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| 02:41 Uhr

"Wer soll jetzt noch nach Meuro kommen?"

Während zu Veranstaltungen auf dem Lausitzring der Camping-Platz von Gudrun Klatt immer voll ist, kommen in der übrigen Zeit wenige Gäste.
Während zu Veranstaltungen auf dem Lausitzring der Camping-Platz von Gudrun Klatt immer voll ist, kommen in der übrigen Zeit wenige Gäste. FOTO: Brautschek
Klettwitz. Der Verkauf des Lausitzrings bewegt. Nicht nur Motorsportfans fürchten um hochkarätige Veranstaltungen. Viele Unternehmer aus der Region bangen nun um ihre Existenz. Anja Brautschek / abh

Die Sonne brennt auf dem Asphalt. Ein paar Schulkinder radeln die Meuroer Straßen entlang und genießen die ersten Ferientage. Gudrun Klatt wartet entspannt am Imbisstand auf ihre Gäste. Immer wieder lässt die 70-Jährige den Blick über die Straße schweifen. Eine Familie samt Kind und Kegel hat sich angekündigt, um ein paar Tage auf dem Zeltplatz zu verbringen, den Gudrun Klatt seit 2000 leitet. In "Michas Race Camp" werden es an diesem Tag die einzigen Gäste bleiben.

In den Sommermonaten kommen nur wenige Besucher zu ihr, erzählt sie. "Ich lebe einzig vom Lausitzring. Bei großen Veranstaltungen ist der Platz voll", sagt sie. Events wie die DTM, das Reisbrennen, die Superbike-Weltmeisterschaft oder Konzerte beleben die gesamte Region. Die Abschiedstournee der Böhsen Onkelz 2005 zog mehr als 100 000 Besucher auf den Lausitzring - und in die umliegenden Dörfer und Städte. "Im Einkaufsmarkt gab es keinen einzigen Einkaufswagen mehr. Ganz Meuro war voll", erinnert sich Gudrun Klatt. Und auch heute noch ziehen die Motorsportveranstaltungen Zehntausende an einem Wochenende in die Region. Die positiven Effekte daraus sind auch in Senftenberg, Hoyerswerda und sogar Cottbus zu spüren.

Nun fürchten viele Unternehmer, Händler und Gastronomen mit dem Verkauf des Lausitzrings an die Dekra ein Aus für diese Großveranstaltungen - und damit den Verlust wichtiger Einnahmequellen. Die Dekra selbst will den Lausitzring als innovatives Testzentrum für automatisiertes Fahren umbauen und selbst nicht als Veranstalter von Motorsport-Events auftreten. Dass es auch weiterhin solche Veranstaltungen geben wird, werde allerdings nicht ausgeschlossen, wenn Dritte die Organisation übernehmen. Doch Gudrun Klatt befürchtet: "Wenn die Geisterstadt erst einmal steht, wird es so etwas bestimmt nicht mehr geben."

Dabei hat Gudrun Klatt mit ihrer Familie den Zeltplatz über die Jahre in eine kleine Oase verwandelt. Der Rasen leuchtet satt grün. Durch die Bäume kann man die Scheinwerfer des riesigen Lausitzring-Parkplatzes erahnen. Nur die Straße trennt den Campingplatz von der Motorsportanlage. 25 Stellplätze kann Gudrun Klatt den Gästen auf ihrem Gelände bieten. Im kleinen Bungalow finden sich Waschräume, Duschmöglichkeiten und Toiletten. Einfach, aber alles Notwendige ist vorhanden. "Ohne den Lausitzring hätten wir dieses Grundstück gar nicht gekauft", erklärt sie.

Ähnlich ergeht es Wolfgang Conrad im Nachbarort Hörlitz. Pünktlich zur Lausitzringeröffnung am 20. August 2000 weihte er sein Campotel ein. "Wir haben es nur wegen des Lausitzrings eröffnet. Das Campotel ist für uns eine wichtige Ergänzung des Unternehmensportfolios", sagt der Unternehmer und ergänzt: "Die jetzige Entwicklung bedeutet für uns einen großen Einschnitt."

Auch er fürchtet, dass mit der Umgestaltung die großen Besucherströme verschwinden. Gleichzeitig werden aus seiner Sicht die Potenziale des Lausitzrings nicht ausgeschöpft. Denn in der Region ist das eine einmalige Anlage, die Touristen und Besucher anlockt. "Von der Haupttribüne aus kann man 95 Prozent der Strecke einsehen. So ein Ausblick ist selten", erklärt Wolfgang Conrad. Doch wie soll die Haupttribüne gefüllt werden, wenn das Gelände als Testzentrum umgebaut wird? "Ich bin enttäuscht darüber. So ein Testzentrum hätte man aus meiner Sicht auch auf einer Brachfläche errichten können."

Jahrelang haben Bürger, Unternehmer, Politiker und eine Bürgerinitiative für die Eröffnung gekämpft und den Lausitzring unterstützt. In der Region hat er sich als wichtiger Imageträger etabliert. Auch Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland, sieht den Verkauf aus touristischer Sicht kritisch: "Der Lausitzring ist zwar nicht die einzige Attraktion im Seenland. Aber damit geht ein wichtiger Baustein verloren, der Bekanntheit für das Seenland gebracht hat." Auch abseits der Großveranstaltungen haben Testfahrten, Firmenveranstaltungen oder die zahlreichen Freizeitangebote Besucher in die Region gezogen. Nicht nur Hotels, Pensionen und Gastronomen, auch Einkaufsmärkte und Händler profitieren davon. Viele haben sich darauf eingestellt, internationale Webseiten errichtet, den Lausitzring im Firmennamen einbezogen oder Marketingstrategien danach ausgerichtet. Das müsse nun angepasst werden. "Das wird sich im kommenden Jahr auch in den Übernachtungszahlen niederschlagen", schätzt Kathrin Winkler ein.

Marcus Hirrig, Geschäftsführer des Gasthofes in Meuro, sieht jedoch vorerst keinen Grund zur Sorge. "Ich bin froh, dass es mit dem Lausitzring weitergeht. Ein Betreiberwechsel muss ja nicht immer negativ sein", erklärt er. Denn: Die Dekra will investieren. Rund 30 Millionen Euro sollen in einem ersten Schritt für den Aufbau des Testzentrums einfließen. "Es fließt Geld in die Region. Und das sehe ich prinzipiell erst einmal positiv", sagt Marcus Hirrig. Auch die Wand in seinem Gasthof ziert ein Streckenplan des Lausitzrings. Das entstehende Testzentrum soll auch künftig Besucher und Angestellte in die Region ziehen. Geplant ist seitens der Dekra bislang, dass Schulungen mit bis zu 500 Teilnehmern pro Tag angeboten werden sollen. Teilnehmer, die in der Region vielleicht auch übernachten, Essen gehen oder einkaufen.

"Die Dekra ist ein seriöser Investor, der schon lange am Lausitzring erfolgreich aktiv ist. Das Vorhaben der Dekra ist die große strategische Chance für die Lausitz, zu einem zentralen Standort für die Entwicklung des autonomen Fahrens und der Elektromobilität zu werden", sagt Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus. Firmen aus dem In- und Ausland können damit in der Lausitz gute Bedingungen finden, sich mit der Zukunft der Mobilität zu beschäftigen. "Für in die Lausitz kommende junge Ingenieure und Fachkräfte gilt es, ein attraktives Umfeld zu schaffen. Nicht zuletzt bieten sich neue Möglichkeiten für die BTU Cottbus-Senftenberg, gemeinsam mit der Dekra zukunftsweisende Forschungsprojekte im Bereich der Mobilität zu entwickeln", fügt Wolfgang Krüger hinzu.

Wolfgang Conrad blickt dennoch in eine ungewisse Zukunft für sein Campotel. Er erreicht im kommenden Jahr das Rentenalter. Das Campotel wollte er weiterführen - auch wegen der Stammgäste, die zu den Saison-Höhepunkten jedes Jahr aus ganz Deutschland anreisen. Die motorsportbegeisterte Gemeinschaft ist vielerorts über die Jahre zu einer kleinen Familie zusammengewachsen. Dennoch spielt Wolfgang Conrad nun mit dem Gedanken, das Campotel im kommenden Jahr aufzugeben. Gudrun Klatt hingegen wird das Race Camp so lange wie möglich weiterführen. Unsicher ist sie dennoch: "Wer soll jetzt noch nach Meuro kommen?" Doch auch abseits des Lausitzrings habe die Region einiges zu bieten. Der Silbersee bei Annahütte spricht Erholungssuchende an und auf den Radwegen gibt es rund um den Lausitzring viel zu entdecken. Auch der Senftenberger See ist nicht weit entfernt.

Zum Thema:
Hochkarätige Veranstaltungen wie die DTM, die Superbike-Weltmeisterschaft oder das Red Bull Air Race lockten zahlreiche Besucher in die Region. Insgesamt 375 000 zählte der Lausitzring im vergangenen Jahr. Damit kann der Lausitzring einen Zuwachs an Besucherzahlen verzeichnen. Denn 2015 wurden in der Klettwitzer Anlage 311 700 Besucher gezählt. 2014 waren es rund 298 000 Zuschauer. In diesem Jahr stehen noch das Reisbrennen (4. bis 6. August), die Superbike WM (18. bis 20. August), Tough Mudder (9. bis 10. September) und das Red Bull Air Race (16. bis 17. Septemer) an. Die DTM plant trotz Verkauf auch für 2018 ein Rennen auf dem Lausitzring.