„Es wäre ehrlicher, das Leitbild auf die engere Hauptstadtregion zu beschränken.“„Ängste der Randregionen müssen abgebaut werden.“
 Wilhelm Hummerjohann, Geschäftsführer der BASF SchwarzheideBrigitte Klotz, Präsidentin der Fachhochschule Lausitz


Klotz sprach zunächst die „Irritationen“ an, die in der Region durch die Neuausrichtung der Förderpolitik ausgelöst worden seien. Die Abkehr von der Vorstellung, einen Ausgleich zwischen den Regionen des Landes herstellen zu wollen und der Versuch, sich auf die entstandenen Wachstumskerne zu konzentrieren, führe zu Ängsten und Abwehrreflexen. Das habe dann ja auch das Scheitern des ersten Anlaufs zur Fusion der Länder bedingt.
Klotz fordert deswegen Korrekturen am jetzt vorliegenden Entwurf des Leitbilds. Der Lausitz dürfe eben nicht nur eine ergänzende Rolle bei der Entwicklung der Metropolenregion zugeschrieben werden. Sie habe mit ihren 8000 Studienplätzen einen eigenständigen Platz und einer eigenen Ausprägung.
Aus ihrer Sicht gehört dazu beispielsweise eine Politik, die Familien die bestmögliche Umgebung anbietet und damit einen Beitrag leistet, die Abwanderung junger Menschen wenigstens etwas zu verringern. Dies betreffen sowohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, als auch die Hilfen für Studierende, die bereits eine Familie gegründet haben. Und die Lausitz brauche klare Aussagen dazu, wie in den kommenden Jahren die Länder sicherstellen wollen, dass in dieser Region hochwertige Arbeitsplätze für Spitzenwissenschaftler erhalten werden. Aus ihrer Sicht jedenfalls seien die Überlegungen, die in Berlin und Potsdam angestellt werden, bei den Menschen in der Lausitz noch lange nicht angekommen.
Wilhelm Hummerjohann von der Geschäftsführung der BASF in Schwarzheide wurde in seinem kritischen Anmerkungen zu den bisherigen Überlegungen noch deutlicher. Er sehe wesentliche Interessen der Industrieunternehmen, die in einiger Entfernung zu Berlin angesiedelt seien, gar nicht berücksichtigt. Es sei aus seiner Sicht zwar verständlich, dass der Entwurf praktisch keine Aussagen zur Industriepolitik treffe.
Schließlich sei in Berlin selbst und in seinem Umland die Bedeutung traditioneller Industriezweige stetig gesungen und ein Wiedererstarken auch nicht vorstellbar. Aber für die wirtschaftliche Entwicklung beispielsweise der Lausitz sei der Erhalt und die Stärkung der industriellen Kerne unabdingbare Voraussetzung. Nur mit ihnen könnten die sich abzeichnenden negativen Entwicklungen wie die Überalterung und die Abwanderung gemildert werden.

Augenmerk auf Randgebiete
Hummerjohann meinte, es wäre vielleicht ehrlicher, ein Leitbild der engeren Hauptstadtregion zu entwickeln und dieses um ein anderes für die regionale Entwicklung Brandenburgs zu ergänzen. Im Moment jedenfalls sieht er keine Ausgewogenheit der Debatte, was die Interessen der Hauptstadtregion und der Randgebiete betrifft.
Die Beiträge aus der Lausitz lösten dann eine sehr lebhafte und kontroverse Diskussion aus, die sich zunächst um die Frage drehte, ob es nicht tatsächlich sinnvoller wäre, zwei unterschiedliche Entwicklungsziele für die Metropole Berlin mit seinem Umland und den eher ländlich geprägten Teil Brandenburgs zu formulieren. Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghans (CDU) widersprach solchen Vorstellungen. Es bringe nichts, wenn aus den Regionen gesagt werde, man fühle sich nicht abgeholt durch die Überlegungen aus Potsdam. Die Zeit sei vorbei, wo man darauf warten könne, abgeholt zu werden. Das Land Brandenburg sei in einem komplizierten Prozess, bei dem es darum gehe, die Wunden, die der Bruch von 1989 gerissen habe, zu heilen. Er sehe keinen Gewinn darin, jetzt in diesem Prozess wieder neue Grenzen einzuführen etwa zwischen dem Verflechtungsraum um Berlin und der Lausitz.
Manchmal sei man sich auch der Chancen nicht bewusst, die es gebe. Der Ausbau des Flughafens Schönefeld, der jetzt nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts möglich geworden sei, habe in Westpolen zu euphorischen Reaktionen geführt, weil dort begriffen werde, welche Möglichkeiten sich mit dieser Entscheidung eröffneten.
Regionalplaner wie auch Vertreter aus den Kommunen gaben sich damit allerdings nicht zufrieden. Unter stetigem Verweis gerade auch auf die Interessen der Lausitz wurden die wesentlichen Einwände formuliert. Wenn, wie ja allgemein und ohne Widerspruch bestätigt, die wechselseitige Erreichbarkeit eine wesentliche Voraussetzung für die Identität einer Region sei, dann gehörte Wolfsburg beispielsweise viel eher dazu als der ganze Süden Brandenburgs, hieß es dann in der Debatte beispielsweise.

Gesprächsbedarf für Brandenburg
Für Brandenburgs Infrastrukturminister Frank Szymanski (SPD) und die Berliner Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) lieferte die Debatte am Freitag deutliche Hinweise darauf, dass vor allem in den Regionen Brandenburgs noch erheblicher Gesprächsbedarf besteht. Dem soll auch durch eine Reihe von Veranstaltungen Rechnung getragen werden, bei denen im Rahmen der regionalen Planungsgemeinschaften Einwände und Ergänzungen formuliert werden können.
Konkret allerdings wird diese Auseinandersetzung vor allem dort, wo sich neue Möglichkeiten eröffnen und unterschiedliche Interessen aufeinander treffen. Erkennbar wurde dies während eines Pressegesprächs von Szymanski und Junge-Reyer, in der die Berliner Vertreterin sehr deutlich ihre Wünsche in Bezug auf die gemeinsame Planung der Entwicklung rund um den neuen Flughafenstandort ansprach. Dies wiederum ist ohne Zweifel ein Thema, bei dem die Lausitz ganz andere Interessen haben dürfte als bestimmte Bezirke im Norden Berlins.