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Wenn Selbstverteidigung zum Angriff wird

Claude Weiland, Leiter der Budo Akademie Europa, offizieller Verband für die Ausbildung im Bereich ATK. Die Handkralle ist typisch für ATK.
Claude Weiland, Leiter der Budo Akademie Europa, offizieller Verband für die Ausbildung im Bereich ATK. Die Handkralle ist typisch für ATK. FOTO: BAE
Cottbus. Ein 25-Jähriger, ausgebildet im Kampfsport Anti-Terror-Kampf, verletzt in Guben drei Polizisten. Die Budo Akademie Europa distanziert sich von dem Angriff. Brandenburgs Polizei-Gewerkschaft fordert, dass im Kampftraining klare Grenzen vermittelt werden. Lydia Schauffund Christian Taubert

"Wir müssen uns von der Aktion in Guben distanzieren. Dieser Mann hat auch nicht bei uns trainiert", sagt Claude Weiland, Leiter der Budo Akademie Europa (BAE) in Wilhelmshaven. Die BAE ist ein mehrdisziplinärer Dachverband für Kampfkunst und Selbstverteidigung und zuständiger Verband für die Lizenzierung und Ausbildung von Trainern im Anti-Terror-Kampf.

Genau hier setzt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Brandenburg mit ihrer Kritik an. Landesvorsitzender Andreas Schuster betont gegenüber der RUNDSCHAU, "dass den Kämpfern eindeutig die Grenzen des Einsatzes ihrer Kampfkunst vermittelt werden müssen".

Was war passiert? Ende Januar fährt der 25-jährige Manuel F. nach Guben, will mit seiner Ex-Freundin sprechen. Die Situation eskaliert, der Mann versucht gewaltsam in die Wohnung der Frau einzudringen, will die Wohnungstür aufbrechen. Die 19-Jährige verständigt die Polizei.

Die Beamten treffen auf einen erregten, emotionalen Mann, der nicht mit sich reden lassen will und stattdessen auf die Polizisten losgeht. Die traurige Bilanz: Drei Polzisten werden so stark verletzt, dass sie nach wie vor dienstunfähig und in medizinischer Behandlung sind.

Erst 15 zusätzlich angeforderte Beamte können Manual F. stoppen. Im Nachhinein stellt sich heraus: Der Mann betreibt seit seinem fünften Lebensjahr Kampfsport, lernt seit seinem zwölften Lebensjahr Anti-Terror-Kampf.

Claude Weiland: "ATK ist ein reines Selbstverteidigungssystem, das auf Nervendrucktechniken basiert. Es ist nur für den Notfall gedacht, um sich aus einer Gefahrensituation zu retten. Es geht darum, einen Angreifer zu kontrollieren, ohne ihn ernsthaft zu verletzen." Laut einem Artikel in der Fachzeitschrift der Budo Akademie Europa "Budo International" (Ausgabe 66/2015) sei die ATK-Selbstverteidigung nur das letztmögliche Mittel zur Konfliktlösung.

Ungewöhnlich sei laut Weiland auch das junge Alter, in dem Manuel F. die ATK-Ausbildung begonnen haben soll: "ATK wird bei uns erst ab 16 Jahren unterrichtet. Die Trainer achten bei den Schülern auch auf charakterliche Eignung. Wer eine Ausbildung zum ATK-Meister machen möchte, muss außerdem ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis vorweisen."

Des Weiteren werden ATK-Trainierenden rechtliche Grundlagen rund um das Thema Notwehrrecht und Nothilfe vermittelt, erklärt Claude Weiland.

Aus diesem Grund sei das, was in Guben geschehen ist, nicht mit den Prinzipien des "originalen" ATK vereinbar. Das originale "Anti-Terror-Kampf"-Selbstverteidigungssystem ist unter dem Namen ATK-SV geschützt.

Problem sei aber laut Claude Weiland von der Budo Akademie Europa, dass "Nachahmer und Trittbrettfahrer sich die Bezeichnung Anti-Terror-Kampf zu eigen gemacht haben, um ganz unterschiedliche Kampfsportarten zu bewerben." Diese hätten aber mit dem ursprünglichen System nicht unbedingt viel gemein.

Erfunden wurde Anti-Terror-Kampf 1963 vom 2007 verstorbenen Vater von Claude, Horst Weiland, der sich als Fremdenlegionär in Frankreich und Afrika Kenntnisse verschiedener Kampfsportarten angeeignet hat, um daraus "Anti-Terror-Kampf" zu entwickeln. Auch, wenn sich Grundprinzipien japanischer Kampfsportarten (Budo) in ATK finden, betont Claude Weiland, dass sich die Systematik, die Nervendrucktechnik und die Trainingslehre von Stilen wie Kung Fu, Judo oder Karate unterscheiden und unverwechselbar seien.

Zudem greife ATK, anders als japanische Kampfsportarten, auf Bewegungsabläufe zurück, die jeder anwenden könne. Tritte zum Kopf etwa gibt es nicht. Auch werden keine weltanschaulichen Werte vermittelt.

Gefragt nach der Schmerzunempfindlichkeit des Gubener Angreifers findet Claude Weiland keine Erklärung. Zwar sei es möglich, sich als Kampfsportler eine gewisse Schmerzunempfindlichkeit anzutrainieren, denn ein Kampfsportler müsse damit rechnen, auch Treffer einzustecken.

Im Thaiboxen etwa gebe es Trainierende, die mit ihrem Schienbein immer wieder gegen Bäume und harte Gegenstände treten, um die Nerven "abzustumpfen".

Aber völlige Schmerzfreiheit? "Das Schmerzempfinden auszuschalten, ist äußerst schwierig", so Claude Weiland. "Möglicherweise war der Adrenalinspiegel des Mannes in Guben so hoch, dass dessen Schmerzempfinden sehr eingeschränkt war. Auch, dass er wohl in einer emotional sehr angespannten Situation war, könnte da eine Rolle gespielt haben", vermutet Weiland.

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Vorfall in Guben hat auch die Budo Akademie, als Dachverband, etliche Nachfragen von Medien aber auch Mitgliedern erhalten und deshalb eine Presseerklärung herausgegeben, um sich von dem "Gewalttäter", der "brutal" vorgegangen sei, zu distanzieren.

Bis zu dem extremen Gubener Vorfall, der in den Medien Wellen geschlagen hat, war vielen "Anti-Terror-Kampf" kein Begriff. Nun müssen sich die Kampfsportler erklären.

Aber auch Politik und Polizei müssen sich, mit Blick auf die Ausbildung der Beamten, Fragen stellen lassen. Sind Polizisten für derartige Situationen nicht gut genug ausgebildet? Für GdP-Landeschef Andreas Schuster ist das - auch wenn über mögliche Konsequenzen aus dem Vorfall diskutiert werden müsse - eine in die Irre führende Debatte.

"Jeden Polizisten zum Kampfsportler auszubilden, das ist utopisch", sagt der Cottbuser Gewerkschafter. Vielmehr komme es darauf an, dass die Ausbilder in derartigen Kampfsportarten darauf hinwirken, dass der Einsatz der Mittel ausschließlich der Selbstverteidigung dient und sie sich jederzeit unter Kontrolle haben müssen.

Dem Einwand des Leiters der Budo Akademie Europa Claude Weiland, "dass die Ausbildung von Polizisten im Bereich Kampfsport nur sehr grundlegend ist und sie deshalb in ihrer Freizeit zusätzlich Kampfsport trainieren", entgegnet Schuster: "Polizisten werden in ihrer Ausbildung nie das Niveau erreichen, das Kampfsportler durch ihr regelmäßiges Training anstreben." Das sei auch nicht Sinn und Zweck der Ausbildung. "Die Polizei ist für die Bürger da." Der Sprecher des Brandenburger Innenministeriums Ingo Decker fügt hinzu: "Ich halte unsere Polizisten für sehr gut ausgebildet. So etwas wie in Guben ist ein Einzelfall."

Dass die Beamten in Guben trotz der extremen Aggressivität gegen die Polizisten nicht von der Schusswaffe Gebrauch gemacht haben, "darüber bin ich froh", sagt Schuster. Denn schnell hätten unbeteiligte Dritte betroffen sein können.

Dagegen gebe es bei den Beamten großes Unverständnis darüber, "dass der Täter schneller wieder aus dem Gewahrsam entlassen wurde, als unsere Polizisten aus dem Krankenhaus". Um diese Situation zu verändern, brauche es laut GdP-Vorsitzendem keine neuen Gesetze. Es müssten bestehende Regelungen nur konsequent angewandt werden.

Zum Thema:
Indem gezielt und dosiert auf empfindliche Punkte wie den Solar Plexus, ein Nervengeflecht zwischen Brustkorb und Magengrube, oder den Nervus Trigeminus, ein Hirnnerv mit sensorischen und motorischen Nervenfasern kurz unter der Schläfe eingewirkt wird, soll der Gegner kampfunfähig gemacht werden. Körperstellen wie Nacken oder Augen sind weitere Angriffspunkte. Es gilt aber: Einem Angreifer soll nicht mehr Schaden zugefügt werden als unbedingt nötig. Charakteristisch für ATK ist die Handkralle. Der Name des Kampfsportes bezieht sich auf Terror im Sinne von Bedrohung, Gefahr.