"Eine Stadt mit P", will die Frau in der Mitte des Kreises wissen, "Posen", schallt es aus der Gruppe zurück. In der Wohngemeinschaft (WG) für Demenzkranke in Briesen, zehn Kilometer nördlich von Cottbus, ist heute auf Wunsch der Bewohner Ratenachmittag.

In dem wie ein klassischer Dreiseitenhof angelegten Haus der WG leben elf Frauen und ein Mann. Die Älteste ist 93 Jahre alt. Jeder von ihnen hat ein eigenes Zimmer, das mit privaten Möbeln des jeweiligen Bewohners eingerichtet ist. Die Hälfte der Zimmer verfügt über ein eigenes Bad. In der Mitte des dreiseitigen Gebäudes liegt der große Gemeinschaftsraum mit Küche, Esstisch und einer gemütlichen Ecke mit Sofas und Sesseln. Von hier aus haben die Bewohner einen Blick über den Innenhof auf ein angrenzendes Feld.

"Wir sind mit der Wohngemeinschaft 2006 in Briesen als Experiment gestartet", sagt Katrin Koppermann, die Pflegedienstleiterin der Diakonie-Sozialstation in Cottbus. Damals wurde bereits seit langer Zeit von der praktischen Pflege über die Forschung bis zur Politik intensiv über Alternativen zur stationären Betreuung diskutiert und nachgedacht. Die Diakonie baute den Hof in Briesen und bot ihn als Raum für eine Demenz-WG an.

Wohngemeinschaften mit ambulanter Pflege gibt es nicht nur für Demenzkranke. Manche werden direkt von einem Pflegedienst betrieben, andere von den Bewohnern oder ihren Angehörigen selbst organisiert. Hier dürfen sich die Bewohner den Pflegedienst selbst wählen, und er ist nicht an den Mietvertrag gekoppelt. So ist es auch in der Briesener WG.

Mehr Selbstbestimmung

Beim Landesamt für Soziales und Versorgung in Cottbus, der zuständigen Aufsichtsbehörde, sind jedoch nur Wohngemeinschaften gemeldet, die sich nicht selbst organisieren. Das sind zurzeit neun Einrichtungen, zwei davon für Demenzkranke. Die Bereitschaft zur Neugründung ist nach Auskunft des Landesamtes "verhalten".

Eine Übersicht, wie viele selbst organisierte Alten-Wohngemeinschaften in der Region existieren, gibt es beim Landesamt nicht. Bekannt sind jedoch solche Einrichtungen in Guben und Finsterwalde.

Als Vorteile von Demenz-WGs gegenüber einer Station im Pflegeheim gelten mehr Selbstbestimmung der Bewohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten sowie eine individuellere Pflege. Die Bewohner können zum Beispiel selbst entscheiden, wann sie aufstehen, was sie essen wollen oder wobei sie sich helfen lassen. Über die Aufnahme neuer Mitglieder in die Gemeinschaft entscheiden die Gruppe und ihre Angehörigen nach einem Probewohnen.

In Briesen wurden mit diesen Prinzipien gute Erfahrungen gesammelt. Ute Oehmig ist seit 2006 dort Pflegerin. Sie ist überzeugt von den Vorteilen der WG als Betreuungsform. "Am Anfang haben wir hier an fünf Tagen in der Woche gekocht. Immer das, worauf die Bewohner Lust hatten. Es gab drei Katzen und eine Menge Hühner, von denen die Bewohner morgens immer Eier geholt haben. Außerdem haben zur Erntezeit einige oft noch Ähren aus dem Feld geholt", erzählt die Pflegerin.

Doch die Situation hat sich seitdem verändert. Mittlerweile sind die Bewohner älter geworden und ihre Demenz und andere Erkrankungen sind fortgeschritten. Viele Aktivitäten wären dadurch einfach nicht mehr möglich, Freiheiten der Wohngemeinschaften nicht mehr nutzbar, sagt Pflegerin Ute Oehmig. Dadurch werde dieses alternative Wohnen der stationären Betreuung wieder ähnlicher.

Individuellere Betreuung

"Trotzdem wird kein Bewohner aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, da die Angehörigen als Betreuer immer noch entscheiden können und so ein gewisser Grad der Selbstbestimmung erhalten bleibt", sagt Katrin Koppermann. Zudem entscheide darüber nicht der Pflegedienst, sondern die Bewohner und ihre Angehörigen.

Ein Vorteil bleibe trotzdem die höhere Aufmerksamkeit, die den Bewohnern im Vergleich zu den meisten stationären Einrichtungen zukommen würde, so Koppermann.

So erzählt Ute Oehmig von einer Frau in der Wohngemeinschaft in Briesen, die inzwischen in ihren Gedanken in der Vergangenheit lebt und immer wieder erzählt, dass sie auf ihren Vater wartet und sich ansonsten nicht mehr ausdrücken kann. "Aber wenn sie meine Hand drückt, weiß ich, dass sie sich freut, dass ich da bin", ist sich die Pflegerin sicher. Auch Diakonie-Pflegedienstchefin Koppermann ist froh, dass es inzwischen Wohngruppen für Demente gibt: "Für mich bleibt das eine gute Alternative." Es sei insgesamt eine individuellere Betreuung: "Da ist mehr Leben."

In Brandenburg gibt es Alten-WGs bisher besonders häufig im Berliner Speckgürtel. Demnächst könnte es vielleicht aber auch in der Lausitz mehr solche Einrichtungen geben, denn die Politik hat das Problem erkannt. Neue gesetzliche Regelungen bieten finanzielle Zuschüsse bei der Neugründung einer solchen WG und auch eine laufende Förderung von bis zu 200 Euro pro Monat und Patient von der Pflegekasse. "Ich könnte mir vorstellen, dass es nun mehr WGs werden", sagt Pflegedienstchefin Koppermann.