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Wer waren die Jäger des Hengstes?

Als ein Steinwerkzeug gefunden wurde, intensivierten die Archäologen ihre Arbeit in diesem Bereich: 100 Kubikmeter Erdmassen wurden geborgen und gesiebt, am Fundort auf einer Fläche von 150 Quadratmetern die Erde schichtweise abgetragen.
Als ein Steinwerkzeug gefunden wurde, intensivierten die Archäologen ihre Arbeit in diesem Bereich: 100 Kubikmeter Erdmassen wurden geborgen und gesiebt, am Fundort auf einer Fläche von 150 Quadratmetern die Erde schichtweise abgetragen. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Ihre Beute war ein Wildpferd. Am Rand eines Gewässers hatten die Neandertaler den Hengst getötet, zerteilt, Kopf und Beine mitgenommen. Was zurückblieb, waren 17 Knochen und Reste von steinernen Arbeitsgeräten. Knapp 130 000 Jahre später wurden diese gefunden – bei Jänschwalde. Jürgen Scholz

Diese beiden Steinwerkzeuge sind die bislang einzigen Zeugnisse für Menschen in der Lausitz aus der Zeit, in der die Neandertaler lebten. Bislang galten 13 000 Jahre alte Stielspitzen spätsteinzeitlicher Rentierjäger aus dem Tagebau Jänschwalde als älteste menschliche Zeugnisse in Brandenburg. Im Herbst 2013 wurden die wesentlich älteren Funde erstmals präsentiert, jetzt haben die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse veröffentlicht.

Dass die Forscher überhaupt etwas finden konnten, haben sie mehreren Umständen zu verdanken. Normalerweise sind im Sand Knochen nach 1000 Jahren zersetzt. Diese Knochen aber lagen auf Eis. Unter der flachen Tundra-Landschaft mit Tümpeln und Teichen lagen riesige Eisblöcke der Saale-Eiszeit - der vorletzten Eiszeit. Als sie relativ rasch tauten, bildete sich ein See. Der Jagdplatz versank im Wasser, die Knochen wurden von einer meterhohen Sedimentschicht bedeckt. Als die Gletscher der Weichsel-Eiszeit die Landschaft abhobelten, lagen Knochen und Werkzeuge geschützt in den Tiefzonen des ehemaligen Sees. Als sich die Gletscher vor etwa 10 000 Jahren zurückgezogen hatten, ließen sie eine bis zu 15 Meter dicke Sandschicht zurück.

Die warme Phase zwischen diesen beiden letzten Eiszeiten wird Eem genannt. Tierische und pflanzliche Zeugnisse dieser warmen Periode wurden bei Klinge, am südlichen Ende des heutigen Tagebaus Jänschwalde, und bei Seese nahe Calau gefunden. Aber nie gab es Hinweise auf Menschen.

Die Vattenfall-Geologen wussten durch Bodenproben, dass es ein größeres Eem-Vorkommen bei Jänschwalde gab. Die Fläche hatte eine Ausdehnung von 500 mal 1000 Meter mit bis zu zwölf Meter mächtigem Sediment. Dafür lohnt es sich, das ganz große wissenschaftliche Rad zu drehen. Normalerweise sind Archäologen nicht dabei, wenn in dieser Tiefe gegraben wird. In diesem Fall schon. Zusammen mit Fachleuten aller relevanten Forschungsbereiche oder Einrichtungen sammelten, fotografierten und dokumentierten sie - und konnten ein Bild von der Landschaft und dem Leben darin zeichnen, als der Neandertaler in der heutigen Niederlausitz auf Jagd ging.

Einen Beitrag liefert die Pollen-Analyse. Es dominierten die Pflanzen einer Waldtundra, stellt die Berliner Geowissenschaftlerin Annette Kossler fest. Verschiedene Weidengebüsche, Moor- und Hängebirken und vor allem Sanddorn als Pionierpflanzen wuchsen dort. Dazu kamen Reste von Laichkräutern, Sauergräsern, Laubmoosen und krautigen Gewächsen wie dem Strand-Dreizack, einer Salzanzeiger-Pflanze. Nadelgehölze konnten nicht nachgewiesen werden - ihre Keimlinge sind frostempfindlich. Die Wissenschaftlerin konnte Schlussfolgerungen auf das Klima und die Landschaft ziehen: Es gab sehr seichte Gewässer, die nach langen und kalten Wintern auf dem Permafrost erhalten blieben, bis der relativ warme und trockene Sommer sie ausdörrte, erklärte Annette Kossler in dem jetzt erschienenen Band. So habe es Wasser- und Salzstellen für die Tiere gegeben, "wo ihnen der Neandertaler (…) auflauern konnte".

Dann wurde es wärmer und feuchter, die Lebensbedingungen besser, die Gewässer tiefer, wie der Fund eines mehrjährigen Hechtes belegte. Der flache See bestand nach Einschätzung von Ralf Kühner nur wenige Jahrzehnte. Dann begann das Eis darunter zu schmelzen und es entstand ein wesentlich größeres Gewässer. Einen Anstieg von 2,5 Grad in relativ kurzer Zeit - Ingo Raufuß zieht eine Parallele zum Hier und Jetzt: "Die dramatischen Auswirkungen dieser zwei Grad Celsius Erhöhung werden aktuell auf jeder Klimakonferenz diskutiert." Die Jahresdurchschnittstemperatur betrug zum Ende der Saale-Eiszeit 6,3 Grad, während der Eem-Warmzeit knapp 9 Grad. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahrzehnt betrug die Jahresdurchschnittstemperatur in Brandenburg 9,8, in Sachsen 9,2 und deutschlandweit 9,4 Grad - und war damit die höchste seit 130 Jahren. In der beginnenden Eem-Zeit wurde die Umgebung lebensfreundlicher. In den Sedimenten des Sees wurden Tausende Fische gefunden. Als bemerkenswert hebt Raufuß den Reichtum an Welsfunden in Jänsch walde hervor. "An kaum einer anderen Fundstelle ist so viel Material überliefert", erklärt er angesichts der besonderen geologischen Situation. Neben dem Fund einer außergewöhnlich kleinen Sumpfschildkröte, die auf Sommertemperaturen von mindestens 18 Grad deute, lassen die Knochenfunde eines Damhirsches Rückschlüsse auf gute Nahrungsbedingungen zu. Die Reste des dort gefundenen modernen Elchs stuft Raufuß als "die ältesten Funde dieser Spezies in Mitteleuropa" ein.

Der Aufwand war enorm: 36 000 Quadratmeter wurden aufgeschlossen, durch das schichtweise Vorgehen 112 Hektar abgetragen. Sandiges Substrat wurde gesiebt, Schluff- und Tonschichten geschlämmt, Testquadrate per Hand gegraben. Dazu kam die Arbeit im laufenden Tagebau. Nachdem der Vorschnitt bis zu 20 Meter Boden abgetragen hatte, blieben den Forschern nur bis zu 48 Stunden für die etwa zwölf Meter breiten Streifen. Deshalb kam ein Kettenbagger zum Einsatz, sodass "aufgrund der feinen Lamellenstruktur des Eemschluffs selbst empfindlichste Funde wie Birkenblätter mit dem Bagger entdeckt und freigelegt werden konnten", wie Marcus Schneider beschreibt. Danach blieb mehr Zeit, bis die Förderbrücke herankam. Teilweise wurde der Abraum in großen Säcken gesichert. Auf diese Weise wurde knapp einen Monat nach dem Fund des Kernsteins zum Zerteilen des Fleisches auch das Fragment des Schabers entdeckt - beim Sieben von 100 Kubikmetern Sediment, wie der Archäologe Klaus-Peter Welcher erläutert. Dass die fünf bis sechs Zentimeter kleinen Werkzeuge liegen gelassen wurden, hat einen einfachen Grund: Das Rohmaterial war nicht besonders gut und die Möglichkeiten der Formgebung nach mehrmaliger Bearbeitung ausgeschöpft, schätzt der Archäologe Karl-Uwe Heußner ein.

Rätsel gibt aber noch ein etwa 73 Zentimeter langer Zweig auf. Der Ast war in drei Teile zerbrochen, wobei bei einem Teil wegen der zugespitzten Form der Eindruck einer Speerspitze entstehen könnte, wie Gerlinde Bigga einräumt. Aber es gibt keine Bearbeitungsspuren an der Tanne, die zu dieser Zeit an diesem Ort nicht vorkam. Das Westufer des Sees könnte ein saisonaler Jagdplatz in den Sommermonaten gewesen sein, vermutet der Lausitzer Archäologe Eberhard Bönisch, der Holzstab sei vielleicht als Gelegenheitswerkzeug mitgebracht worden.

Zum Thema:
Etwa vor 130 000 bis 150 000 Jahren beherrschte die Saale-Eiszeit Ost- und Mitteleuropa, bis sich das Klima vor etwa 129 000 Jahren zu erwärmen begann - und zwar relativ rasch. Bereits vor etwa 127 000 Jahren begann eine Warmzeit (Eem), die etwa 12 000 Jahre andauerte, bevor die Weichseleiszeit bis vor etwa 13 000 bis 10 000 Jahren in verschiedenen Stadien die Lebensbedingungen gravierend veränderte und die Oberfläche der Lausitz von heute schuf. Die "Ausgrabungen im Niederlausitzer Braunkohlenrevier" werden herausgegeben vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und dem Archäologischen Landesmuseum und sind dort sowie im Buchhandel für 16 Euro erhältlich.