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"Widerstand ist inzwischen irrational"

Proteste von Umweltschützern gegen den Fracking-Beschluss der Bundesregierung am Mittwoch in Berlin.
Proteste von Umweltschützern gegen den Fracking-Beschluss der Bundesregierung am Mittwoch in Berlin. FOTO: dpa
Gegen das am gestrigen Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossene Fracking-Gesetz gibt es erhebliche Widerstände hierzulande – auch in den Reihen der Großen Koalition. Der langjährige ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur (dena), Stephan Kohler, hält die Kritik an der neuen Erdgasfördertechnik für irrational, wie er der LAUSITZER RUNDSCHAU im Interview erläuterte.

Herr Kohler, ist das ein Fracking-Verhinderungs- oder ein Fracking-Ermöglichungsgesetz?
Es ist ein Fracking-Untersuchungsgesetz. Es soll erforscht werden, ob es möglich ist, Fracking umweltfreundlich durchzuführen. Es geht vor allem um das Testen neuer, nicht wasserschädlicher Flüssigkeiten. Es ist also eine Pilotphase.

Würde sich Fracking in Deutschland überhaupt lohnen?
Beim heutigen niedrigen Erdgaspreis nicht. Das Gesetz ist aber nicht auf eine kurzfristige wirtschaftliche Anwendung angelegt. Mittel- bis langfristig kann Fracking eine interessante Option auch bei uns werden.

Wie gefährlich ist Fracking noch für die Umwelt, für das Grundwasser?
So wie es heute in den USA betrieben wird, mit den vielen chemischen Zusatzstoffen, würde ich Fracking nicht empfehlen. Das ist tatsächlich umweltgefährdend. Aber mit der Entwicklung neuer Flüssigkeiten besteht eine Chance, die Technik auch umweltfreundlich anzuwenden.

Es gibt massiven Widerstand gegen Fracking in Deutschland. Ist der rational oder irrational?
Inzwischen ist er irrational. Deutschland setzt sich die höchsten Klimaziele, steigt aus der Atomenergie aus, steigt aus der Kohle aus. Und will keine Abhängigkeit von russischem Gas. Ohne eine Alternative, und dazu gehört auch heimisches Gas, kann das alles nicht funktionieren. Fracking ist nur eine Option unter mehreren, und kann die regenerativen Energiequellen ergänzen. Nicht mehr, nicht weniger. Und das nicht heute, nicht morgen, aber in mittlerer Zukunft.

Die Gegner befürchten, Fracking mache den Ausbau erneuerbarer Energien unattraktiv und konterkariere so die Energiewende.
Wir werden bis 2050 noch einen gewissen Anteil fossiler Energiequellen im System brauchen, sowohl zur Strom- als auch zur Wärmeerzeugung. Und da ist Gas allemal klimaverträglicher als etwa die Kohle.

Wäre ein Totalverbot jetzt eine Alternative gewesen?
Nein. Deutschland ist ein Technologieland, das vom Export seiner Technologien abhängt. Fracking wird weltweit betrieben. Deshalb muss Deutschland auch auf diesem Gebiet präsent sein, unabhängig von der Frage, ob es Fracking am Ende selbst anwendet oder die Technik anderen verkauft.

Mit Stephan Kohler

sprach Werner Kolhoff

Zum Thema:
Der Begriff Fracking kommt aus dem Englischen. Er ist die Kurzform für "Hydraulic fracturing", das hydraulische Aufbrechen oder die hydraulische Rissbildung. Das Fracking ist ein Verfahren, um Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten wie Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinformationen zu gewinnen. Da die Durchlässigkeit dieser Lagerstätten sehr gering ist, wird das Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe mit hohem Wasserdruck aufgebrochen (gefrackt). Durch die Risse kann das Gas entweichen und über Bohrrohre an die Oberfläche gelangen. Das Verfahren ist umstritten, weil dabei eingesetzte Chemikalien ins Grundwasser gelangen könnten.