ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:29 Uhr

Wer lernt gern, lernt freiwillig?

Sollen es Noten sein oder Leistungseinschätzungen?
Sollen es Noten sein oder Leistungseinschätzungen? FOTO: Ina Fassbender (dpa)
Cottbus. Sind Schulnoten noch zeitgemäß? Sind individuelle Einschätzungen besser? Muss die Schule generell hinterfragt werden? Darüber streiten sich die Geister. Peter Blochwitz

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GWE) hat kürzlich einen schon länger schwelenden Streit befeuert: Sie fordert die Abschaffung der Zensuren in der Schule, plädiert stattdessen für individuelle Einschätzungen. Für den daraufhin von der RUNDSCHAU befragten Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sind dagegen Schulnoten "alternativlos". Der Gymnasiallehrer aus Bayern sagt: "Ich habe großes Verständnis dafür, dass man in den ersten Jahrgangsstufen auf Noten verzichtet und sich mit Leistungseinschätzungen behilft. Da geht es um Grundkenntnisse, die man auch mit einer schriftlichen Bewertung im Grundsatz erfassen kann. Spätestens ab der dritten Klasse werden Noten aber wichtig, nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Orientierung für den Übertritt in weiterführende Schulen darstellen."

Aber: Etwa die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny fragt sich, wie es sein kann, dass schon kleine Kinder die Lust am Lernen verlieren, dass sich Eltern und Lehrer vollkommen ohnmächtig fühlen, dass eine Sortierung in Haupt-, Real- oder Gymnasialschüler wichtiger ist als die individuelle Förderung eines jeden Kindes. Sie sieht ein Grundübel des deutschen Schulsystems darin, dass die Noten im Vordergrund stehen, und hat ihre Gedanken in dem Buch "Was wir unseren Kindern in der Schule antun ... und wie wir das ändern können" zusammengefasst. Noten sollten so spät und so sparsam wie möglich vergeben werden, sagt Czerny, die auch schon strafversetzt wurde, weil sie zu gute Zensuren vergeben hatte.

"Wir müssen jedes Kind zum Erfolg führen", erklärt sie "Ich wehre mich dagegen, dass es dumme Kinder geben muss." Deswegen vertritt sie die Meinung, dass Noten ein Übel sind.

Die Freude am Lernen sollte im Vordergrund stehen, so Czerny. Verbreitet sei aber das "Bulimie-Lernen", bei dem die Schüler Wissen in sich reinstopfen, auf Kommando ausspucken - und dann wieder vergessen.

Gegen das stumpfe Auswendiglernen wendet sich auch immer wieder der Neurobiologe und Lernforscher Prof. Gerhard Hüter. Eine seiner Thesen: "Hochbegabung ist mehr als gute Schulnoten." In jedem Kind stecke eine Vielzahl von Anlagen, aber nur ein Bruchteil davon werde entdeckt und komme zum Tragen. Dafür müsse man ihnen "Spielräume schaffen, Freiräume in denen sie nicht mit Erwartungen, Absichten Zielen oder Ideen von außen konfrontiert werden." Schule wolle immer messen. Aber das, was man messen könne, sei nicht das, worauf es ankäme. Schule müsse komplett neu gedacht und organisiert werden.

Denkansätze können zu neuen Handlungsansätzen führen. Das Thema ist natürlich äußerst komplex, es bleibt immer noch die Frage der Bewertbarkeit.

Bettina Gulbin, Leiterin der Traugott-Hirschberger-Grundschule Lübbenau, verweist darauf, dass Eltern regelrecht auf Zensuren warten und Beurteilungen eher skeptisch gegenüberstehen. "Sie fragen dann: ,Muss ich sie wie eine Beurteilung im Berufsleben lesen, also zwischen den Zeilen?' Und später kommt ja auch die Frage: Wonach guckt die Wirtschaft?"

In diese Kerbe schlägt auch Heinz-Peter Meidinger, der Chef Philologenverbandes: Notenzeugnisse sind Grundlage für eine Lehrstellenbewerbung oder einen Studienplatz. Die Firma oder Universität möchte ich sehen, die sich in einer Welt ohne Noten durch schriftliche Einschätzungen kämpft und danach wesentlich schlauer ist, was der Einzelne kann oder nicht. Eine Zwei in Deutsch hat nun mal eine bestimmte Aussagekraft."

Die Forderung, die Zensuren abzuschaffen, kann nur die Meinung der Gewerkschaftsspitze sein, denkt Simone Richter, Lehrerin für Deutsch, Mathematik und Musik an der Wilhelm-Nevoigt-Grundschule Cottbus. "Zensuren sind nun mal gesellschaftlich anerkannt", stellt sie fest. "Sie bereiten ja die Kinder auch auf die Leistungsgesellschaft vor. Zum Stichwort Auswendiglernen sagt sie: "Natürlich wird vieles wieder vergessen, aber es bleibt auch immer etwas hängen. Es kommt doch darauf an, das Wissen anzuwenden."

Auch Hartmut Schmidt, Leiter der Robert-Reiss-Oberschule Bad Liebenwerda, sieht hinsichtlich der Zensuren keinen Diskussionsbedarf: "Sie zeigen deutlich, wo man steht."

Ilona Seliger, Fachleiterin für den musisch-künstlerischen Bereich am Lessing-Gymnasium Hoyerswerda, ergänzt: "Die Kinder wollen ja auch Noten, sie wollen klar bewertet werden." Eine Abschaffung der Zensuren kann sie sich daher nicht vorstellen."

Lernforscher Gerhard Hüter beharrt darauf, dass die Schule den Kindern an allererster Stelle die Freude am Lernen mitgeben sollte. Die Schüler müssten sich Wissen selbst aneignen wollen. Aber das deutsche Schulsystem sei nicht dafür ausgelegt, lernfreudige Schüler auszubilden. Nach der Grundidee des deutschen Bildungssystems, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, galt es, Wissen anzuhäufen, um später, im Berufsleben, zu funktionieren. Die Zukunft der Arbeitswelt bestehe aber aus Problemlösern, kreativen Köpfen, Querdenkern. Die wissen, wann und wo sie welches Wissen brauchen, wo sie es finden, wie sie es anwenden. Und dazu müssen sie Lust haben, ständig zu lernen.

Und diese Lust vermittelt die Schule nicht? Ist sie tatsächlich nicht mehr zeitgemäß? Muss vielleicht über das Bildungswesen grundsätzlich nachgedacht werden? Müssen wir dann aber nicht auch über die Gesellschaft nachdenken?