„Ich weiß ja auch nicht, ob man als Handwerker hier noch eine wirkliche Chance hat“ , sagt der Cottbuser Jens Schwertner, 35. „Aber wenn ich es nicht wenigstens versuche, werde ich es nie rauskriegen.“ Also hat der Maler vor drei Monaten allen Mut zusammengenommen und sich bei der IHK als Kleinunternehmer angemeldet. „Dekorative Wandbeschichtungen, Tapezierarbeiten, Verlegung von Bodenbelägen“ bietet er an, genau das eben, was er gelernt hat. Maler steht in seinem Gesellenbrief, Malerbetrieb allerdings darf die junge Firma nicht genannt werden. Tücken der Handwerksordnung.
Nach der Lehre war der Cottbuser zunächst in den Westen gegangen. Nach Stuttgart, „denn da kannst du als Lausitzer nicht über die Straße gehen, ohne alte Freunde zu treffen. Es ist schon fast erschreckend, wie viele Leute aus Cottbus dort gelandet sind.“

Bürokaufmann als Alternative
Als er zur Bundeswehr eingezogen wurde, nutzte der Maler die Zeit, um eine Zusatzausbildung zum Bürokaufmann zu machen. „Ich dachte, das wäre mal eine gute Alternative. Aber in dem Beruf hast du es als Mann total schwer.“ Also ging er wieder auf den Bau, blieb zunächst in der Region und arbeitete immer dann, wenn die Firmen genügend Aufträge hatten. In einer längeren Flaute-Phase qualifizierte er sich als Buchhalter, absolvierte ein dreimonatiges Praktikum in einem großen Möbelhaus. „Die hätten mich auch gerne fest angestellt. Wäre ein super Job gewesen.“ Für den er allerdings hätte pendeln müssen.
Ein Angebot aus Cottbus schien ihm attraktiver. „Aber die Firma ging den Bach runter und ich saß auf der Straße.“ Also heuerte er wieder in Stuttgart an, fand ein Team, in dem er gerne arbeitete und wäre beinahe im Westen sesshaft geworden. Die Freundin aber wollte partout nicht aus Cottbus weg. Eine Fernbeziehung auf Dauer war beiden zu teuer und zu anstrengend. So wuchs der Gedanke, sich in der Lausitz eine Existenz aufzubauen.
„Klar wird mir schon manchmal bange“ , sagt Schwertner. „Wenn ich ins Branchenbuch gucke, finde ich Konkurrenz seitenweise. Und ich weiß auch, wie viele Kollegen versucht haben, sich mit einer Ich-AG selbstständig zu machen. Die meisten sind längst wieder in der Versenkung verschwunden.“
Der Maler wird vom Arbeitsamt mit einem Gründerzuschuss von monatlich 300 Euro unterstützt. „Davon kann ich die Krankenkasse und meine Versicherungen zahlen. In der Regel bekommt man den Zuschuss für neun Monate, danach muss sich der Betrieb tragen.“ Hilfreich dabei wird ihm seine Einstufung als Kleinunternehmer sein. Als solcher ist er von der Umsatzsteuer befreit, muss auch von den Kunden keine Mehrwertsteuer verlangen. So bleiben seine Preise konkurrenzfähig.
Jens Schwertner ist zuversichtlich, die ersten Monate sind gut angelaufen. „Ich setze komplett auf kleine private Kunden. Alte Leute, die nicht mehr selbst renovieren können. Familien, die wegziehen und ihre Wohnung herrichten müssen. Oder Leute, die sich aus dem Fernsehen ihre Ideen zur Wohnungsgestaltung holen und ihre Pläne nicht selbst umsetzen können oder wollen.“
Allein durch Mundpropaganda hat er in den ersten Monaten seine Kunden gewonnen, „und bisher waren auch alle sehr zufrieden. Ich nehme mir eben Zeit für jeden Auftrag, tanze nicht auf drei Hochzeiten gleichzeitig und will solide Arbeit abliefern.“ So nämlich verstehe er seinen Job. Klasse statt Masse, mit Ruhe an die Sache rangehen und auch mal ungewöhnliche Sachen ausprobieren. „Ein Kunde aus Burg wollte unbedingt einen Lehmputz auf seine Gipskartonwände. Da musste ich schon lange im Internet suchen und mich umhören, wie das funktioniert.“

Mit sich und seiner Arbeit im Reinen
Von dem Ergebnis des Experiments ist Jens Schwertner selbst begeistert. „Und das ist das Tolle an dem Beruf. Da ist man schon so lange dabei und kann trotzdem immer noch neue Techniken und Materialien kennen lernen. Man entwickelt sich weiter, ist mit sich und seiner Arbeit im Reinen und spürt auch bei dem Kunden Zufriedenheit.“
Nur manchmal, da kriecht die Angst in ihm hoch. Wenn das Telefon allzu lange nicht klingelt und keine neuen Aufträge reinkommen. Dann muss er den Verstand einschalten und sich sagen: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wenn ich nicht ausprobiere, ob die Selbstständigkeit funktioniert, werde ich mich doch ein Leben lang ärgern. Und zu verlieren habe ich nichts. Wenn ich scheitere, ist es immer noch früh genug, wieder in den Westen zu gehen.“ Doch noch sieht er positiv in die Zukunft. „Ich will kein Haus und keinen dicken Mercedes, ich will nur das verdienen, was wir zum Leben brauchen. Und das werde ich schon schaffen.“