Vor 14 Tagen in Bernsdorf im Landkreis Kamenz: Ein Ford kommt von der Straße ab. Der Wagen prallt gegen die Friedhofsmauer, kippt auf die rechte Seite. Die 79-jährige Beifahrerin stirbt an der Unfallstelle. Der 69-jährige Fahrer kommt schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Unfallursache bleibt ungeklärt. Ein Einzelfall?
Ein Blick in die Statistik der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien für 2005 zeigt: An jedem vierten Unfall waren über 60-Jährige beteiligt. Uwe Horbaschk, Sprecher der Polizeidirektion, verweist auf die demographische Entwicklung: „Die Bevölkerung wird eben immer älter.“ Die Polizei nehme die steigende Zahl von Unfällen mit Senioren aber nicht einfach so hin. Horbaschks Kollege Herbert Thomaschke von der Abteilung Prävention: „Wir bieten Senioren Schulungen über Sicherheit im Straßenverkehr an.“ Außerdem gehe die Polizei mit einer Puppenbühne in ländliche Regionen, um typische Verkehrssituationen für die Rentner auf heitere Art nachzustellen.

Zahl der Todesopfer nimmt zu
Vorfahrt missachtet, zu wenig Abstand gehalten - das sind laut Statistik des Schutzbereichs Spree-Neiße/Cottbus die häufigsten Unfallursachen mit Beteiligung der „Risikogruppe Senioren“ . Um 2,6 Prozent stieg die Zahl der Unfälle mit älteren Menschen im vergangenen Jahr gegenüber 2004, landesweit sogar um 6,6 Prozent. 57 Unfallbeteiligte starben 2005 in Brandenburg, 39 Prozent mehr als im Vorjahr.
Auch die Polizei in Südbrandenburg reagiert auf den erschreckenden Trend. Dietmar Hoffmann, Leiter des Sachgebiets Prävention, verweist auf Vorträge und Gesprächsrunden zum Thema „Verhalten im Straßenverkehr“ und „Sicherheit rund ums Auto“ . Zudem gebe es Ende April zum zweiten Mal einen Verkehrssicherheitstag für Senioren auf dem Flugplatz in Welzow (Spree-Neiße). Vergangenes Jahr kamen um die 40 Rentner.
„Ich habe dort gelernt, beim Abbiegen zügiger zu beschleunigen“ , erzählt Dr. Hardi Stange. Der 76-jährige Welzower ist mit Ehefrau Edith oft im Auto unterwegs - in einem Peugeot mit 136 PS, Automatikgetriebe und Tempomat. Das Ehepaar unternimmt Fahrten zu den Kindern in Senftenberg und Berlin, zum Facharzt, den es in Welzow nicht mehr gibt, zum Einkaufen nach Cottbus oder Dresden. Auch in den Urlaub fahren die Stanges mit ihrem Auto. Sie lösen sich beim Fahren ab. Beide fühlen sich sicher hinterm Steuer.

Immer kürzere Strecken
Edith Stange, die im Welzower Seniorenbeirat tätig ist, kennt aber auch ältere Mitbürger, die in Cottbus den nächstbesten Parkplatz am Stadtrand ansteuern und lieber mit Bus oder Straßenbahn weiterfahren. Petra Pulvermüller von der sächsischen Landesverkehrswacht beobachtet, dass Senioren ihren Fahrradius mit den Jahren immer weiter einschränken. „Am Ende fahren sie nur noch zur Kaufhalle und zum Arzt.“ Die Verkehrsteilnehmerschulung der Verkehrswacht in den Landkreisen, die Projekte „älterer aktiver Kraftfahrer“ und ältere Menschen als „Fußgänger im Kraftverkehr“ würden „unheimlich stark nachgefragt“ , so Petra Pulvermüller.
Äußerst heikel sei es, älteren Menschen nahezulegen, aufs Auto zu verzichten, weil sie zu einer Gefahr werden könnten. „Da sind sie sehr empfindlich!“ Die Frau von der Verkehrswacht verweist auf die Abhängigkeit älterer Menschen vom Auto gerade auf dem Land. „Es würde unsere Gesellschaft Milliarden kosten, den Senioren all das ins Haus zu bringen, was sie sich dank ihres Autos noch selbst besorgen können.“
Eine rechtliche Handhabe, Senioren den Führerschein abzunehmen, gebe es eh nicht, so Klaus Nothing, Leiter des Straßenverkehrsamtes im Landkreis Oberspreewald-Lausitz (OSL). Wenn aber Polizei, Angehörige oder ein Arzt einen begründeten Hinweis geben, „dürfen wir den Betreffenden auffordern, seine Fahrtüchtigkeit nachzuweisen“ . Dazu könne er sich beim Amtsarzt vorstellen. Stellt sich der Senior danach immer noch quer, könne die Behörde ein „Entziehungsverfahren“ einleiten. Bei 50 älteren Menschen musste das Straßenverkehrsamt im vergangenen Jahr feststellen, dass sie nicht mehr fahrtüchtig sind. 20 von ihnen gaben ihren Führerschein heraus, 30 musste die Behörde einziehen.

Hintergrund Alter steigt an
  Aufgrund der demographischen Entwicklung stieg der Altersdurchschnitt in den südbrandenburgischen Landkreisen sowie in der Stadt Cottbus von 2000 bis 2004 um etwa zwei Jahre an.
In Cottbus lag das Durchschnittsalter Ende 2000 bei 41 Jahren, Ende 2004 schon bei 43,1 Jahren. Im Oberspreewald-Lausitzkreis stieg es im gleichen Zeitraum von 42 auf 44,5 Jahre, im Kreis Spree-Neiße von 41,4 auf 43, 8 Jahre, im Elbe-Elster-Kreis von 42,1 auf 44,1 und im Landkreis Dahme-Spreewald von 41, 7 auf 43,5 Jahre.