Als wäre die Aufklärung des Familiendramas von Werben (Spree-Neiße) nicht schon kompliziert genug, bahnt sich in Cottbus auch noch ein Justizkrach an. Bereits vor mehreren Tagen war der Antrag der Staatsanwaltschaft Cottbus auf Erlass eines Haftbefehls gegen den geständigen 26-Jährigen vom Haftrichter zurückgewiesen worden (RUNDSCHAU berichtete). Eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht scheiterte ebenfalls. Völlig ungeklärt ist, wie der junge Mann kurze Zeit nach der Tat schwer verletzt aus dem Krankenhaus fliehen und sich vor einen Zug werfen konnte.

"Vor dem Hintergrund, dass ein Haftbefehl nicht vorlag, waren Sicherungsmaßnahmen rechtlich nicht möglich", sagt Horst Nothbaum, Sprecher der Staatsanwaltschaft Cottbus. Derzeit wird nach RUNDSCHAU-Informationen geprüft, vor die nächste Instanz, das Oberlandesgericht in Brandenburg an der Havel, zu ziehen.

Der zuständige Cottbuser Haftrichter, Michael Höhr, weist darauf hin, dass seine Sicht jedoch bereits vom Landgericht bestätigt worden ist. Es lägen weder Flucht- noch Verdunklungs- oder Wiederholungsgefahr vor. Nur diese Gründe erlauben es, einen Verdächtigen bis zur Hauptverhandlung einzusperren. Eine mögliche Suizid-Absicht sei kein Haftgrund, heißt es auf Nachfrage beim Amtsgericht in Cottbus. Der mutmaßliche Messerstecher befindet sich bis Monatsende in einer psychiatrischen Einrichtung. "Im Rahmen des laufenden Ermittlungsverfahrens ist ein Gutachten zur Klärung der Schuldfähigkeit in Auftrag gegeben worden", erläutert Nothbaum.

Bei dem Familiendrama im August soll der 26-Jährige seinen Bruder, die Eltern und anschließend sich selbst schwer verletzt haben. Nur kurze Zeit nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus war es dem Mann gelungen, zu fliehen. Wie und unter welchen Umständen wollen weder Staatsanwaltschaft noch Amtsgericht kommentieren. Der junge Mann war vom Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum (CTK) bis zum Bahnhof gerannt. Dort hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen. Das gelang ihm nicht. Aber er erlitt weitere zum Teil schwere Verletzungen. Schließlich wurde er von der Polizei aufgegriffen und zurück ins Krankenhaus gebracht. "Niemand hat damit gerechnet, dass er in seinem körperlichen Zustand fliehen kann", sagte eine Krankenhausmitarbeiterin auf Nachfrage. Ob der Werbener nicht auch vor sich selbst hätte geschützt werden müssen, steht als Frage im Raum.

Nothbaum weist allerdings darauf hin, dass sich die Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft in der Strafverfolgung erschöpfen. Die Anordnung von "Sicherungsmaßnahmen" gehöre nicht dazu, so der Oberstaatsanwalt weiter.