Als Gerd-Rüdiger Hoffmann und seine Frau am 24. Juli 1989 in Berlin-Schönefeld in ein Flugzeug der „Interflug“ stiegen, wartete eine bevorzugte Abfertigung auf sie. Wolfgang Stuchly, Leiter der Abteilung 5 der für Spionageabwehr zuständigen Hauptabteilung (HA) II des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hatte auf einem Formblatt ihr Kommen avisiert. Die Pässe des Ehepaares sollten weder bei der Ausreise noch bei Rückkehr in die DDR eine Woche später kontrolliert werden.

Wohin die Kurzreise führte, geht aus der in den erhaltenen Stasiunterlagen gefundenen „Avisierung“ nicht hervor, auch nicht der Grund dieser Vorzugsbehandlung. Zusammen mit anderen Spuren aus Stasiakten liegt jedoch der Verdacht nahe, dass hier Inoffizielle Mitarbeiter (IM) im Auftrag oder zumindest mit Wissen und Billigung des MfS in wichtiger Angelegenheit unterwegs waren.

Denn der Senftenberger, der seit 2004 für die Linke im Brandenburger Landtag sitzt, wurde von 1981 bis 1989 von der Spionageabwehr in der Berliner Stasizentrale als IM „Jürgen“ geführt, seine Ehefrau seit 1974 als IM „Bärbel“. Die eigentlichen Stasiakten zu diesen IM-Vorgängen sind vernichtet und damit auch Unterlagen, die Auskunft über Details dieser Zusammenarbeit geben könnten. Karteikarten und Einträge in den Vorgangsheften der Führungsoffiziere von „Bärbel“ und „Jürgen“ belegen jedoch zweifelsfrei die Identität der beiden und dass sie bis zum Untergang der DDR „aktiv erfasst“ waren.

Interessant waren offensichtlich für das MfS Westkontakte von Gerd-Rüdiger Hoffmann, beispielsweise zu einer Zeitschrift für Philosophie in Wien. Die HA II des MfS hatte einen weitgefassten Begriff von „Spionageabwehr“. Dazu gehörte auch das Bespitzeln von Ausländern in der DDR, von Westjournalisten und ausländischen Vertretungen. Hoffmann hatte in Leipzig Philosophie und Afrikawissenschaften studiert und promoviert. 1987 stimmte das MfS in Berlin zu, dass Hoffmann „Reisekader“ in den Westen wurde. Die Stasi in Leipzig hatte dort angefragt und dabei auf die Erfassung Hoffmanns für die HA II Bezug genommen.

Der hatte als IM „Jürgen“ nicht zum ersten Mal Kontakt mit dem MfS. Im November vorigen Jahres war bereits bekannt geworden, dass der Oberschüler und Soldat Hoffmann von 1970 bis 1975 als IM „Schwalbe“ gespitzelt hatte. Erst hatte er das heftig bestritten, nach mehreren Wochen zögerlich eingeräumt. Mit Studienbeginn, so legten seine damaligen Schilderungen nahe, hatte er sich vom MfS getrennt. Ein Irrtum, wie die neuen Unterlagen zeigen.

Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis (OSL) verlor Hoffmann nach Bekanntwerden der „Schwalbe“-Akte im Winter den Parteivorsitz. In Potsdam schloss ihn die Fraktion der Linken aus ihren Reihen aus. Bei der parteinahen „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ in Brandenburg, wo Hoffmann stellvertretender Vorsitzender ist, wird er für Neuwahlen im Mai nicht mehr kandidieren. Sein Landtagsmandat hält Hoffmann jedoch fest.

An der Parteibasis hatten vor allem ältere Genossen in den vergangenen Monaten viel Verständnis für ihn. Seine verschwiegene „Schwalbe“-Zeit taten sie als „Jugendsünde“ ab.

Denn Hoffmann war als Oberschüler, gerade 18 Jahre alt, in Senftenberg angeworben worden. Der Lausitzer war ein glühender Jungkommunist, der anfangs sogar hauptamtlich zum DDR-Geheimdienst wollte. Wie ein roter Faden zieht sich großer Eifer durch die „Schwalbe“-Akte. Wo immer IM „Schwalbe“ war, berichtete er ohne Hemmungen über Menschen in seinem persönlichen Umfeld: über Mitschüler, Lehrer, Kollegen beim Ferienjob in Lauchhammer und Kameraden bei den Grenztruppen. Ende Januar, als sich Hoffmann nach langem Schweigen der Parteibasis im Süden Brandenburgs wieder gestellt hatte, versicherte er jedoch, dass er niemandem geschadet habe.

Für Stefan Ludwig, stellvertretender Parteichef der Linken in Brandenburg und Landtagsabgeordneter, ist nach den neuen Enthüllungen umso deutlicher klar, dass Hoffmann sein Mandat zurückgeben muss: „Er hat nun wirklich die Partei und seine Wähler getäuscht.“ Bisher habe der Senftenberger zu seiner Stasiverstrickung immer nur zugegeben, was ihm nachgewiesen werden konnte. „So kann man nicht neu anfangen.“ Hoffmann habe mit seinem Verschweigen der jetzt bekannt gewordenen späteren Stasikontakte auch ganz klar erneut gegen den Parteibeschluss zur Offenlegung der Zusammenarbeit mit dem DDR-Geheimdienst verstoßen. An einen Parteiausschluss des Lausitzers sei aber nicht zu denken. „Die Hürden dafür sind sehr hoch, das reicht nicht aus“, so Ludwig.

Linke in OSL reagierten unterschiedlich auf die neuen Belege über Hoffmanns Stasi-Kontakte. „Ich bin sprachlos, ich muss jetzt erst mal mit ihm reden“, zeigte sich Elke Löwe schockiert. Löwe ist Baubeigeordnete in Senftenberg und war bis Ende Januar Hoffmanns Stellvertreterin an der Parteispitze. Rainer Vogel, Fraktionschef der Linken im OSL-Kreistag, verweigerte indes jedes Gespräch zu dem Thema.

„ Das überrascht mich nicht“, sagt dagegen Mario Dannenberg, der Hoffmann als Parteichef in OSL abgelöst hat. Für ihn zählt, dass Hoffmann im Regionalverband keine politische Rolle mehr spielt. Bedauerlich sei, dass er durch sein Festhalten am Landtagssitz unbelasteten Nachrückern den Weg versperrt. Konsequenzen hat inzwischen Hoffmanns Frau gezogen. Einen Tag, nachdem Dannenberg zum neuen Parteichef in OSL gewählt wurde, gab sie ihr Mitgliedsbuch ab .

Gerd-Rüdiger Hoffmann war am Donnerstag für die RUNDSCHAU nicht zu erreichen .