Der vierte Verhandlungstag gegen Thomas W. beginnt mit einer schlechten Nachricht. Der frühere Pflegesohn des Taxifahrers, der als Zeuge gehört werden sollte, habe sich krankgemeldet, verkündet der Vorsitzende Richter Thomas Braunsdorf. Doch vorher habe er schon mitgeteilt, dass er gar nicht vor Gericht erscheinen möchte. "Er denkt, dass er das psychisch nicht durchsteht", teilt der Vorsitzende Richter mit.

Doch das Gericht kann auf die Zeugenaussage des jungen Mannes nicht so leicht verzichten. Denn der heute 20-Jährige ist laut Anklage das zweite Opfer von Thomas W. Er soll den damals 17-jährigen Jugendlichen mehrfach schwer sexuell missbraucht und ihn dabei mit Drohungen gefügig gemacht haben.

Während der angeklagte Taxifahrer den sexuellen Missbrauch eines behinderten Jungen aus der Nachbarschaft und dessen wochenlanges Verstecken inzwischen weitgehend einräumt, bestreitet er bisher jeglichen Übergriff auf den ehemaligen Pflegesohn. Der soll nun in zwei Wochen noch mal als Zeuge geladen werden.

Das Gericht will dann auch Videotechnik bereithalten, um ihn notfalls in einem Nebenraum zu vernehmen, um ihm die persönliche Konfrontation mit dem Angeklagten im Gerichtssaal zu ersparen. Dort nimmt am Dienstagnachmittag zunächst seine Mutter auf dem Zeugenstuhl Platz.

Die 43-Jährige kann jedoch nicht allzuviel zu den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs ihres Sohnes sagen. Die Frau, die deutlich älter wirkt, lebt erwerbsunfähig in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Es fällt ihr schwer, Ereignisse zeitlich genau einzuordnen und Beobachtetes von Gehörtem zu unterscheiden.

Ihr Sohn war zu dem angeklagten Taxifahrer, damals ein guter Bekannter der Mutter, in die Wohnung gekommen, als sie mit einer Therapie versuchte, ihre Drogenabhängigkeit in den Griff zu bekommen. Später war der Jugendliche eine Weile in einem Heim, dann wieder bei Thomas W., mit Wissen des Jugendamtes. Über die sexuellen Übergriffe habe ihr Sohn bis heute nicht mit ihr gesprochen: "Das ist für ihn ein rotes Tuch."

Deutliche Aussagen machte der junge Mann aber offenbar bei der Polizei. Als diese im vorigen Sommer vier Wochen lang vergeblich nach dem geistig behinderten 14-jährigen Martin (Name geändert) suchte, kam von dem mutmaßlichen zweiten Opfer des Taxifahrers der entscheidende Hinweis auf das Versteck hinter Schränken im Schlafzimmer des Mannes. Das schildert ein Polizist, der die Gruppe der Beamten leitete, die nach Martin fahndete.

In einer alten Akte habe er damals einen wichtigen Hinweis gefunden, so der Polizeihauptkommissar. Es sei da um eine Anzeige von Thomas W. gegen den Pflegesohn wegen Körperverletzung gegangen. Der Pflegesohn habe damals bei der Polizei erklärt, "er sei nicht schwul". Das habe bei ihm den Verdacht geweckt, dass ein sexuelles Geschehen zwischen W. und dem Pflegesohn Hintergrund der Körperverletzung gewesen sein könnte.

Den geistig behinderten Martin hatte der Beamte gleich nach der Befreiung aus der Wohnung von Thomas W. befragt. "Auf einfache Fragen hat er in mehreren Sätzen geantwortet", schildert er vor Gericht das Gespräch. Er habe auch die sexuellen Manipulationen und Oralverkehr durch den Angeklagten beschrieben. Auf die Frage, wie oft das passiert sei, habe Martin geantwortet "immer".

In einer Woche soll nun die minderjährige Tochter des Angeklagten, geschützt durch Videoübertragung aus einem Nebenraum, aussagen.