Der ältere Herr wartet schon eine Weile im Hintergrund. Er möchte gerne etwas sagen, aber er traut sich nicht so richtig. Bis Uwe Seeler ihn fragend anschaut. Er sei sein Idol, sagt der Mann, seit der Jugendzeit. Bewundert habe er ihn und nicht nur wegen der Tore. Und er wolle von Herzen alles Gute wünschen zum 75. Geburtstag am Samstag und viel Glück für die Zukunft.

"Das passiert mir überall", sagt Seeler, "ich habe damit nicht viele Probleme, ich unterhalte mich mit den Leuten." Das ist es eben. "Bodenständig" ist wohl das am häufigsten benutzte Wort, um Seelers Normalität zu beschreiben. "Er ist einer von uns: leutselig, volksnah, nicht abgehoben", sagt der Hamburger Erzbischof Werner Thiessen. "Uns' Uwe" - tatsächlich, die hanseatische Kurzform von "unser" trifft es.

Das ist wohl die erstaunlichste Leistung. Wenn ganze Stadien "Uwe, Uwe", rufen, den Vornamen als Anfeuerung für die gesamte Mannschaft nutzen, ob für den Hamburger SV oder Deutschland, da soll man sich nicht für was Besonderes halten? Wenn du Ehrenbürger deiner Vaterstadt wirst, das Bundesverdienstkreuz bekommst, das Silberne Lorbeerblatt, in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen bist, Ehren-Schleusenwärter, Ehren-Kapitän, Ehren-Kommissar, Ehren-Dies und Ehren-Das, da soll man auf dem Boden bleiben?

Vorbilder in der eigenen Familie

Diese Frage hat sich für Seeler tatsächlich wohl nie gestellt. Ein Kind aus einem Arbeiterhaushalt. Bruder, Schwester, die Mutter Hausfrau ("Es hat immer geschmeckt"), der Vater Erwin ist Schiffsführer im Hafen, hat ein kleines Boot zum Transport von Frachten und ist auch schon Fußballstar. "Ich bin in einer intakten Familie aufgewachsen", erzählt Uwe Seeler, "Geld ist nicht alles, hat mein Vater gesagt, und mehr als ein Steak kannst du auch nicht essen."

Das alles klingt viel zu schön, um wahr zu sein. Ist es aber. Deshalb berührt der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft so viele Menschen. Er ist nicht dem Ruf des Geldes gefolgt, damals, als 1961 Inter Mailand mit Trainer Helenio Herrera lockte. Über eine Million Mark, eine unvorstellbare Summe. Drei Tage Bedenkzeit, Seeler blieb: "Ich habe den schwereren Weg gewählt und mich für die bescheidene Sicherheit im Beruf entschieden. Es ging mir um das sichere Fundament."

60 000 Kilometer jährlich ist er in Norddeutschland als Vertreter für adidas hin und her gefahren. "Fußball war nie mein Beruf", sagt Seeler und meint das völlig ernst. Andere Zeiten. 1250 Mark brutto durfte er im ersten Bundesligajahr 1963 verdienen. Werbung kam dazu, Gastauftritte in Filmen ("Willi wird das Kind schon schaukeln"), und er vertrieb die "Uwe Seeler Moden". Zu Hause warteten Ehefrau Ilka, die er 1959 geheiratet hat, und die Töchter Kerstin, Helle und Frauke. Skandale: keine.

"Ich bin ein ganz normaler Mensch wie alle anderen auch", sagt Uwe Seeler, "die anderen Menschen wissen das ja auch und man nimmt es mir ab. Ich bin so wie ich bin, und möchte auch so bleiben." Dieser Hamburger Jung mit dem breiten, norddeutschen Akzent bediente alle bürgerlichen Sehnsüchte nach privatem Glück und sportlichem Erfolg.

Auch Helmut Schmidt ist Fan

Der ist diverse Male dokumentiert. Deutscher Meister 1960, Pokalsieger 1963. Dreimal Fußballer des Jahres, 72 Länderspiele, 43 Tore. Vier Teilnahmen an Weltmeisterschaften. Nur ein Platzverweis am 10. Dezember 1957 gegen Bremerhaven. "Ich wollte kurz nachtreten, aber ich habe es nicht getan", schwört er noch heute. Und immer ist er beim Hamburger SV geblieben. Auch wenn er 1961 das Angebot bekam von Inter Mailand, damals sportlich und finanziell das Nonplusultra im europäischen Fußball. Uwe Seeler blieb letztlich.

"Wegen seiner Normalität, wegen seiner Anständigkeit und natürlich wegen seiner herausragenden sportlichen Leistung werden die Deutschen und insbesondere wir Hamburger ihn immer verehren." Das sagt Helmut Schmidt. Der Altkanzler ist wie Uwe Seeler Ehrenbürger von Hamburg.

Und obwohl man sich zunächst einmal keinen größeren Gegensatz vorstellen kann als den zwischen dem messerscharfen Intellektuellen Schmidt und dem Grundschul-Absolventen und Speditionskaufmann Seeler, schätzt auch der Politiker den Fußballer. Er unterscheidet sich damit überhaupt nicht von dem schüchternen älteren Herrn "aus dem Volk". Uwe Seeler hat tatsächlich alle Herzen gewonnen. Das macht ihn wirklich einzigartig.