansätze und Lösungen - für die Energienetze, für Speichertechnologien, aber auch für die Fabrik der Zukunft oder für die Mobilität von morgen - nicht auch in Start-ups münden? Das Potential an jungen, kreativen, gut ausgebildeten Männern und Frauen haben wir, wir müssen nur dafür sorgen, dass sie bleiben oder wiederkommen. Ein Oberleitungssystem für elektrisch getriebene Lkw testet Siemens in Groß Dölln nördlich von Berlin. Und an intelligenten Infrastrukturen für die Städte der Zukunft arbeiten sowohl Siemens als auch die BTU gemeinsam mit weiteren Partnern aus unserer Region.

Natürlich, verlässliche Rahmenbedingungen sind für unternehmerische ebenso wie für regional- oder kommunalpolitische Entscheidungen unabdingbar. Aber ich denke, wir Lausitzer sollten jetzt agieren, statt zu reagieren, wir sollten uns um eine bessere Vernetzung aller Akteure - von der Politik über die Forschung und die Wirtschaft bis hin zum Verbraucher - kümmern, statt abzuwarten, dass Entscheidungen für uns getroffen werden. Und vielleicht sollten wir auch nicht fragen, wie die Lausitz in 15 Jahren aussieht, sondern wie sich die Lausitz mit all ihren Vorteilen und Stärken in die deutsche und die europäische Entwicklung einbringen kann. Wir sind nicht der dünn besiedelte, östliche Rand Deutschlands, wir sind die Mitte Europas. Darauf sollte man aufbauen.

Zum Thema:
Torsten Arnold, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Leiter des Betriebs Geschäftsstelle der Siemens AG RC Deutschland in Cottbus. Der gelernte Elektromonteur arbeitet seit 1990 in der Siemens-Firmengruppe. Arnold ist geborener Cottbuser.Alle Beiträge zur Zukunftsdiskussion über die Lausitz finden Sie im Netz.lr-online.de/lausitz2030