Aus eins mach drei. So lautet die Devise von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bei der Reform der Pflegeausbildung. Was bisher Kranken-, Kinderkranken- und Altenpfleger mit spezieller Ausbildung waren, sollen künftig "Pflegefachfrauen" und "Pflegefachmänner" stemmen, die dann in allen drei Bereichen einsetzbar sind.

Der Allgemeinheit könnte das auf den ersten Blick eher gleichgültig sein. Doch die Reform hat weitreichende Folgen für die künftige Versorgung hilfebedürftiger Menschen. Schon heute fehlen etwa 30 000 Fachkräfte allein in der Altenpflege. Im Jahr 2030 könnten es laut Studien bis zu 300 000 sein.

Gröhes Gesetz soll gegensteuern. Der Minister verspricht sich davon eine höhere Attraktivität des Pflegeberufs. Genau das bezweifeln jedoch Opposition und Fachverbände, weshalb sie gemeinsam eine Aussetzung des Gesetzesverfahrens forderten, um offene Fragen zu klären.

Nach ihrer Einschätzung wird sich der Personalmangel mit Gröhes Plan sogar noch verschärfen. "Ambulante Dienste, die Pflegefachkräfte einstellen, werden aus der Ausbildung aussteigen", prophezeite Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) am Mittwoch vor Journalisten in Berlin.

Als Grund nannte sie das geplante Finanzierungsmodell, bei dem ein Teil der Kosten beim Ausbildungsbetrieb hängen bleibt. Der Kinder- und Jugendmediziner Frank Jochum verwies darauf, dass sich zumeist Abiturientinnen ganz bewusst für die Kinderkrankenpflege entscheiden würden. Eine generalistische, vornehmlich auf Erwachsene ausgerichtete Ausbildung sei für sie daher nicht attraktiv, so Jochum.

Dieser Standpunkt wird von mehr als einem Dutzend Organisationen vertreten. Dazu gehören die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus. Umgekehrt gibt es auch Befürchtungen, dass Hauptschüler durch die vereinheitlichte Ausbildung das Nachsehen haben könnten.

Derzeit ist das Niveau der Altenpflegeausbildung niedriger als das der Krankenpflege. Dort haben 70 Prozent der Lehrlinge Abitur, in der Altenpflege nur 30 Prozent. Durch die steigenden Anforderungen im Zuge der Generalistik könnten Hauptschüler, die eigentlich für die Altenpflege infrage kämen, abgeschreckt werden.

Nach Gröhes Plänen soll die gemeinsame Ausbildung drei Jahre dauern. Genauso lange, wie jetzt für jeden Pflegeberuf bei getrennter Ausbildung. Der praktische Teil soll ebenfalls alle Tätigkeitsfelder vermitteln. "Eine Fachkraft soll dann vom Säugling bis zum Hospiz alles können. Das ist eine Überfrachtung", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg. "Wir brauchen Experten und keine Schmalspurausbildung", erklärte Jörg Rehman vom Bündnis für Altenpflege, in dem ebenfalls rund ein Dutzend Verbände organisiert sind.

In der Kritik von Grünen und Pflege-Lobby steht auch der Fahrplan der Gesetzgebung. So sollen die konkreten Ausbildungsinhalte in einer Verordnung geregelt werden, die möglicherweise erst nach der für Ende Juni anvisierten Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag von den zuständigen Ministerien fertiggestellt wird. Die Grünen pochen auf eine Veröffentlichung noch vor Einbringung des Gesetzentwurfs im Bundestag. Bis dahin müsse das Verfahren ausgesetzt werden, forderte Scharfenberg.

Das letzte Wort hat der rot-grün dominierte Bundesrat, denn die Vorlage ist dort zustimmungspflichtig.