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Wer soll das bezahlen?

Ist das die Zukunft der Lausitz? Wüste, wenige Menschen? Oder Aufbruch zu neuen Ufern. Im Bild: moderne Architektur zu Wassser und an Land am Geierswalder See.
Ist das die Zukunft der Lausitz? Wüste, wenige Menschen? Oder Aufbruch zu neuen Ufern. Im Bild: moderne Architektur zu Wassser und an Land am Geierswalder See. FOTO: Frank Hilbert
Gastbeitrag. Flächendeckend gleichwertige Lebensbedingungen zu erhalten, wird immer schwerer zu erreichen sein. Und vor allem teuer werden. Für alle. Von einem Teufelskreis spricht Christian Böllhoff von der Prognos AG in seinem Beitrag. Christian Böllhoff

Lange interessierte der demografische Wandel vor allem uns Zukunftsforscher. Seit Kurzem ist er auch in der Politik und den Medien angekommen - endlich. Denn seine Bedeutung für fast alle Bereiche unseres Alltags ist kaum zu überschätzen. Er wird uns auch dazu zwingen, neu über die Nutzung von Infrastruktur und deren Finanzierung nachzudenken. Je stärker die Bevölkerung schrumpft, desto häufiger werden wir entscheiden müssen, ob wir uns Infrastruktur in den ländlichen Regionen noch leisten wollen - und, wenn ja, wer die Kosten trägt. Dies betrifft Schulen und Krankenhäuser ebenso wie das schnelle Internet, die Abwasserbeseitigung oder die Müllabfuhr. Die Menschen zieht es in die Städte. In den dünner besiedelten Regionen hingegen wird es immer weniger Bewohner geben. Und dort, wo nur Wenige die Infrastruktur in Anspruch nehmen, wird sie für den Einzelnen teurer, weil die Kosten nur noch auf Wenige verteilt werden. Ein Teufelskreis beginnt. Das Ziel, flächendeckend gleichwertige Lebensbedingungen zu erhalten, dürfte unter diesen Umständen immer schwerer zu erreichen sein, sie noch neu zu schaffen, gar unmöglich.

Hoffnung bringt - wie so oft -zunächst der technische Fortschritt. Lange wurde versucht, auch dünn besiedelte Gebiete zu fast hundert Prozent an zentrale Systeme anzuschließen. Künftig werden stattdessen immer häufiger dezentrale, innovative und angepasste Lösungen zum Einsatz kommen. Entsprechende Entwicklungen bei Filter- und Speichertechnologien lassen hoffen. Und vielleicht wird eines Tages eine Postdrohne den Briefträger ersetzen, vielleicht wird auch der Müllwagen künftig die Brötchen und die Pakete ins Dorf bringen. In der klugen Logistik und Zusammenfassung von Dienstleistungen liegen noch große Potenziale, die Überlegungen der Unternehmen gehen hier schon weiter als die Fantasie der Politik. Hinzu kommen Ansätze, Infrastrukturdienstleistungen und Dienstleistungen der Daseinsvorsorge eigenverantwortlich und genossenschaftlich zu erbringen.

Doch am Ende bleibt es bei allen innovativen Ansätzen bei der Grundsatzfrage: Wer soll das bezahlen?

Möglichkeit eins: Bewohner dünner besiedelter Räume müssen künftig mehr zahlen und/oder geringere Standards in Kauf nehmen. Verursachergerechte Kosten könnten sich beispielsweise innerhalb einer Kommune in unterschiedlichen Müll- oder Wassergebühren widerspiegeln, stoßen aber erfahrungsgemäß auf Akzeptanzprobleme. Dies gilt ebenso für unterschiedliche Standards bzw. Versorgungsgrade: Dann befände sich der Kindergarten vielleicht im übernächsten Ort, das Internet auf dem Berg wäre dauerhaft langsamer als im Tal und das Abwasser ginge in den dörflichen Klärteich. Ein Modell, das allerdings nur bis zu einer gewissen "Schmerzgrenze" funktioniert, denn irgendwann sinken die Standards dann doch unter eine hinnehmbare Schwelle.

Möglichkeit zwei: Die Politik hält weiterhin am Anspruch fest, technische und soziale Infrastrukturen auch in dünner besiedelten Regionen "zu jeder Zeit an jedem Ort zum gleichen Preis" zur Verfügung zu stellen. Doch einheitliche Standards für alle bedeuten höhere Preise für alle. Für alle. Auch für jene, die in den dichter besiedelten Gebieten gar nicht für die Kosten verantwortlich sind. Je weiter aber die räumlichen Disparitäten voranschreiten, desto mehr werden urbane Räume die Kosten für die ländlichen Räume tragen müssen.

Augenscheinlich ist: Beide Lösungen wollen so gar nicht dem Gerechtigkeitsempfinden entsprechen. Irgendjemand zahlt einen hohen Preis - so oder so. Der demografische Wandel indes ist nicht wegzudiskutieren. Wer ihn negiert, etwa mit dem Hinweis, man könne ihm mit höheren Geburtenraten entgegenwirken, dem darf unterstellt werden, dass er an der Wählerstimme mehr interessiert ist, als an langfristiger politischer Gestaltung. Gewiss wünscht sich die Politik dankbarere (Wahlkampf)themen, zumal sich die Erfolge heutigen Handelns erst einige Legislaturperioden später zeigen. Doch das Thema gehört dringend auf die Agenda, betrifft es doch die wichtigste Aufgabe von Politik: Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gemeinsam mit der Bevölkerung den Wandel zu gestalten, statt sie ihm auszuliefern. Liebe Politik, wir müssen reden.

Zum Thema:
Christian Böllhoff ist Geschäftsführender Gesellschafter und Mitglied des Verwaltungsrates der Prognos AG. Bereits seit 2000 ist er für die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck in verschiedenen Führungspositionen tätig. So war er Geschäftsführer des Handelsblatts und Sonderbeauftragter für Hauptstadtprojekte der Gruppe, bevor er im Oktober 2003 zum Geschäftsführer der Prognos AG berufen wurde. Darüber hinaus engagiert sich Christian Böllhoff als Mitglied des Hochschulrats der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung und als Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Berlin.

Zum Thema:
Die Prognos AG ist ein Beratungs- und Wirtschaftsforschungsunternehmen, das im Jahr 1959 in Basel gegründet wurde. Dort befindet sich auch immer noch der Unternehmenshauptsitz, mittlerweile gibt es sechs weitere Standorte, unter anderem in Berlin. Rund 150 Mitarbeiter arbeiten für Prognos, hauptsächlich Wissenschaftler aus Wirtschafts-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften. Auftraggeber sind Unternehmen und öffentliche Institutionen aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, für die die Prognos AG Analysen und Zukunftsprognosen entwickelt. Weitere Themenfelder sind Energie und Klimaschutz sowie Infrastruktur und Verkehr.