ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:39 Uhr

Wettrüsten vor den Toren der Lausitz

US-Soldaten bei der großen Militärübung "Anakonda" im Juni dieses Jahres in Polen. 31 000 Soldaten aus 24 Ländern waren an dem zehntägigen Manöver beteiligt.
US-Soldaten bei der großen Militärübung "Anakonda" im Juni dieses Jahres in Polen. 31 000 Soldaten aus 24 Ländern waren an dem zehntägigen Manöver beteiligt. FOTO: dpa
Cottbus. Die Nato und Russland rüsten ihre Streitkräfte in Osteuropa auf. Was interessiert das die Lausitz? Mehr, als man auf den ersten Blick denken mag. Denn die US-Panzer, die zur Verstärkung Polens anrücken, werden auch durch die Region rollen, auf dem Weg nach Zagan (Sagan), von wo aus sie ab Januar operieren sollen. Bodo Baumert / mit dpa

In Fort Carson, Colorado, USA, werden die Koffer schon gepackt. Wobei es nicht nur Koffer sind. Denn die dort stationierte 3. Panzerbrigade der 4. Infanterie-Division hat den Marschbefehl nach Polen erhalten. Und in Koffern lassen sich die gepanzerten Fahrzeuge schwerlich transportieren. "Eine Bewegung einer solchen Panzerbrigade von den USA nach Europa hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben", berichtet Captain Kenneth Kloeppel von den Logistikern der US-Armee.

Zunächst nach Bremerhaven

Die Panzer werden per Zug und Schiff nach Bremerhaven gebracht, von dort geht es weiter. Per Zug und Militärtransport wird das gesamte Waffenarsenal dann weiter nach Polen gebracht, zunächst nach Drawsko Pomorskie in Pommern und nach Zagan (Sagan) - nahe der Lausitz. Das berichtet der Pressestab der US-Armee in Europa.

"Alles, was wir hier tun, und was wir mit den neuen Einheiten tun werden, resultiert aus den Beschlüssen der Nato von Wales und Warschau", erläutert Ben Hodges, Commander der US-Armee in Europa. Ziel der USA sei es, Aggressionen abzuwehren und die europäischen Alliierten und Partner zu verteidigen.

Auf dem besagten Nato-Gipfel im Juli hatten vor allem die baltischen Staaten und Polen in Warschau darauf gedrängt, mehr Unterstützung ihrer Nato-Partner zu bekommen. Vor dem Hintergrund der Krim-Annexion durch Russland herrschte in den Ländern große Unsicherheit.

Deutsche Truppen nach Litauen

Um so größer war dort die Zufriedenheit, als die Nato die erhofften Truppen zusagte, jeweils 1000 Mann, zusammengestellt aus den verschiedenen Nato-Mitgliedsländern. Deutschland etwa stellt den Großteil der Truppen in Litauen. "Ich denke, es gab in den vergangenen Jahren kein Ereignis, das so wichtig war wie der heutige Nato-Gipfel, wie die Tatsache, dass in Polen dauerhaftes Nato-Militär stationiert wird. Das wird Aggressoren den Wunsch auf eine Aggression gegen Polen oder andere Staaten nehmen", erklärte der polnische Innenminister Mariusz Blaszczak nach dem Treffen. Das Ziel der Aktion machte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unmissverständlich klar: "Wichtig ist, dass die Nato sich so stark aufstellt, dass klar ist, dass niemand sich einen Vorteil davon versprechen kann, dieses Militärbündnis anzugreifen."


Kritik aus Russland

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Russland kritisierte die Aufrüstungsbeschlüsse des Nato-Gipfels scharf. "Die Allianz konzentriert ihre Kräfte darauf, eine nicht existierende Gefahr aus dem Osten einzudämmen", erklärte das Außenministerium in Moskau. Es hielt der Nato eine "Dämonisierung" Russlands vor. "Von einem Kalten Krieg geht die Nato zu den Vorbereitungen für einen heißen Krieg über", beklagte der frühere Sowjetpräsident Michail Gorbatschow.

Die USA sehen ihr Engagement in Europa als Beitrag für die Nato-Partner. Entsprechend wurden bei einem weiteren Nato-Treffen in Wales zusätzliche Truppen zugesagt. Diese sollen als Rotation dauerhaft Präsenz in Polen zeigen. "Zeh an Ferse" sollen die Truppenkontingente in Polen ankommen, wie es das US-Militär ausdrückt. Sprich: Eine Einheit zieht ab, die nächste rückt sofort nach. Die Rotation soll alle neun Monate erfolgen.

Basis in Zagan

Im Januar soll es losgehen. Dann werden die Panzer in Bremerhaven erwartet. Ein Vorauskommando richtet derweil alles in Zagan und anderen polnischen Stützpunkten ein. Sie sollen der US-Panzerbrigade als Ausgangsbasen dienen. Von dort wird ein Teil der rund 4000 Mann starken Truppe weiterverlegt, nach Rumänien, Bulgarien in die baltischen Staaten. Dort sollen sie Präsenz zeigen, bis die Kontingente der Nato-Partner wie Deutschland so weit sind, ihre in Warschau gemachten Versprechen einzuhalten. Außerdem sollen die US-Truppen in Polen an Übungen der polnischen und anderen Nato-Partner teilnehmen.

Diese Übungen sind Teil des Drohszenarios, das Nato und Russland seit Monaten in Osteuropa vollziehen. Russland lässt seine Truppen unweit der Grenze zu Estland, Lettland oder Litauen trainieren. Die Nato ihrerseits übt in Polen, etwa bei der groß angelegten Übung "Anakonda" mit 31 000 Soldaten aus 24 Ländern im Sommer.

Weitere US-Truppe in Ostpolen

Weitere 1000 Mann einer US-Luftlandedivision sollen im März in Europa eintreffen. Ihr Hauptquartier soll in Illesheim in Bayern liegen. Von dort werden sie ihren Einsatz in Lettland, Rumänien und Polen versehen - als Teil der Nato-Speerspitze, die die Nato in Warschau beschlossen hat.

Der Großteil der Truppe wird in Polen stationiert. US-Verteidigungsminister Ash Carter bestätigte Ende Oktober, dass das Hauptquartier in Orzysz aufgeschlagen werde - unweit der von Militärstrategen als "Suwalki-Lücke" getauften Konfrontationslinie mit Russland. Es geht um einen schmalen Streifen Land, der zwischen Russlands Partner Weißrussland und der russischen Enklave Kaliningrad liegt. Nato-Strategen befürchten, dass Russland diesen Streifen besetzen könnte, um so die kleinen Nato-Länder Estland, Lettland und Litauen vom Rest des Nato-Gebiets abzuschließen. Verbunden mit Anti-Luft- und -Wasser-Raketen, die Russland in Kaliningrad stationiert hatte, könnte so eine Verstärkung für die militärisch schwachen Baltischen Staaten verhindert werden.

Russland weist solche Behauptungen zurück, zeigte sich aber verärgert über die Nato-Pläne in Orzysz. Russlands Nato-Botschafter Alexander Gruschko sprach gegenüber CNN von einer "Aggression", die "nicht ohne Antwort bleiben" werde. Das russische Verteidigungsministerium kündigte die Verlegung von 600 Fallschirmjägern in die Region an. Zudem wurden Iskander-Raketen nach Kaliningrad verlegt, um die dortige Militärpräsenz zu erhöhen.

Litauens Verteidigungsminister Jouzas Olekas erklärt bereits, es brauche weitere Nato-Verstärkungen für das Baltikum. Russlands Präsident Putin verstehe nur Stärke.

Was macht Trump?

Geht das Wettrüsten also weiter? Vieles ist derzeit unsicher, vor allem, weil niemand weiß, wie sich der neue US-Präsident Donald Trump verhalten wird. Im Wahlkampf hat er Sympathien für Russlands Präsidenten Putin erkennen lassen, zudem die Nato-Partner zu mehr Engagement aufgefordert. Anfang der Woche haben Trump und Putin bereits miteinander telefoniert. Trumps Seite teilte mit, der Republikaner habe Putin versichert, dass er sich auf eine starke und dauerhafte Beziehung mit Russland freue. Der polnische Präsident Andrzej Duda hatte Trump nach dessen Wahlsieg per Brief gratuliert und ihn zugleich an die Partnerschaft beider Länder und die militärischen Zusagen erinnert.

Bis zum Herbst kommenden Jahres sind diese zunächst gesichert. Der Marschbefehl für die aktuelle Panzerbrigade kam noch von der Obama-Administration. Neun Monate soll die US-Brigade in Zagan ihr Quartier haben.

Welche Truppe danach in der Rotation nach Polen komme, sei noch nicht geklärt, heißt es vom Europa-Kommando der US-Armee. Man gehe aber davon aus, dass die Präsenz fortgesetzt werde.

Zum Thema:
Wie viele Soldaten stehen sich gegenüber?Nach offiziellen Angaben für 2016 zählen die russischen Streitkräfte 770 000 Soldaten. Rechnet man Nationalgarde und Geheimdiensttruppen dazu, hält Russland gut eine Million Männer und Frauen unter Waffen. Auf der anderen Seite haben die direkten Nato-Nachbarn Russlands rund 150 000 Soldaten. Im Einzelnen zählen dazu Polen (103 000 Soldaten), Lettland (5000), Litauen (13 000), Estland (6000) und Norwegen (20 000). Reservekräfte sind auf beiden Seiten nicht eingerechnet. Alle 26 europäischen Nato-Mitglieder zusammen haben knapp zwei Millionen Soldaten. Die USA und Kanada kommen zusammen auf weitere knapp 1,4 Millionen Soldaten. Damit ist die reguläre Nato-Streitkraft mehr als dreimal größer als die russische.

Wie sieht es mit der Ausrüstung der russischen Streitkräfte aus? Russland hat nach eigenen Angaben mehr als 4800 Artilleriegeschütze und Raketenwerfer, 2870 Kampfpanzer und 10 720 Panzerfahrzeuge im aktiven Einsatz. Die Luftwaffe und die anderen Teilstreitkräfte verfügen nach dem Global Firepower Index von 2015 über 3550 Flugzeuge. Zur Marine gehören etwa 200 Kriegsschiffe und 72 U-Boote. Ein großer Teil der Ausrüstung stammt aber noch aus sowjetischer Produktion. Derzeit werden alte gegen neue Waffen ausgetauscht, deren Anteil bis 2020 auf 70 Prozent steigen soll.

Was hat die Nato dem entgegenzusetzen? Die Nato als Ganzes ist Russland militärisch bei Weitem überlegen. Allein die US-Streitkräfte verfügen über mehr als 13 000 Flugzeuge, rund 8800 Panzer und 41 000 gepanzerte Fahrzeuge. Hinzu kommen 75 U-Boote, 19 Flugzeugträger und mehr als 300 andere Kriegsschiffe.