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| 02:39 Uhr

Wie Ban Ki Moon Staaten ins Gewissen redet

Machte sich selbst ein Bild in Flüchtlingslagern in Jordanien, Libanon und im Irak: Ban Ki Moon (M.).
Machte sich selbst ein Bild in Flüchtlingslagern in Jordanien, Libanon und im Irak: Ban Ki Moon (M.). FOTO: dpa
Genf. Große Worte, viele Zahlen: Solidarität, Gerechtigkeit, Millionen von syrischen Flüchtlingen in armen Nachbarländern. Werden reiche Staaten mehr tun, um die größte humanitäre Krise unserer Zeit zu lindern? Thomas Burmeister

Ban Ki Moon war noch ein Kind, als in seiner Heimat 1950 ein mörderischer Krieg ausbrach. Millionen Tote, Millionen auf der Flucht. Damals habe er gelernt, was Hunger bedeutet, berichtete der heute 71-jährige UN-Generalsekretär am Mittwoch in Genf. "Meine Eltern irrten herum, um etwas zu essen für die Kinder aufzutreiben."

Solidarität nötig

Es ist selten, dass der Koreaner bei offiziellen Auftritten aus dem eigenen Leben berichtet. Doch bei der UN-Sonderkonferenz für Syriens Kriegsflüchtlinge schien er einigen der mehr als 90 anwesenden Staatenvertreter auch ganz persönlich ins Gewissen reden zu wollen. "Wir sind hier, um uns der größten Flüchtlingskrise unserer Zeit zu stellen", sagte Ban Ki Moon. Zu bewältigen sei sie nur durch eine außerordentliche Verstärkung der weltweiten Solidarität.

Allen am Genfer UN-Sitz war klar, dass er vor allem wohlhabende Länder meinte. Eine gerechtere Verteilung der Lasten durch die Syrien-Krise fordern Hilfsorganisationen, UN-Experten und einige wenige Staaten - unter ihnen die Bundesrepublik - seit Langem. Gerecht wäre es, so die internationale Hilfsorganisation Oxfam in Genf, wenn Staaten zur Bemessung ihres fairen Anteils einen Verteilschlüssel akzeptierten. Der sollte auf dem Bruttonationaleinkommen beruhen, wie es die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) regelmäßig ermittelt. Ihr gehören 34 Staaten an, die alle mit einem relativ hohen Pro-Kopf-Einkommen als wohlhabend gelten.

Wenige tun mehr

Das Bild, das sich laut Oxfam ergibt, ist aus deutscher Sicht nicht überraschend: Außer der Bundesrepublik haben demnach nur noch Kanada, Norwegen und Australien "ihren gerechten Anteil an humanitärer Aufnahme übertroffen". Finnland, Island, Schweden und Neuseeland leisten immerhin mehr als die Hälfte des als gerecht angesehenen Beitrags. Weit zurück liegen etwa Frankreich, die Niederlande und die USA.

"Wir werden heute wichtige Zahlen erörtern", sagte Ban Ki Moon zum Auftakt der Konferenz. "Doch vor allem geht es hier um Menschen." Einige von ihnen hat er gerade besucht. In überfüllten Flüchtlingslagern Jordaniens, des Libanons und des Irak. Kaum besser als dort ist die Lage für Flüchtlinge in der Türkei oder in Ägypten. Alles Länder, die nicht zu den OECD-Staaten zählen.

Ban berichtete von einem Jungen in Jordanien. Er habe gesagt: "Wir müssen unbedingt etwas lernen, denn wir brauchen Wissen, um Syrien wieder aufzubauen." Die Chancen für Syrien-Flüchtlinge in der benachbarten Region stehen jedoch schlecht. Schutz vor dem Krieg haben sie dort zwar gefunden. Aber 90 Prozent der Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien leben laut einer Studie der Weltbank "unterhalb der jeweiligen nationalen Armutsgrenze", wie der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, beklagte.

Mehr als die Hälfte der Flüchtlingskinder in den überforderten Aufnahmeländern der Region könnten keine Schule besuchen. Viele arbeiteten für Bettellöhne. Mädchen würden zwangsverheiratet, weil die Eltern sie kaum noch ernähren könnten. Wie soll da eine Generation heranwachsen, die Syrien wieder aufbauen kann?

Mehr Länder müssten legale Einreisemöglichkeiten bieten - wie Sondervisa in humanitären Notfällen, Hochschulstipendien, Familienzusammenführungen oder auch private Patenschaften, fordern die UN. Dabei ist der Anteil an Syrern, den Länder der Region aufgenommen haben, ungleich höher als das, was die UN von den reichen Staaten Europas, Amerikas und Asiens erbitten: Insgesamt mehr als 4,8 Millionen Syrer haben Zuflucht in der Nachbarschaft gefunden.

Noch nichts Konkretes

Wenigstens zehn Prozent von ihnen - also knapp eine halbe Million - sollten in den nächsten Jahren von wohlhabenden Ländern übernommen werden, fordert das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Wie viele konkrete Zusagen es geben wird, bleibt bis zum UN-Flüchtlingsgipfel im September in New York abzuwarten.