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Widerstand gegen Eisenocker im Altdöberner See steigt

Symbolischer Protest am Altdöberner See. Mit blauen Kreuzen kämpft eine Bürgerinitiative gegen die geplante Ockereinlagerung.
Symbolischer Protest am Altdöberner See. Mit blauen Kreuzen kämpft eine Bürgerinitiative gegen die geplante Ockereinlagerung. FOTO: Jan Augustin
Senftenberg. In den kommenden Jahren müssen in der Lausitz Hunderttausende Kubikmeter Ockerschlamm entsorgt werden. Das Einspülen in den Altdöberner See ist dabei nur eine Überlegung. Vor Ort wird trotzdem Widerstand organisiert. Jan Augustin und Simone Wendler

Peter Schmidt ist ein gemütlicher Typ. Vollbart, braune Lederweste, blaue Latzjeans. Seit mehr als 20 Jahren betreibt der gelernte Ökonom eine Tischlerei in dem kleinen Ort Woschkow (Oberspreewald-Lausitz), keinen Kilometer entfernt vom Altdöberner See.

Auf dem Grundstück direkt an der Straße nach Lindchen gibt es ein eigenes Sägewerk, kleine Hütten aus Holz für Fahrradtouristen, Zeltplätze, Sitzgelegenheiten. Überall stehen kleine und große Holzskulpturen herum. Mit Holzarbeiten und Tourismus verdienen Peter Schmidt und seine sieben Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt.

Doch Schmidt fühlt sich bedroht: "Wir haben die Schnauze voll. Das lassen wir uns nicht mehr gefallen." Der 58-Jährige ist Teil der kürzlich gegründeten Bürgerinitiative Altdöberner See. Die will verhindern, dass durch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) Eisenhydroxidschlamm auf den Grund des Sees gespült wird.

Eine vor knapp einem Monat gestartete Online-Petition gegen die Schlammpläne hat bisher 1900 Unterstützer gefunden. Auch die Gemeinde und das Amt Altdöbern lehnen die Idee ab.

Auf der anderen Seite des Konfliktes sitzt Klaus Zschiedrich, Chef der LMBV. Er versichert erneut, dass es überhaupt noch keine konkreten Pläne, geschweige denn einen Genehmigungsantrag bei den zuständigen Behörden für das Einspülen des braunen Eisenschlamms in den Altdöberner See gebe.

Und auch der Oberspreewald-Lausitz-Landrat Siegurd Heinze (parteilos) stellt sich an seine Seite: "Wir stehen da noch ganz am Anfang eines Prozesses." Entschieden sei noch nichts. Doch beide erklären auch unumwunden, dass es Handlungsbedarf bei der Entsorgung des Eisenockers gebe, der nicht wegzudiskutieren sei. "Das Eisenhydroxid ist da, auch ohne behördliche Genehmigung", so Heinze.

Das feinkörnige braune Material entsteht durch Verwitterung von Eisenverbindungen im Boden. Die erhebliche Grundwasserabsenkung durch Jahrzehnte langen Braunkohlebergbau in der Region und der hohe Eisengehalt des Lausitzer Erdreiches spielen dabei eine Rolle.

Durch den inzwischen wieder sehr deutlich angestiegenen Grundwasserspiegel wird das Eisenhydroxid nun an vielen Stellen in der Region aus dem Boden gewaschen und in Richtung Spree transportiert. Der Fluss färbt sich dadurch ab einer bestimmten Konzentration braun. Der Ocker ist nicht giftig, schädigt aber viele kleine Wasserlebewesen.

LMBV-Chef Zschiedrich kann die Größe des Problems in Zahlen benennen. Pro Jahr, so Zschiedrich, seien auf längere Zeit in der Lausitz über 200 000 Kubikmeter des abgetrennten braunen Schlamms zu entsorgen: "Die müssen irgendwo hin." Rund 140 000 Kubikmeter davon kämen aus dem "Südraum" hinter der Grenze zu Sachsen.

Allein aus der Vorsperre des Spremberger Stausees würden schon jetzt durch die eingeleiteten Maßnahmen zur Ockerabscheidung über 30 000 Tonnen davon jährlich anfallen. Auch wieder aktivierte Grubenwasserreinigungsanlagen und Absetzbecken hätten diese Wirkung, so der LMBV-Chef: Sie verringern die Ockerlast der Spree spürbar, aber sie liefern auch Schlamm, der irgendwohin muss.

Deshalb sei in Abstimmung mit Behörden und Gremien ein Konzept entwickelt worden. Danach wird durch Bekalken von Tagebauseen ein Teil des Ockers dort zur Ablagerung am Seegrund gebracht und gelangt gar nicht bis zur Spree. Eine kleine Menge wird als Rohstoff verarbeitet, die Möglichkeiten dafür seinen aber, so Zschiedrich, sehr begrenzt. Bleiben als Alternativen nur das Einspülen in einen Restlochsee oder die Deponierung an Land. Vorhandene öffentlich Deponien bieten dafür aber auch nur geringe Kapazitäten.

Deshalb ist das Einspülen von Eisenocker in Tagebauseen ein wichtiger Aspekt der Überlegungen, wie die Entsorgungsfrage langfristig gelöst werden soll. Neben dem Altdöberner See hat die LMBV dabei auch den Meuroer See im Blick. Er hat ähnlich gute Voraussetzungen wie der Altdöberner See durch seine große Tiefe, doch insgesamt deutlich weniger Aufnahmekapazität. Außerdem steht er unter strengem Naturschutz.

Bis Ende des Jahres, so kündigt LMBV-Chef Zschiedrich an, sollen alle Überlegungen gründlich abgewogen werden. Dazu gehöre für einen Teil des Ockers auch der Bau einer neuen Deponie bei Kostebrau zwischen Lauchhammer und Senftenberg.

Das Einspülen bleibt jedoch der Favorit. Dass von einer Eisenockerschicht von wenigen Zentimetern am Grund eines Tagebausees keine Gefahr ausgeht, dafür spreche, so Zschiedrich, die bisherige Praxis und Erfahrung. Denn ohne jeglichen öffentlichen Protest würde seit vielen Jahren Eisenhydoxidschlamm in Tagebaurestlöcher gespült. Allein der Spreetaler See habe seit 1998 über 21 Millionen Kubikmeter Schlamm aufgenommen.

Auch der Sedlitzer See, der im Tourismuskonzept des Lausitzer Seenlandes eine wichtige Rolle spielt, hat große Mengen Eisenocker geschluckt, die nun an seinem Grund liegen. Alle diese Einlagerungen, so Zschiedrich würden durch externes Monitoring überwacht. "Es hat bisher keinerlei negative Auswirkungen an irgendeiner Stelle gegeben", versichert er.

Auch für den Altdöberner See gebe es bei einer Umsetzung der Einspülpläne keine Einschränkungen der geplanten Nutzung. Mit den Entscheidungen am Ende des Abwägungsprozesses zum Jahreswechsel werde die Debatte über die Ockerentsorgung nicht zu Ende sein. Das weiß auch Zschiedrich: "Es wird immer Interessenkonflikte geben, die müssen diskutiert werden."

Nicht nur er, sondern auch Landrat Siegurd Heinze wünschen sich, wie beide am Mittwoch versichern, "die Versachlichung der Debatte". Manche Diskussion rund um den Altdöberner See habe schon hysterische Züge, beklagen beide.

Die in der Bürgerinitiative versammelten Gegner einer eventuellen Ockereinlagerung im Altdöberner See beeindruckt das bisher nicht. Zum Markenzeichen ihres Protestes ist das blaue Holzkreuz geworden. Solche Kreuze, die bewusst an die gelbe Variante der Atomkraft- und der Frackinggegner erinnern, stehen inzwischen auf dem Marktplatz in Altdöbern, an privaten Grundstückszäunen in den Dörfern rings um den See, sind an Schuppen genagelt oder an Bäume mitten im Wald. Das Symbol schmückt auch den Eingang zum Sägewerk von Peter Schmidt in Woschkow. Der Tischler hat auf Vorrat schon Latten für 50 weitere Kreuze gezimmert.