Samantha ist zweieinhalb Jahre alt. Wenn man sie anspricht, antwortet sie nur: "Aaah." Franz (6) sitzt täglich vier bis fünf Stunden vor dem Fernseher und hat schon einen schweren Sehfehler. Zwei Symptome, eine Ursache: "Armut", meint die Bremerhavener Ärztin Angela Krönauer-Ratei. Jeder Fünfte in der Stadt bezieht Sozialhilfe oder A lg II. "Ein trauriger Rekord in Deutschland", sagt Sozialstadtrat Wilfried Töpfer. Die Kleinsten bekommen es zu spüren, rund 40 Prozent leben in armen Familien. "Das hat gravierende gesundheitliche Auswirkungen", hat die Ärztin in einer Studie festgestellt.
Armut gehört in Bremerhaven längst zum Alltag. Das Wort vom Armenhaus der Nation mag dort niemand mehr hören, zumal die Stadt dreistellige Millionenbeträge in den Strukturwandel investiert. Dennoch fehlt es vor allem an einem: "Arbeit", sagt Töpfer. Zwischen 18 und 26 Prozent pendelt die Arbeitslosenquote seit den 80er-Jahren: "Dauerhaft können wir das Problem nur durch neue Arbeitsplätze lösen", sagt der Stadtrat. Bis dahin hinterlässt das Thema Armut deutliche Spuren bei den Menschen, die davon betroffen sind.
Samantha und Franz (Namen geändert) zeigen mit Entwicklungsrückständen oder hohem Fernsehkonsum und den entsprechenden gesundheitlichen Folgen nur einen Teil der Auswirkungen, die die Armut auf die Kinder hat. "Mehr Übergewicht, mehr Karies, Seh- und Hörstörungen, psychische und kinderpsychiatrische Erkrankungen und vieles mehr", hat Angela Krönauer-Ratai beobachtet.
In ihrer Studie stellt die Ärztin fest: "32 Prozent der untersuchten Vorschulkinder zeigten Verhaltensauffälligkeiten, bei jedem fünften Kind wurde die sprachliche Verständigung in der Kindertagesstätte als problematisch eingestuft." Mangelnde Zuwendung, eingeschränkte soziale Kontakte, gesellschaftliche Ausgrenzung, mangelhafte Ernährung und zu wenig Bewegung gelten als Ursachen.
Den Stadtrat lassen derlei Erkenntnisse nicht ungerührt. "Es gibt inzwischen Eltern, die nicht einmal mehr wissen, wie sie richtiges Essen für die Kinder zubereiten", sagt er. Bereits vor knapp zwei Jahren hat er alle sozialen Dienste der Stadt und der freien Träger an einen Tisch geholt, um Gegenmaßnahmen zu beraten.
Die Ansätze sind vielfältig. Von der Ganztagsschule mit Mittagstisch ("Damit die Kinder wenigstens einmal am Tag warm zu essen bekommen", so Töpfer) bis zum kostenlosen Besuch einer Kindertagesstätte reicht die Palette. Neben der finanziellen Hilfe zum Unterhalt bietet die Stadt regelrechte Lebenshilfe. Das jüngste Projekt: Schule für Eltern, in der die Eltern auch Grundfähigkeiten wie Kochen und Haushaltsführung lernen sollen.
Angesichts der knappen Bremerhavener Finanzen (mit rund 100 Millionen Euro gibt die Stadt ein Fünftel ihres Etats für Sozialkosten aus) sind die Handlungsmöglichkeiten aber begrenzt. Trotzdem will Töpfer alles tun, den buchstäblich armen Kindern zu helfen. Nicht nur, um die akuten Symptome von Samantha und Franz zu bekämpfen, sondern auch um eine fatale Entwicklung zu stoppen: "Bereits heute gibt es viele Familien, die bereits in der dritten Generation von staatlicher Unterstützung leben müssen." Dies und das Thema Kinderarmut sei allerdings kein rein Bremerhavener Problem: "Wir sind nur die Spitze des Eisberges." Samantha und Franz könnten auch in jeder anderen Stadt leben.