Die Müslitüten trugen Hieroglyphen. Etiketten ließen sich nicht entziffern. "Erst, wenn keine Kunden in der Nähe waren, fragte ich die Verkäuferin. Es war peinlich", sagt Rudolf Gottwald. Lesen und Schreiben konnte der 46-jährige Freitaler bis vor Kurzem nicht. Als einer von 292 Analphabeten in Sachsen geht er gegen seine Schwäche an und lernt. Mit seinem Mut gehört er zu einer Minderheit: Schätzungen der Unesco zufolge leben 220 000 Menschen im Freistaat, denen Buchstaben ein Buch mit sieben Siegeln sind. Besonders betroffen seien Jugendliche und Erwachsene aus ungünstigen familiären und sozialen Verhältnissen. Oftmals seien Desinteresse an Bildung und Vernachlässigung schuld am Analphabetismus, erklärte Flath.
Schlosser Gottwald mogelte sich durch. "Solange ich Arbeit hatte, störte mich meine Leseschwäche kaum", sagt er. Briefe und Anträge schrieb seine Frau. Floskeln für Bewerbungsschreiben lernte er auswendig oder malte sie mitunter von Vorlagen ab. Erst der Verlust des Arbeitsplatzes rüttelte ihn auf. Zweimal wöchentlich büffelt er nun in einem Freitaler Verein das ABC. "Das Lesen klappt viel besser als früher. Mit dem Schreiben geht es auch voran", sagt er selbstbewusst. Die Familie ist stolz auf ihn.
Analphabeten leben im Hintergrund. "Sie scheuen das Risiko, sich gesellschaftlich zu exponieren und wollen unauffällig bleiben", sagt Professor Harald Wagner von der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. Unintelligenter als ihre Zeitgenossen seien Analphabeten nicht, unauffälliger schon. Geschickt würden sie Wissenslücken verbergen. Nicht selten bleibe selbst das enge Umfeld ahnungslos.
Ursachen des Defizits vermuten Fachleute in der Kindheit. "Sie haben sich nicht als Adressaten von Lob oder Tadel erlebt", sagt Wagner. Widersprüchliche Erfahrungen hätten das Lernen für sie unattraktiv gemacht. Ihr Schneckenhaus würden sie meist erst verlassen, wenn Ereignisse das Leben aus der Bahn werfen.
Der Tod der Hilfsperson, Schuleinführung eines Kindes oder Verlust des Arbeitsplatzes markieren solche Einschnitte. "Lesen und Schreiben kann man in jedem Alter lernen", macht Wagner Mut. Auch 60-Jährige hätten Chancen in den Kursen. Gottwald: "Mein Kurs hat mir viel gebracht. Ob mit oder ohne neuen Job - ich mache auf jeden Fall weiter."
In den vergangenen sechs Jahren standen 500 000 Euro von der EU bereit. Das Geld soll an nichtinstitutionelle Weiterbildungseinrichtungen fließen. Ausgenommen davon seien unter anderem die Volkshochschulen. Sie erhalten laut Volkshochschulverband jährlich fünf Millionen Euro durch das Ministerium.

hintergrund Projekt gegründet
 Im Freistaat wurde das Projekt "Pass alpha: Pro Alphabetisierung - Wege in Sachsen" gegründet. Ziel sei es, lokale Bündnisse zwischen Arbeitsagenturen, Jugendämtern, Strafvollzugsanstalten und Weiterbildungseinrichtungen zu knüpfen. Bisher gibt es diese Bündnisse den Angaben zufolge in Freital, Hoyerswerda und Leipzig. Derzeit nehmen 292 Betroffene an Kursen in Sachsen teil.