Die Zeiten sind nicht spaßig. Für Guido Westerwelle schon länger nicht mehr. Er nimmt das 22-seitige Manuskript, an das er sich während der eineinhalb Stunden seiner Rede kaum gehalten hat, hebt es mit beiden Händen an und knallt die Seiten mit der Unterkante auf das Pult. Der Oberliberale läutet in der Bremer Stadthalle beim FDP-Bundesparteitag energisch sein großes Finale ein, mit rotem Kopf, weil er zuvor meist lautstark die rot-grüne Bundesregierung vehement gegeißelt hat. Jetzt gilt es, die letzten zehn Minuten über die Bühne zu bringen. Zehn überaus wichtige Minuten, auf die die rund 600 Delegierten irgendwie gewartet haben; in denen sich Westerwelle reumütig und perspektivisch zugleich geben muss. Er bringt seine eigene Wandlung, seine Kehrtwende zum Abschluss - die Basis dankt es ihm, allerdings mit einem kleinen Dämpfer.

Einer, der gelernt hat
Geschafft. Lang anhaltend und freundlich ist der Applaus, die Liberalen stehen auf, Generalsekretärin Cornelia Pieper gibt ihrem Vorsitzenden Küsschen links, Küsschen rechts. Guido Westerwelle hat sich der FDP neu präsentiert, seriöser und programmatischer. Vor allem aber als einer, der gelernt hat: Big-Brother-Container, Guidomobil, lächerliche 18-Aufkleber unter den Schuhsohlen oder gar die Kanzlerkandidatur - "solche Überdrehungen", wie der Mann seine Mätzchen während des Bundestagswahlkampfes im vergangenen Jahr heute einsichtig nennt, sind passé. Mit ihm nicht mehr, der Spaß ist vorbei, weil sich die Gaudi für die FDP als untauglich erwiesen hat. Das wird ihm in der anschließenden Aussprache zu seiner Rede übrigens gleich mehrfach von Delegierten um die Ohren gehauen.
"Es sind Fehler gemacht worden, die zuallererst der Vorsitzende zu verantworten hat", gibt Westerwelle reumütig bei seiner Rückschau zu. Lehrgeld habe er bezahlt, auch weil er zu sehr vertraut habe, spielt der 41-Jährige auf die für ihn unrühmliche Affäre um seinen Ex-Vize Jürgen W. Möllemann an. Dessen Namen erwähnt er mit keinem Wort, so hält er es schließlich schon seit Monaten. "Wenn es beim ersten Mal nicht gelingt, steht man wieder auf und versucht es noch einmal", brüllt der Vorsitzende dann aber in den Saal. Da ist sie, die Bitte um die zweite Chance. Die hätte er zwar sowieso bekommen, die liberalen Ereignisse der Vergangenheit sind aber eben noch nicht ganz vergessen. 2001 erhielt Westerwelle bei seiner ersten Wahl zum Vorsitzenden 90 Prozent, diesmal sind es nur 79. Ein Dämpfer, wenn auch nur ein kleiner. "Zu verschmerzen*am p*ldquo;, sagt ein Delegierter.
Ein Neuanfang ist der Parteitag zweifelsohne. Westerwelles Rede gerät zum Mix zwischen Abrechnung mit Rot-Grün ("Neuwahlen wären das beste Beschäftigungsprogramm für Deutschland"), der eigenen Reue, der eigenen Lobhudelei auf die letzten zwei Jahre ("die beste Bilanz seit der Wiedervereinigung") und der programmatischen Festlegung der FDP auf Wirtschaftsliberalismus und Reformalternative. "Keine Wahl geben wir verloren", heißt nun die Marschrichtung, die Strategie die der Vorsitzende seinen Leuten verordnet. "Ob wir das Kind 18, 12 oder 20 nennen, entscheiden wir vorher", jongliert er mit den Zahlen. Egal ist das numerisch propagierte Ziel, eigenständig soll die FDP bleiben, sich als Partei für das ganze Volk verstehen und wann immer möglich, bei Wahlen an Stimmen dazugewinnen. Es klingt nach Strategie 18 von früher, sie ist es auch irgendwi e, nur eben light und so auch nicht mehr benannt.

Ernsthaftigkeit und Normalität
Einst klang alles ja noch anders, da sollten auf unkonventionelle Weise Wählerschichten erschlossen werden, die sich sonst nicht für die FDP oder die Politik interessierten. Das hat Westerwelle nun anscheinend aufgegeben. Stattdessen gilt die solide Oppositionsarbeit mit einer neuen Ernsthaftigkeit, einer neuen Normalität. Verbal ist das bei ihm zu spüren - er spricht von Werten, von Moral, von einer "geistig-moralischen Wende", die schon 1982 von Helmut Kohl (CDU) propagiert wurde. Bei solchen Begriffen ist der Spaß wohl wirklich vorbei.